Frankfurt am Main

Zwölf Termine in 14 Tagen

Rhythmisches Applaudieren auf der Bühne: die Musiker des Idan-Raichel-Projekts Foto: Rafael Herlich

Vom Superstar ist zunächst nicht viel mehr als ein Schatten zu sehen, der sich langsam über die Bühne bewegt. Ein Umriss ist das Einzige, was von Idan Raichel zu erspähen ist. Seinen Fans aber, die am Sonntag den Weg in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks gefunden haben, reicht das schon aus. Begeisterter Applaus und Jubelschreie begleiten den Schatten auf seinem Weg zum Flügel am linken Rand der Bühne. Er nimmt Platz. Dann endlich richtet sich der Scheinwerfer auf den Mann am Klavier.

Das Erste was man sieht, ist ein Haufen Haare, Dreadlocks, die bis auf den halben Rücken hinunterreichen. Idan Raichel hebt seinen rechten Arm, setzt an und lässt seine Finger blitzschnell über die Tasten gleiten. Einen Augenblick ist das Publikum, rund 500 Besucher, ganz ruhig. Dann bricht der nächste Sturm der Begeisterung über Israels derzeit erfolgreichsten Musiker herein. Das Konzert beginnt und mit ihm die Jüdischen Kulturwochen 2010.

Begegnungen Die zweiwöchige Veranstaltungsreihe startet mit einem Ausrufezeichen. »Begegnungen« lautet das Motto dieser mittlerweile 31. Ausgabe der jüdischen Kulturwochen in der Mainmetropole. Und tatsächlich bietet das Programm den einen oder anderen prominenten Namen, dem man nur allzu gerne begegnen möchte: Wladimir Kaminer, Stefanie Zweig und eben Idan Raichel. »Jüdische Kultur pur«, nennt das der Kulturdezernent der Frankfurter Gemeinde, Dieter Graumann.

Doch die großen Namen dienen nur als Aufhänger. Tatsächlich, betont Graumann, gehe es darum, Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft, die in dieser Stadt leben, zu ermöglichen. Unterstützt wird dieses Anliegen von der Stadt Frankfurt mit einem Zuschuss von rund 30.000 Euro. »Gerade in schwierigen Zeiten ist das eine sinnvolle Investition in eine liberale Stadtgesellschaft«, so Graumann.

Pluralität Ein Teil eben dieser liberalen Stadtgesellschaft hat sich im Sendesaal zusammengefunden. An den Einlasskontrollen bildet sich eine lange Schlange, die beinahe bis hinaus auf die Straße reicht. In der Rotunde des Hessischen Rundfunk – einst als Sitz des Bundestages vorgesehen – hallt das Echo von einem halben Dutzend Sprachen wider. Deutsch, Russisch, Hebräisch. Das Publikum, das gekommen ist, um Idan Raichel zu sehen, lässt sich weder in bestimmte Kulturkreise noch Altersgruppen einordnen. »Pluralität«, erklärt Graumann, »ist für uns längst Normalität.«

Eben diese Pluralität solle auch im Programm Ausdruck finden, bei den Konzerten, Führungen und Ausstellungen. Zwölf Veranstaltungen in 14 Tagen stehen an, darunter der 100. Jahrestag der Einweihung der Westend‐Synagoge, die am kommenden Montag »allen Bürgern der Stadt« offenstehen wird. Ein Wagnis für die Frankfurter Gemeinde und ein Bekenntnis, wie Graumann betont: »Allen schrägen und immer schräger werdenden Debatten zur Integration setzen wir hier ein Fest der Pluralität entgegen.«

integration Als ebensolches Bekenntnis ist der Auftritt der Frankfurter Integrationsdezernentin Nargess Eskandari‐Grünberg zu bewerten. In den vergangenen Monaten hat sich die Grünen‐Politikerin, nicht zuletzt dank des unter ihrer Führung ausgearbeiteten städtischen Integrationskonzepts, zum roten Tuch für Rechtspopulisten aller Art entwickelt. Ausdrücklich lobt sie das Konzept der Kulturwochen. »Denn Begegnungen dieser Art«, sagt Eskandari‐Grünberg, »sind immer noch nicht selbstverständlich.«

Zu Idan Raichel haben sich derweil weitere Musiker gesellt. Sie alle sind Teil des von ihm ins Lebens gerufenen und nach ihm benannten Idan‐Raichel‐Projekts, das mittlerweile mehr als 70 Musiker aus allen Ecken der Welt umfasst. Zu Raichels Klavierspiel und dem sanften Gesang gesellt sich zunächst ein Schlagzeug, später eine Gitarre und noch später weitere Instrumente und Stimmen. Alles einzigartig, unverwechselbar. Und doch spielen sie alle zusammen.

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