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Abraham war Backpacker

Was getan werden muss, ist nicht zu übersehen. In fetten bunten Lettern steht es auf den Wänden überall im Haus: Unter der Dusche singen ist ein Muss, statt zu arbeiten solle man besser reisen, und sein Essen teilt man mit Freunden. So, wie es bereits Urvater Abraham tat. Im gleichnamigen Hostel in Jerusalem halten sich die Gäste strikt an die Anweisungen. »Warum auch nicht?«, meint ein junger Amerikaner in der Gemeinschaftsküche und schnappt sich die Milch vom Mitbewohner, »das sind doch prima Regeln«.

»Das Abraham ist ein Zuhause fern des eigenen Zuhauses«, hat ein anderer mit Kugelschreiber auf einen Zettel gekritzelt und an die Wand im Aufenthaltsraum gepinnt. Ein fettes Smiley prangt daneben. Dabei ist das Gebäude von außen nicht unbedingt eine Schönheit. Ein grauer Klotz mitten am zentralen Davidka-Platz zwischen Neviim- und Jaffa-Straße. So unscheinbar es wirkt, so bleibend ist der erste Eindruck, tritt man durch die Tür in die Lobby. Freundliche Farben strahlen mit den Menschen um die Wette, die hier die Gäste in Empfang nehmen.

Gal Mor ist Manager und Miteigentümer. Gemeinsam mit seinen Partnern Maoz Inon und Yaron Burgin übernahmen sie im Oktober 2010 die Immobilie. Das Haus hat eine bunte Vergangenheit, war Buchhaltungsabteilung der Stadtverwaltung, später Jugendherberge, dann besetztes Haus und im Anschluss sozialer Wohnungsbau mit Mietern aus der untersten sozialen Schicht.

Ranking Geld hatten die jungen Unternehmer nicht. Mut dafür umso mehr. Sie taten Investoren auf und öffneten nach einer teilweisen Renovierung die Pforten. Im ersten Jahr hätten sie keinen einzigen öffentlich zugänglichen Raum gehabt und nur auf zwei Fluren als Hostel fungiert, erinnert sich Mor. In den anderen Etagen werkelten die Bauarbeiter, während die ersten Gäste ihre Rucksäcke abschnallten. Dennoch flog das Abraham mit Überschallgeschwindigkeit in sämtlichen Internet-Hotelbewertungen auf die obersten Ränge. »Kein Wunder«, winkt Mor ab. »Wir haben den Leuten gesagt: ›Wir bauen hier etwas Neues auf, und ihr sollt dabei sein. Es könnte zwar laut werden, dafür machen wir euch einen guten Preis‹. Und das kam an.«

Wer Luxus sucht, ist im Abraham am falschen Ort. Das Hostel ist simpel und schlicht, doch gleichzeitig funktionell und sauber. »Man soll sich auf den Zimmern nicht unbedingt aufhalten«, stellt der Manager klar, »sondern rausgehen, das Land erkunden, Leute kennenlernen und Spaß haben«. Zeit verbringen könne man uneingeschränkt auf der Dachterrasse oder im Herzen des Hostels, dem riesigen Aufenthaltsraum mit Pool-Billard, Bar, Hängematten, Frühstücksküche »und der billigsten Bar in Town«, wie Mor stolz verkündet.

Hier chillen die Besucher abends, feiern, tauschen Reiseerfahrungen und -tipps aus. »Was es braucht, sind Sauberkeit und die kleinen Dinge, die das Reisen angenehm machen.« Jedes Zimmer verfügt über ein eigenes Bad und WC, dazu gibt es Duschen auf den Fluren. Neben jedem Bett ist eine Leselampe plus Steckdose angebracht, für Laptop und Co. Auf einem der Stockwerke ist ein kompletter Waschsalon inklusive Bügelbrett und -eisen eingerichtet.

Das Abraham verfügt derzeit über 72 Zimmer, an weiteren 13 wird gearbeitet. Eine Nacht im Mehrbettzimmer kostet von umgerechnet etwa 16 bis 22 Euro inklusive Frühstück, im privaten Raum 52 bis 80 Euro. Die Israelis wollen mit ihrem Konzept nicht nur eine Unterkunft bieten, sondern das Bewusstsein im Land in Sachen Individualreisen verändern.

Dafür wollen sie eine Marke mit Wiedererkennungswert kreieren. Das Logo des Abraham prangt auf T-Shirts, auf Kaffeetassen und Postern. »Wir werden eine Kette im ganzen Land«, erklärt der 35-Jährige und klingt dabei absolut nicht größenwahnsinnig. »Vielleicht sogar in Zukunft in der ganzen Region. Das wäre ein echter Traum.« Zunächst aber bleiben sie innerhalb der Landesgrenzen und suchen ein Haus in Tel Aviv.

Infrastruktur Matt White kommt gerade aus der Weißen Stadt am Meer und ist auf dem Weg ins Abraham. Den dicken Rucksack geschultert, in der Hand das Mobiltelefon mit Navigations-App. Der Kanadier will jetzt die Goldene Stadt erkunden. »Das Heilige Land ist ein Traum«, schwärmt er, »aufregend, und es gibt unendlich viel zu sehen.« Allerdings sei es für Backpackers sehr, sehr teuer.

Dem kann Mor nur zustimmen. Er selbst ist Reisender aus Leidenschaft. Erkundete die Welt mit dem Rucksack auf dem Rücken. Zurück in der Heimat, erkannte er den Mangel sofort. »Israel ist das perfekte Land für individuellen Tourismus. Doch die Infrastruktur dafür ist nicht vorhanden. Es fehlt an Informationen für diese Klientel, an günstigen und guten Hostels sowie erschwinglichen Touren.«

Mor und seine Partner leiten inzwischen das größte private Hostel im Nahen Osten, haben ein eigenes Tour-Unternehmen mit eigenem 16-Sitzer-Bus gegründet, das Ausflüge ins ganze Land, Westbank inklusive, zum kleinen Preis anbietet. Außerdem liefern sie Informationen an ihre Kunden im Reisezentrum, das in der Lobby des Hostels untergebracht ist.

Eine Studie der Universität in Jerusalem kam zu dem Ergebnis, dass Individualtourismus in vielerlei Hinsicht nachhaltiger ist, als andere Arten zu reisen. Entgegen der Annahme bringt er sogar mehr Geld ins Land als Gruppen- und Luxusreisende. Mor erklärt: »Die Rucksacktouristen geben nur anders aus. Sie unterstützen statt der großen Hotelketten oder teuren Reiseveranstalter kleine, lokale Geschäfte. Die jungen Leute gehen viel essen, in Bars, Kneipen und bleiben oft länger als andere.« Es würde sich also lohnen, mehr in diese Art von Tourismus zu investieren, sind sich die jungen Unternehmer sicher.

Das Abraham hat eine Belegung von bis zu 95 Prozent, während reguläre Hotels schon bei 70 Prozent von einem Rekordjahr sprechen. Mor weiß, warum. »Wir geben den Leuten alles, was sie brauchen – von Reisendem zu Reisendem.« Er muss es wissen. Schließlich ist der biblische Individualreisende der Region sein Urahn. »Stimmt«, lacht Mor, »Abraham war der allererste Rucksacktourist«.

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