Israel

1890 Tage ohne ihn

Solidarität: Israelis lassen sich in Gilad-Schalit-Pose fotografieren. Foto: Flash 90

Die Bemühungen, den vor fünf Jahren nach Rafah in den Gazastreifen verschleppten israelischen Corporal Gilad Schalit aus der Geiselhaft zu befreien, sind erneut ins Stocken geraten. Gut informierte Kreise ließen durchblicken, dass Israel den jüngsten Kompromissvorschlag des deutschen Vermittlers Gerhard Konrad vom BND akzeptiert hat, während die Hamas neue Forderungen gestellt habe.

Die Hamas verlangt die Freilassung von über tausend palästinensischen Gefangenen. Auf der Liste stehen die Namen der schlimmsten Massenmörder der Zweiten Intifada. Die neuen Forderungen hätten die Bemühungen in eine Sackgasse geführt.

An diesem Sonntag wird Gilad Schalit 25 Jahre alt. Mittlerweile ist er für die Israelis ein Nationalheld. Es gab »Solidaritätsmärsche« mit Zehntausenden Teilnehmern. Seine Eltern, Noam und Aviva, kampieren auf dem Bürgersteig vor der Residenz des Ministerpräsidenten. Sie setzen Netanjahu unter Druck, »jeden Preis« für die Rettung ihres Sohnes zu zahlen. Zeitungen veröffentlichen Reportagen über Schalits Mitschüler und Mitkämpfer.

Solidarität »Es ist schwer vorstellbar, dass seine Freunde ein normales Leben führen, während er weiterhin in Gefangenschaft sitzt«, sagt Dagan Schocher, 27, Schalits Befehlshaber bei der Panzerbrigade 188. Nun wollen sie Schalits 25. Geburtstag feiern, den sechsten in Gefangenschaft. Solidaritätskundgebungen wird es auch im Ausland geben, zum Beispiel in Siegen.

Und auch aus Deutschland kommen Stimmen zu Gilad Schalit. Reinhold Robbe, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sagte in einem Statement: »Viele Menschen in Israel, Deutschland und allen Demokratien dieser Welt denken gerade in diesen Tagen an Gilad Schalit. Jeder, der sich den elementaren Menschen-rechten verbunden fühlt, wünscht Gilad Schalit Kraft und Durchhaltevermögen. Alle Verantwortlichen – also auch die deutsche Bundesregierung – sind aufgefordert dafür einzutreten, dass er nicht noch einen Geburtstag in Gefangenschaft verbringen muss«.

Lala Süskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin fordert anläßlich Schilats Geburtstages erneut seine sofortige und bedingungslose Freilassung und versichert: »Lieber Gilad, wir vergessen Dich nicht. In unseren Gedanken sind wir bei Dir – bis Du endlich wieder zu Deiner Familie und in die Freiheit zurückkehren kannst«.

Israel In Israel demonstrieren gelegentlich israelische Terror-Opfer. Eine Freilassung der Massenmörder könnte weitere Israelis das Leben kosten, argumentieren sie. Aber in Israel ist es nicht populär, Schalits Leben gegen potenzielle Tote aufzurechnen.

Gilad Schalit, am 28. August 1986 in Naharia nahe der Grenze zum Libanon geboren, diente wie sein älterer Bruder Yoel bei der Panzertruppe. Der schüchterne und stets hilfsbereite Junge liebte Mathematik, Leichtathletik und Basketball. Am 25. Juni 2006 um 5.40 Uhr morgens eröffneten acht bewaffnete Palästinenser das Feuer auf seinen Panzer, wenige Hundert Meter vom Länderdreieck Ägypten-Israel-Gazastreifen und dem Kibbuz Kerem Schalom entfernt.

Die Kämpfer des »militärischen Arms der Hamas-Organisation« hatten unbemerkt unter dem Grenzzaun einen Tunnel im Sandboden gegraben und waren auf israelisches Territorium vorgedrungen. Bei dem Überfall wurden mehrere Soldaten verletzt und zwei getötet. Über die spricht niemand mehr.

Genfer Konvention Schalit, an der Schulter verletzt, wurde von den Kämpfern jener »Iz A Din el Kassam Brigaden« durch den Tunnel nach Rafah verschleppt. Seit 1890 Tagen sitzt Schalit in Haft. Die Hamas gewährt ihm keine Besuche des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, wie es das internationale Kriegsrecht laut Genfer Konventionen vorsieht. Schalit durfte drei Briefe und eine Audiobotschaft als Lebenszeichen verschicken.

Am 2. Oktober 2009 zahlte Israel in Erwartung eines Gefangenenaustausches den Preis von 20 freigelassenen palästinensischen Gefangenen, um im Tausch ein 2:42 Minuten langes Video von Schalit zu erhalten. Gemäß israelischen Vorgaben musste er eine Tageszeitung in der Hand halten und einige Schritte gehen, um seinen Gesundheitszustand diagnostizieren zu können. Seitdem existiert kein weiteres Lebenszeichen.

Schalit hat dank seines Vaters auch einen französischen Pass. Präsident Nicolas Sarkozy bemüht sich persönlich um seine Freilassung. Der Soldat wurde schon zum Ehrenbürger von Paris und Rom erklärt. Sein Foto hing als Großplakat am Pariser Bürgermeisteramt und am Kolosseum in Rom, um für Solidarität, Mitgefühl zu werben sowie Druck auf die Hamas auszuüben.

Druck Doch der weltweit öffentliche Druck ist auch kontraproduktiv. Die Hamas schraubt den Preis für ihre Geisel immer höher und Israel ist erpressbar. Für die Terrororganisation ist Schalit wie eine Lebensversicherung. Denn solange er sich in Geiselhaft befindet, wagt Israel keinen endgültigen Schlag gegen die Hamas. Unter keinen Umständen darf Schalits Leben gefährdet werden.

Kein anderes Land reagiert so empfindlich und rabiat wie Israel, wenn ein Soldat lebendig in Feindeshand gerät. Der Fall des 1982 über Libanon abgestürzten und lebendig gefangen genommenen Phantom-Navigator Ron Arad war jahrelang höchste Priorität unter israelischen Politikern.

Nach der Geiselnahme des Soldaten Nachschon Waxman in Ramallah 1994 startete das Militär eine waghalsige Befreiungsaktion. Die endete mit dem Tod Waxmans und der Geiselnehmer. Der Fehler: Die Befreier wussten nichts von Vorhängeschlössern an der Tür. Die Verzögerung um wenige Sekunden kostete Waxman das Leben. Heute wagt niemand, die Verantwortung für eine gewaltsame Befreiung von Schalit zu übernehmen, weil es keine Erfolgsgarantie gibt.

Vermittlung Am 12. Juli 2006 überfiel die Hisbollah im Libanon eine israelische Grenzpatrouille. Mehrere Soldaten wurden getötet, aber zwei wurden in den Libanon verschleppt: Eldad Regev und Ehud Goldwasser. Mit deutscher Vermittlung kam ein Gefangenenaustausch zustande. Doch anstatt die beiden Soldaten auszuliefern, wurden zwei schwarze Särge auf den Asphalt bei dem Grenzübergang Ras el Nakura gestellt.

Für Ehud Olmerts Regierung kam die Entführung einer Kriegserklärung der Hisbollah gleich. Das war der Beginn des »Zweiten Libanonkrieg«. Die Hisbollah hatte damit auf Israels Überreaktion wegen der Geiselnahme des Soldaten Gilad Schalit durch die Hamas drei Wochen zuvor geantwortet.

Der israelische Reflex geht auf das mittelalterliche Prinzip zurück, für das Leben eines gefangenen Juden »ein ganzes Weltreich« zu zahlen. Die hohe Motivation und Kampfmoral israelischer Soldaten wird heute mit deren Gewissheit erklärt, dass der Staat Israel alles in seinen Kräften tue, sie freizukaufen, falls sie in Gefangenschaft geraten.

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