Jerusalem

Altstadt barrierefrei

Altstadt von Jerusalem Foto: Getty Images/iStockphoto

Jerusalem

Altstadt barrierefrei

Renovierungen machen die Gassen für Behinderte, Kinderwägen und Transporte zugänglicher

von Sabine Brandes  21.03.2019 07:37 Uhr

Die Altstadt von Jerusalem ist eine ganz besondere Mischung: jüdische Basis, römisches Kopfsteinpflaster, mamlukische Aufbauten, osmanische Grenzen, doch Einwohner und Touristen mit Bedürfnissen des 21. Jahrhunderts. Auf diese wird mit der Fertigstellung des Projekts »Jerusalem auf Rädern« jetzt wesentlich besser eingegangen. Es vereinfacht den Zugang und den Aufenthalt für behinderte und nichtbehinderte Menschen, die in den antiken Gassen leben, arbeiten oder sie besuchen.

Insgesamt sind die Renovierungsarbeiten mit mehr als 20 Millionen Schekel, umgerechnet fünf Millionen Euro, angesetzt. Sie werden von verschiedenen Behörden finanziert: der Stadtverwaltung, den Behörden für Jerusalem-Entwicklung und Altertümer, der Nationalen Versicherungsanstalt sowie den Ministerien für Jerusalem und Sehenswürdigkeiten sowie Tourismus. Durchgeführt werden die Arbeiten von der Entwicklungsgesellschaft für Ost-Jerusalem in Zusammenarbeit mit Beratern für behindertengerechten Ausbau sowie Experten, die sich mit der besonderen Topografie der Stadt auskennen.

Vier Kilometer Straße sind jetzt behindertengerecht, zwei Kilometer Treppen mit Geländer versehen.

kulturerbe Die Altstadt von Jerusalem mit ihren Mauern ist UNESCO-Weltkulturerbe und unterliegt daher strikten Auflagen für die Erhaltung. Auf einem Areal von einem Quadratkilometer leben etwa 40.000 Einwohner. Mit rund zehn Millionen Gästen pro Jahr ist sie die am meisten besuchte Stätte in ganz Israel und bedarf schon lange einer Überholung in Sachen Zugang. Viele der engen und steilen Wege sind besonders für gehbehinderte Menschen oder Familien mit Kinderwagen schwer oder überhaupt nicht zu bewältigen. Auch Arbeiter, die Lasten transportieren müssen, stehen oft vor Problemen.

Der Höhenunterschied zwischen dem höchsten und dem tiefsten Punkt der Altstadt beträgt 55 Meter. Das gesamte Areal ist geprägt von »ungeraden Maßen und Winkeln, von sehr hohen bis zu extrem niedrigen Zugängen, die professionelle Arbeiten zu einer Herausforderung machen«, wie es in einer Mitteilung der Behörden zu der Gemeinschaftsaktion heißt. Ziel sei es, die Altstadt zu renovieren und die Orte und Sehenswürdigkeiten für alle Menschen zugänglich zu machen, ohne dabei den einzigartigen Charakter der Gegend zu gefährden, ihn vielmehr für die zukünftigen Generationen zu erhalten.

Archäologie Der Tel Aviver Pensionär David Livneh begeistert sich für Archäologie und fährt nach Jerusalem, seit er denken kann. Doch nach einem Sturz vor zwei Jahren ist er leicht gehbehindert. »Früher bin ich mindestens einmal im Monat durch die Altstadt spaziert, Geschichte ist meine große Leidenschaft«, erzählt er. »Aber viele der Gehwege sind extrem schwierig, die Treppen oft rutschig, besonders im Winter. Und es gibt nichts, woran man sich festhalten kann. Aus diesem Grund bin ich seit meinem Unfall nicht mehr hingefahren. Ich habe Angst, wieder zu fallen. Aber ich vermisse Jerusalem sehr.«

Der Höhenunterschied zwischen dem höchsten und dem tiefsten Punkt der Altstadt beträgt 55 Meter.

Für Livneh und alle anderen, die auf Gehhilfen und Rollstühle angewiesen oder mit sonstigen Rädern unterwegs sind, ist der Zugang durch die behindertengerechte Anpassung von vier Kilometern Straße im muslimischen, armenischen und christlichen Viertel wesentlich vereinfacht worden. An Treppen wurden insgesamt zwei Kilometer Handläufe angebracht, die für mehr Sicherheit sorgen. Zudem wurden 14 neue Toilettenhäuschen gebaut, jeweils mit fünf bis acht Einheiten.

»›Jerusalem auf Rädern‹ ist ein innovatives und neues Projekt, das auch Behinderten den historischen und kulturellen Reichtum unserer Stadt zugänglich macht«, heißt es in der Erklärung. Die Anpassungen seien allesamt in Abstimmung mit den Anwohnern und Händlern der Gegend gemacht worden. »Zum ersten Mal können die Altstadtbewohner und Gäste sicherer durch die engen Gassen und entlang der steilen Wege gehen. Das verbessert die Lebensqualität immens.«

Die zugänglichen Routen und Straßen sind unter anderem per App abrufbar.

Nur relativ wenige Städte in der Welt würden archäologische Stätten, Einrichtungen für Touristen und Wohnraum so vereinen wie Jerusalem. »Und soweit wir wissen, gibt es keine andere Stadt mit dem Status Weltkulturerbe, die ein so weitreichendes Projekt zur Zugänglichkeit in die Tat umgesetzt hat.« Die Arbeiten umfassen neben den Renovierungen eine neue einheitliche Beschilderung mit Wegweisern und Erklärungen entlang der hauptsächlichen Touristenrouten. Das Reinigungs-, Müllentsorgungs- und Abwassersystem wurde ebenfalls erneuert oder verbessert, verschiedene Fassaden von Geschäftszentren renoviert.

Routen Die zugänglichen Routen und Straßen sind: Süd–Nord – vom Zionstor bis zum Damaskustor (Cardo-Route); West–Ost – vom Jaffator bis zum Neuen Tor (Grabeskirche und Kotel), Khaladia, Saraih, Morristan, St. Mark, Ararat, Bikur Cholim und andere Straßen sowie teilweiser Zugang zur David- und HaSchalselet-Straße. Die Promenade vom Zionstor bis zum Dungtor entlang der nördlichen Außenmauer wird demnächst fertiggestellt.

Besucher können sich anhand eines gedruckten Stadtplans oder einer App mit Echtzeit-Navigation durch die Gassen bewegen, beide werden in acht Sprachen angeboten, darunter auch auf Deutsch. Zudem ist ein kostenloser behindertengerechter Shuttle-Service eingerichtet, der Touristen (außer am Schabbat) alle 20 Minuten von der First Station in der Neustadt in die alten Gassen bringt.

Benny Sassy, Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft für Ost-Jerusalem, ist stolz auf das Projekt: »Wir haben uns in vielen Bereichen für Touristen und Anwohner starkgemacht, um das Erlebnis ›Altstadt Jerusalem‹ zu verbessern.« Der Zugang zu einer historischen Stätte sei immer ein komplexes Unterfangen, ganz sicher für eine Stadt wie Jerusalem, meint er. »Doch es ist von großer Wichtigkeit, Wohnhäuser und Sehenswürdigkeiten für alle erreichbar zu machen. Jahrelang haben wir hart daran gearbeitet – und jetzt ist es an der Zeit, die Neuerungen zu nutzen und zu feiern.«

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