Wirtschaft

Am Anfang war die Jaffa-Orange

Es fing alles mit der Jaffa-Orange an. Inzwischen ist Israel das Land mit der höchsten Zahl an Patentanmeldungen pro eine Million Einwohner. Foto: Thinkstock/ Illustration: Anita Ackermann

Einst waren Jaffa-Orangen das berühmteste Exportprodukt. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie von der arabischen Hajaj-Familie in Hainen rund um die Stadt Jaffa – heute ein Stadtteil im Süden von Tel Aviv – angebaut und über den nahe gelegenen Hafen neben Seife, Gerste, Zucker und Baumwolle in großen Mengen nach Europa exportiert.

Die Jaffa-Orange ist eine Kreuzung der bitteren Baladi-Apfelsine mit chinesischen Süßorangen. Sie ist saftig und enthält kaum Kerne. Die Marke »Jaffa-Orange« erfanden deutsche Pietisten, Templer aus Württemberg. Sie bauten ihre Orangen in Sarona, mitten im heutigen Tel Aviv, und in der Scharon-Ebene entlang der Mittelmeerküste an.

Im 20. Jahrhundert benutzten die frühen Zionisten diese Orangenhaine, um eu­ropäischen Juden die Landwirtschaft nä­herzubringen und sie nach Palästina zu locken.
Doch nach der Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren verlor die Jaf­fa-Orange zunehmend an Bedeutung für die aufstrebende Wirtschaft des jüdischen Staates. Heute werden die berühmten Apfelsinen vor allem in Zypern, Syrien, der Türkei und anderswo im Mittelmeerraum angebaut.

Bewässerung Dass sich Israels Landwirtschaft dank Hightech längst auf lukrativere Pro­dukte spezialisierte, begann vermutlich mit der Erfindung der Tröpfchenbewässerung im Kibbuz Hazerim. Wegen der schnellen Verdunstung in der großen Hitze wäre es Verschwendung, die Felder zu schwemmen oder mit Wasser zu besprühen. Durch Schläuche mit speziellen Düsen kann heute den Kulturpflanzen direkt an der Wurzel eine genau bemessene Wassermenge mitsamt beigemischtem Dünger zugeführt werden. So wird kein Tropfen Wasser verschwendet, Unkraut bleibt aus, und die Pflanzen gedeihen besser denn je.

Seit einiger Zeit nutzen die Israelis die extreme Hitze in der Jordansenke, um in ungewöhnlichen Jahreszeiten zum Beispiel Gewürzkräuter auf den europäischen Markt zu bringen. Ebenso stammen die saftigen marokkanischen Mejhoul-Datteln heute vorwiegend aus der Jordansenke und der Arawa-Wüste. Dort ist es auch gelungen, einen auf Masada gefundenen Dattelkern nach 2000 Jahren wieder zum Sprießen zu bringen.

cherrytomaten Federführend bei der Entwicklung und Züchtung neuer Obst- und Gemüsesorten ist vor allem das Volcani-Institut. Von dort stammen unter anderem die kleinen Cherrytomaten, eine rein israelische Erfindung.

Weitere Aktivitäten des Instituts sind die Entwicklung von Insektiziden gegen die mediterrane Fruchtfliege vor allem in der Arawa-Wüste. Auf beiden Seiten der jordanisch-israelischen Grenze greift sie neu gezüchtete bunte Paprika in Gewächshäusern an und hinterlässt schwarze Flecken. Das macht das für den Export bestimmte Gemüse unbrauchbar.
Also züchtet man in großem Stil künstlich sterilisierte Fliegen und lässt sie frei, wodurch die Fliegenpest langsam ausgerottet wird. Ein echter Erfolg ist aber nur möglich durch grenzüberschreitende Kooperation mit den Jordaniern.

Nach der Staatsgründung hatte Israels Wirtschaft mit riesigen Problemen zu kämpfen. Der Unabhängigkeitskrieg musste finanziert werden, es galt, Hunderttausende Flüchtlinge aus Europa aufzunehmen. Und bis Ende 1951 kamen weitere 800.000 jüdische Flüchtlinge aus arabischen Ländern hinzu. Die Verdopplung der Bevölkerung machte es nötig, innerhalb kurzer Zeit Wohnraum sowie Arbeitsplätze zu schaffen und führte zu scharfen Rationierungsmaßnahmen, um die vielen Menschen verpflegen zu können.

Bruttosozialprodukt Bis 1965 stieg das Bruttosozialprodukt um elf Prozent. Beim Aufbau der Infrastruktur halfen Anleihen und Investitionen aus den USA, Lieferungen von Schiffen, Eisenbahnen und Stromturbinen aufgrund des sogenannten Wiedergutmachungsabkommens mit Deutschland, der Verkauf von Staatsanleihen sowie jüdische Spenden.

Mehrere Kriege – 1956 im Sinai, 1967 der Sechstagekrieg, 1973 der Jom-Kippur-Krieg, 1982 und 2006 die Libanonkriege – sowie die Intifada ab 1987 und erneut ab 2000 bedeuteten eine schwere Bürde für Israels Wirtschaft. Zunächst musste der Staat viel Geld ins Militär investieren und sich im Ausland mit Rüstungsgütern eindecken.

Im Laufe der Zeit entwickelte Israel eine bemerkenswerte eigene Rüstungsindustrie, um Boykotte auszugleichen und auf die sich rasch wandelnden Bedürfnisse der Armee einzugehen. Die Soldaten waren ständig neuen Anforderungen ausgesetzt und mussten immer neue Lösungen finden, um etwa im Straßenkampf oder bei der Suche nach Terroristen in bewohnten Gebieten das Leben der eigenen Soldaten zu schonen, oder aber um bei Zusammenstößen mit aufständischen Palästinensern die Verluste an Menschenleben möglichst gering zu halten.

Sicherheit Hinzu kam ab Ende der 60er-Jahre das Phänomen der Flugzeugentführungen. Man ergriff im jüdischen Staat schon damals Sicherheitsmaßnahmen, die inzwischen auf allen Flughäfen der Welt und in den meisten Flugzeugen zur Norm geworden sind. Nach dem 11. September 2001 sagte der Chefpilot der israelischen Luftfahrtgesellschaft EL AL, dass jene verheerenden Terroranschläge in den USA mit einer EL-AL-Maschine nicht hätten passieren können. Denn aus Gründen der Sicherheit verriegelten die Israelis schon damals ihre Pilotenkanzeln. Inzwischen ist dies bei den meisten Passagierflügen üblich.

Es fing also alles mit der Jaffa-Orange an. Inzwischen ist das kleine Israel eine Weltmacht geworden: das Land mit der höchsten Zahl an Patentanmeldungen pro eine Million Einwohner.

Die israelischen Start-ups nutzen die Fähigkeit, aus der Not heraus Probleme zu erkennen. Entgegen allen Widrigkeiten und Konventionen lösen sie sie im Handumdrehen. So haben sie das kostenlose Telefonieren per Internet, den USB-Stick, Waze und Mobileye für Autos sowie viele Elemente im Smartphone und zahllose Erneuerungen in der Medizin erfunden. Dies ist heute einer der wichtigsten Motoren der israelischen Wirtschaft. Deshalb ist Israel seit 1994 auch kein Entwicklungsland mehr, sondern ein führendes Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Nahost

Verletzte nach iranischem Raketenbeschuss

Die Lage im Überblick

 26.03.2026

Dokumentation

»Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde«

In Erfurt sprach der Zentralratspräsident über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an Familienministerin Karin Prien ein

 25.03.2026

Krieg gegen Iran

Hoffnung auf Verhandlungen

Raketenalarm in Tel Aviv, Angriffe auf Teheran: Trotz neuer Vermittlungsversuche und Forderungen an den Iran bleibt eine schnelle Waffenruhe wohl unwahrscheinlich

 25.03.2026

Berlin

»Ich bin für dich Ron!«

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinden Deutschlands, ehrte Israels Botschafter Ron Prosor für dessen Engagement für die kurdischen Gemeinden. Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut

von Ali Ertan Toprak  25.03.2026

Nachrichten

Flüge, Preis, Kritik

Meldungen aus Israel

von Sabine Brandes  25.03.2026

Krieg

Iran beschießt Israel erneut mit Raketen

Bislang gibt es keine Berichte über Opfer

 25.03.2026

Israel

Regierung stimmt Bau einer permanenten US-Botschaft in Jerusalem zu

Ein Grundstück im sogenannten Allenby-Komplex wird für das Vorhaben bereitgestellt

 25.03.2026

Nachrichten

Vermisst, Einmischung, Deal

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  24.03.2026

Israel

Lex Haredim auf Eis

Zustimmung zum Kriegshaushalt erkauft

von Sabine Brandes  24.03.2026