Nationalpark

Abenteuer im Höhlenlabyrinth

Ein kleiner Drache huscht über den Weg, verschwindet im hohen Gras und taucht auf den hellen Felsen wieder auf, die wie steinerne Meereswogen aussehen. »Hast du den gesehen?«, ruft Nurit und versucht, noch einen Blick auf die – zugegeben – erstaunlich große Eidechse zu erhaschen. Doch die hat schnell das Weite gesucht.

Die vierjährige Nurit weiß gar nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. »Meine Tochter liebt die Natur, und hier können wir so vieles entdecken«, sagt die Mutter. Über ihren Köpfen sausen pfeilschnell Mauersegler durch die Luft, in den Sträuchern mit dem frischen Grün liefern sich Spatzen ein Pfeifkonzert, und Palmtauben nutzen den Höhleneingang als Einflugschneise.

Israels Nationalpark Bet Guvrin-Marescha ist ein Paradies für Familien mit Kindern, die toben, klettern und die Unterwelt erkunden wollen. Denn auf mehreren Quadratkilometern unterhalb der beiden antiken Schwesterstädte erstreckt sich ein Höhlenlabyrinth, das seit Mitte April offiziell als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet ist. Die beiden Orte lagen zu biblischer Zeit am Kreuzpunkt zwischen Aschkelon und Lod, Hebron und Jerusalem.

Menschenhand »Für den Titel Weltkulturerbe gibt es kein Geld, aber er lockt mehr Touristen her«, erklärt Zvika Zuk, Chefarchäologe der Naturparkbehörde. Fast 200.000 Besucher zählt Bet Guvrin-Marescha pro Jahr, meistens sind es Eltern mit ihren Kindern, die kommen.

Die Lehrerin Rachel Perets hat einen Jahrespass für die rund 60 Nationalparks und Naturschutzgebiete, die über ganz Israel verstreut sind, aber da sie in Jerusalem wohnt und ihre jüngste Tochter erst drei Jahre alt ist, sucht sie sich für ihre Wochenendausflüge nahe gelegene Ziele aus: »Bis Bet Guvrin brauchen wir mit dem Auto knapp eine Stunde, das ist das Maximum für mich.«

Jede Stätte, die als Weltkulturerbe anerkannt werden will, muss ihren herausragenden universellen Wert für die Menschheit beweisen. Im Falle von Bet Guvrin-Marescha geht es um menschliche Zeugnisse aus rund 2000 Jahren – von der Eisenzeit bis in die Kreuzfahrerära. Denn das Höhlensystem ist nicht durch die Kräfte der Natur entstanden, sondern von Menschenhand. Begünstigt wurden die Arbeiten durch den weichen Kalkstein, der unter einer bis zu drei Meter dicken härteren Gesteinsschicht lagert. »Die Juden, Sidonier, Griechen, Römer und Byzantiner, die den Untergrund ausgehöhlt haben, schufen zuerst einen Durchbruch von zwei Metern Durchmesser. Durch das Loch haben sie das Material aus der Tiefe abtransportiert, wo sie große unterirdische Räume anlegten«, erzählt Zuk.

Die rund 500 bekannten Höhlen des Nationalparks dienten den unterschiedlichsten Zwecken, nur nicht zum Wohnen, wie der Archäologe erklärt: »Die Menschen wussten schon damals, dass die Feuchtigkeit und der Lichtmangel auf Dauer gesundheitsschädlich sind.« Die Höhlen waren Begräbnisort, Wasserreservoir, Lagerraum und religiöse Kultstätte. Manche wurden als Taubenschläge und Werkstätten genutzt, wo aus Oliven Öl gewonnen wurde. In einer Höhle sind die Ölpressen rekonstruiert worden.

sidonier
Die deutschen Archäologen Hermann Thiersch und J. P. Peters entdeckten um 1900 die ersten Höhlen wieder, die jahrhundertelang nicht mehr genutzt worden waren. Dabei stießen sie auch auf die beiden Begräbnishöhlen der Sidonier, die aus dem dritten Jahrhundert v.d.Z. stammen.

Oberhalb der Grabkammern ist das Gesims mit Tieren bemalt. Man sieht einen Elefanten, ein Nashorn, Fabelwesen und Fische. Die Wanddekorationen sind Rekonstruktionen, nachdem die Originale, die Thiersch und Peters vorfanden, von Grabräubern und Besuchern zerstört worden waren. Die beiden Forscher bestätigten mit ihren Studien, dass es sich bei Marescha um das hellenistische Marissa handelte, das von König Rehabeam von Judäa im 10. Jahrhundert v.d.Z. zur Festung ausgebaut worden war.

900 Jahre später zerstörten die Parther Marescha, und Bet Guvrin stieg zur bedeutendsten Stadt der Region auf, die schon der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius erwähnt. Auch im Talmud und im Midrasch taucht der Name auf. Die dortigen Höhlen sind erst im 6. bis 8. Jahrhundert entstanden, im Unterschied zu den Marescha-Höhlen wurden sie vor allem als Steinbrüche genutzt. Wer die hallenartigen Räume durch die bogenförmigen Eingänge betritt, fühlt sich an eine Kathedrale erinnert. Vielleicht auch deshalb hat ein Brautpaar sich an diesem Tag zum Fotoshooting eingefunden. In einer anderen Ecke spielt die Frauenband MaLaika Percussion. »Das ist ein einzigartiger Klangraum«, sagt Bandmitglied Roni Parnass.

Abwechslung Zvika Zuk kam als junger Soldat auf einer Wanderung per Zufall nach Bet Guvrin. Er war so fasziniert von den Höhlen, dass er später Archäologie studierte und promovierte. Aber man muss sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, um seinen Spaß zu haben. »Das Gelände ist so weitläufig, und es gibt so viel Abwechslung. Man kann auf einen der Hügel steigen, Picknick machen oder sich in der Sommerhitze in einer Höhle abkühlen«, sagt die Lehrerin Perets, die noch nach einem Ausflugsziel für den diesjährigen Unabhängigkeitstag sucht. Die Süßwasserquellen im Nationalpark Einot Zukim am Toten Meer, wo kleine Kinder in naturbelassenen Betonbecken planschen können, besucht sie auch gern.

Acht Stätten hat Israel bereits auf der Weltkulturerbeliste. Ende Juni will Zuk nach Bonn reisen, wo sich das UNESCO-Komitee trifft, um die neuen Nominierungen auszuwählen. Als nächstes hoffen die Israelis, dass Bet Schearim, die Nekropole bei Haifa, zum Zuge kommt. Aber Zuk verrät, dass es noch ein paar Unsicherheiten gibt. »Notfalls warten wir noch ein Jahr.«

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