Frankfurt

Zwiespalt der Fußballherzen

Fans: Maccabi-Tel-Aviv-Anhänger ließen sich die Laune durch die Niederlage nicht verderben. Foto: Rafael Herlich

Selten dürfte Alon Meyer der Gang ins Frankfurter Waldstadion so schwergefallen sein wie am vergangenen Donnerstagabend. Dabei hat er als Fan von Eintracht Frankfurt schon einiges mitgemacht: dramatische Abstiege, noch dramatischere Wiederaufstiege, hochfliegende Ambitionen und harte Aufschläge. »Ich bin Dauerkartenbesitzer. Ich war zum ersten Mal mit fünf Jahren im Stadion, seitdem gehe ich regelmäßig hin«, sagt Meyer, während er die blau-weiße Fahne von Makkabi Frankfurt am Geländer in Block 20 B anbringt. Blauer Davidstern auf weißem Grund. Wenig später nimmt der Vereinsvorsitzende hinter der Zaunfahne Platz.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Arena dominieren hingegen andere Farben: Schwarz, Weiß, Rot. Der Eintracht-Anhang formiert sich zur Choreografie. Eigentlich sind das auch Meyers Farben. An normalen Spieltagen, in der Bundesliga oder auch in der Europa-League, würde er drüben im Eintracht-Block stehen. »Frag mich mal, wie sich zwei Herzen in der Brust anfühlen!«, sagt Meyer. »Das ist das erste Mal, dass ich beim Gegner stehe.«

Die Farben des Gegners sind Blau und Gelb. Auch sein Wappen schmückt der Magen David. Block 20 B im Frankfurter Waldstadion ist fest in der Hand von Maccabi. Nicht des Frankfurter Klubs, sondern jenes aus Tel Aviv. Dritter Spieltag in der Gruppe F der Europa-League. Ginge man rein nach nationalen Titeln wäre die Eintracht aus Frankfurt chancenlos. 19-mal konnte Maccabi Tel Aviv bislang den israelischen Landesmeistertitel erringen, 22-mal den Pokal. Doch in der Europa-League zählt das wenig.

Stadtwald Etwa 500 Anhänger haben den weiten Weg aus Tel Aviv nach Frankfurt auf sich genommen. Im Vorfeld des Spiels hatte die Frankfurter Polizei, die ähnlich wie der Anhang der Eintracht als leidenschaftlich, aber leider manchmal auch als gewalttätig gilt, die Fans ins Stadion eskortiert. Die zeigten sich irritiert, dass man sie mitten in den Stadtwald führte. Der alte Name der Spielstätte, Waldstadion, scheint sich nicht bis Tel Aviv herumgesprochen zu haben.

Hanan Veksler hatte wenig Probleme, den Weg zu finden. So wie all die anderen Mitglieder der Frankfurter Gemeinde, die sich den seltenen Auftritt eines israelischen Teams in Deutschland nicht entgehen lassen wollten. »Es gibt mehr als ein Gemeindemitglied, das jetzt im Eintracht-Block steht«, sagt er. Veksler musste sich nicht entscheiden. Ein blau-gelbes Maccabi-Trikot lugt unter seinem Parka hervor. »Ich war schon immer Maccabi-Fan. Das ist ein Verein, der sich auch in schlechten Zeiten treu geblieben ist.«

Fangesänge Veksler singt kräftig mit, als sich der Maccabi-Block fünf Minuten vor Spielbeginn allmählich einzustimmen beginnt. Hände gehen in die Höhe. Immer wieder ertönt der Gesang: »Blau-Gelb, olé!« Nicht viele Fangruppen können in Sachen Lautstärke mit den Eintracht-Ultras mithalten, schon gar nicht, wenn sie in der Unterzahl sind. Den Makkabäern aber gelingt das zumindest vor dem Spiel problemlos. Und auffällig viele junge Stimmen mischen sich in den Chor.

Aaron Serota hält derweil eine Israel-Fahne in die Höhe. Darunter sammelt sich eine kleine Abordnung aus dem Jugendzentrum der Frankfurter Gemeinde. Jungen und Mädchen. Serota, vier Jahre lang Madrach im Jugendzentrum, lässt keine Zweifel, auf wessen Seite er heute steht. »Wir sind klar für Tel Aviv«, sagt er im Namen seiner ganzen Gruppe und wohl auch der anderen jugendlichen Fans im Maccabi-Block. »Für jüdische Jugendliche aus der ganzen Region ist das Spiel eine Gelegenheit, sich zu treffen«, sagt Serota. Und er gibt zu, dass es nicht wichtig ist, welches israelische Team eigentlich spielt. »Tja, wenn Hapoel hier wäre, würden wir auch die unterstützen.« An diesem Donnerstagabend aber feuern alle Maccabi an.

Diese Unterstützung hat der israelische Rekordmeister dann auch bitter nötig. Tatsächlich präsentiert sich Eintracht Frankfurt 90 Minuten lang als die absolut überlegene Mannschaft. In der 13. Minute fällt das 1:0. Der Maccabi-Block stöhnt auf, greift sich kollektiv an den Kopf. Wenig später fliegen an der Grenze zwischen Block 20 B und 18 A die Fäuste. Bis dahin waren die Anhänger beider Vereine nur durch einen lockeren Kordon von Sicherheitsleuten getrennt. Jetzt schreiten schwer gepanzerte Polizeieinheiten ein. Es bleibt die einzige Handgreiflichkeit an diesem Abend.

Stinkefinger Stattdessen nutzt der Maccabi-Anhang die Hände lieber zum Klatschen. Auch wenn es aus seiner Sicht wenig mehr zu beklatschen gibt als ein paar gelbe Karten für den Gegner und die eine oder andere Rettungstat der Maccabi-Abwehr. In der 54. Minute trifft Meier zum Endstand von 2:0 für Eintracht Frankfurt. Zwischen dem Gästeblock und dem Oberrang werden einander Stinkefinger gezeigt. Weniger aufgrund des Spielstandes, sondern vielmehr, weil ein einzelner Spielbesucher krampfhaft versucht, den Gästeblock mit einem Palästina-Schal zu provozieren.

Nach 90 Minuten sind im Gästeblock die meisten Gesichter lang. Doch die Enttäuschung wird nicht von Dauer sein. »Es ist gut, dass es heute nicht das alles entscheidende Spiel war«, sagt Alon Meyer, während er zusammen mit ein paar jungen Makkabi-Frankfurt-Spielern das Stadion verlässt. Der Nachwuchs indes diskutiert freudig erregt, wer denn nun der beste Eintracht-Spieler an diesem Abend war.

Düsseldorf

Josef-Neuberger-Medaille für Grünen-Ministerin Mona Neubaur

Mit der Josef-Neuberger-Medaille ehrt die Jüdische Gemeinde Düsseldorf seit über 30 Jahren Menschen oder Institutionen der nichtjüdischen Öffentlichkeit

 14.09.2026

Rosch Haschana

Neujahrswünsche von Friedrich Merz und Johann Wadephul

Zum jüdischen Neujahrsfest schicken der Bundeskanzler und der Bundesaußenminister Grußbotschaften an die jüdischen Gemeinden

 10.09.2026

Berlin

Wahlkampfdebatte im Gemeindehaus

Die Jüdische Gemeinde lud anlässlich der bevorstehenden Wahl die Spitzenkandidaten von CDU, Linken, Grünen und SPD zum Podiumsgespräch. Am Ende wurde mal wieder über Antisemitismusdefinitionen gestritten

von Debora Eller  10.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen wird

 08.09.2026

Sachsen-Anhalt

Landeszentrale unterstützt Fahrten von Schülern zu jüdischen Gemeinden

Seit Jahren können Schulklassen für Fahrten zu Gedenkstätten Zuschüsse beim Land Sachsen-Anhalt beantragen. Künftig soll auch jüdisches Leben sichtbar gemacht werden, weshalb das Land die Förderung ausweitet

 31.08.2026

Ehrung

Rabbiner Andreas Nachama erhält Berliner Moses-Mendelssohn-Preis         

Er gilt als eine zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland: der Rabbiner und Publizist Andreas Nachama. Nun erhält er eine besondere Auszeichnung

von Daniel Zander  31.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026