Erfurt

Zurückhaltend und sachlich

Erfurts Mao-Tse-Tung-Ring war die erste Adresse des einzigen Neubaus einer Synagoge in der DDR. Nach einer langen Bau-Odyssee konnte das Bethaus am 31. August 1952 eröffnet werden: 60 Jahre sind seitdem vergangen, die Thüringische Landesgemeinde bereitet sich auf das wichtige Jubiläum vor.

Inzwischen steht der Name des chinesischen Kommunisten nicht mehr auf der Adresse, nun ehrt der Straßenname den Kosmonauten Juri Gagarin. Die Muttersprache Gagarins, Russisch, ist die wichtigste Sprache in der Synagoge heute, die Heimat für viele praktizierende Juden und Suchende bietet.

Eigentlich möchte ich nicht feiern, ich habe schon das 50. Jubiläum gestemmt», wehrt der Vorsitzende der Landesgemeinde, Wolfgang Nossen, zunächst ab und gerät doch in Schilderungen des Festtages. Zwei Feiern werden den Tag prägen: Der Vormittag gehört den geladenen Gästen, der Abend der Gemeinde. An der sonst nie gespielten Orgel wird als Gast ein evangelischer Kantor Synagogalmusik von Louis Lewandowski vortragen.

widerstand An den Wänden von Nossens Büro hängen zwei Gemälde der Vorgängersynagoge, die in der sogenannten Reichspogromnacht zerstört wurde. Einige Kellerräume des stolzen Kuppelbaus befinden sich noch unter der heutigen Synagoge, sie dienten in den Kriegsjahren als Luftschutzräume. Als der heutige Vorsitzende zwischen 1945 und 1948 in Erfurt lebte, feierte die damals anwachsende Gemeinde in einem Wohnhaus ihre Gottesdienste.

Beste Erinnerungen hat der 81-Jährige an diese Zeit, bevor er nach Israel ging und während der er in Erfurt seine Jugend und das rege Gemeindeleben genoss. Der Betraum wurde zu eng und der Bau einer Synagoge war das ersehnte Ziel der Gemeinde, die sich nach religiöser Normalität sehnte.

Architektonische Entwürfe wurden von dem Erfurter Architekten Willy Nöckel im Frühsommer 1950 eingereicht, verbunden mit der Bitte um schnelle Bearbeitung, da die Grundsteinlegung am 10. November geplant war. Das symbolträchtige Datum betonte auch ein Brief des Landesverbandes Thüringen der jüdischen Gemeinden, der darin «ein freudiges Bekenntnis zum demokratischen Wiederaufbau» unterstrich.

Ablehnung Bereits zwei Jahre zuvor lieferte der beauftragte Architekt an die Bauverwaltung einen ersten Entwurf, der auf Misstrauen stieß. Einen Brief des Architekten hat die Synagogengemeinde heute noch. «Er beschreibt die Ablehnung, da ein Sakralbau nicht genehm sei», erzürnt sich Nossen über die Hinhaltetaktik der Verwaltung. Der Baukörper entspreche nicht städtebaulichen Anforderungen, so liest sich dies im Behördendeutsch. Der Architekt plante ursprünglich einen großen Betsaal in einem runden Kuppelbau, der Elemente des Vorgängerbaus aufgriff.

Um die Baugenehmigung zu erhalten, wurden grundlegende Änderungen der Pläne notwendig. Auf dem Standort der 1938 geschändeten Synagoge bestand die Gemeinde aus Gründen der Tradition. Der endlich genehmigte Entwurf spricht eine zurückhaltend sachliche Sprache, nur der Eingangsbereich und ein mit dem Davidstern verziertes Rundfenster an der Seitenfassade verweisen auf ein jüdisches Gotteshaus. Doch ein inzwischen abgebrochenes Nachbargebäude verdeckte zunächst den Blick auf diese Fassade. Außerdem wurde der Betsaal bedeutend kleiner als gewünscht.

Unauffällig Für den Bau werden architektonische Mittel des Kleinwohnungsbaus genutzt, um ihn unauffällig in das Straßenbild zu setzen. Nach der festlichen Eröffnung der Synagoge bot diese immer weniger Menschen ein Zuhause. Die große Gemeinde der Nachkriegszeit verkleinerte sich, antisemitische Prozesse in den Ostblockländern verängstigten. Israel oder Westdeutschland boten eher Perspektiven als der rigide Staat DDR.

Wolfgang Nossen lernte die Synagoge im November 1989 kennen: «Ich war der 27. in der Gemeinde». Seitdem verwob er seine Geschicke eng mit denen der thüringischen Landesgemeinde. Den Zuzug der sogenannten Kontigentflüchtlinge verfolgt er seit 1990 mit Freuden und Leiden. Mittlerweile sind es 840 Mitglieder in der Gemeinde, von denen mehr als die Hälfte im Seniorenalter und weniger als zehn Prozent im Schulalter sind.

Sorgen Diese Probleme erweisen sich als klein gegenüber der Furcht vor Rechtsradikalismus und antisemitischen Entwicklungen. «Ich bin sehr besorgt über die letzten Enthüllungen über die NSU und das Versagen der Organe, aber ich war nicht überrascht davon.» In seiner Festrede bei der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier will Wolfgang Nossen ohne zu beschönigen darauf eingehen.

Die Jubiläumsfeier des 60-jährige Bestehens der neuen Synagoge in der Thüringer Landeshauptstadt soll am 12. August begangen werden, gab Pfarrer Ricklef Münnich von der Thüringer Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum bekannt.

Als Zeichen der Verbundenheit mit der Jüdischen Landesgemeinde habe die Arbeitsgemeinschaft die Restaurierung von zwei siebenarmigen Leuchtern für die Synagoge in Auftrag gegeben, sagte Münnich. Die Finanzierung werde durch Spenden der christlichen Kirchen und ihrer Gemeinden sowie von Vertretern aus der Landespolitik und der Gesellschaft ermöglicht. Für die Restaurierungsarbeiten seien insgesamt 6.500 Euro erforderlich.

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