Hannover

Zuflucht Shanghai

Chineser Gast: Huqing Xu, Leiter der Bezirksregierung Honghou (r.) eröffnet die Shanghai-Ausstellung. Foto: Detlev Habicht

Nun ist sie wieder in Deutschland, die alte Singer‐Nähmaschine. Gemeinsam mit einem Ventilator, einem Wasserkessel und einem Radio symbolisiert sie die weite Reise nach Shanghai und zurück. Den Weg der jüdischen Flüchtlinge, die, herausgerissen aus ihrem bürgerlichen europäischen Alltagsleben, in der fernen chinesischen Großstadt eine Zuflucht fanden.

Jüdische Flüchtlinge und Shanghai heißt die Ausstellung, die vorher im Chinesischen Kulturzentrum Berlin sowie dem Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen war. In Hannover ist sie bis zum 30. Oktober erstmals in einer jüdischen Gemeinde zu besichtigen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, dem Shanghai Studies Center, dem Chinesischen Zentrum Hannover und dem Konfuzius‐Institut.

Einblicke Zur Eröffnung konnte Gemeindevorsitzende Ingrid Wettberg rund 200 geladene Gäste und eine sechsköpfige Delegation aus Shanghai begrüßen. 40 großformatige Tafeln und zwei Filme, »die alle in Shanghai angefertigt wurden«, wie Wettberg betont, erzählen die Geschichte der Flucht nach Shanghai, über das Leben dort und die schweren Zeiten im Ghetto, den Neubeginn nach der Schoa.

Sie bildet aber auch Menschen ab, die als Besucher ins heutige Shanghai kommen, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln und alten Freunden. Seit der Öffnung Chinas besuchten viele ehemalige Flüchtlinge die chinesische Hafenstadt, und die ehemalige Synagoge wurde als Museum eingerichtet.

Wer sich in die Bilder und Texte der hannoverschen Ausstellung vertieft, der erfährt viel über das Leben im chinesischen Exil, über die historischen Zusammenhänge und Hintergründe und die individuellen Schicksale der Betroffenen. Denn Shanghai, das war für viele Juden in den Zeiten des Nationalsozialismus die letzte, die einzige Rettung.

Provisorium Zwischen 1933 und 1941 wurden hier mehr als 30.000 Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und anderen, von den Nazis besetzten Ländern aufgenommen, ohne Visum und oft in letzter Minute. Einige Tausend davon wanderten nach einem kurzen Aufenthalt weiter in andere Länder, rund 25.000 von ihnen fanden in Shanghai eine provisorische Heimat.

1941, mit Ausbruch des Pazifikkrieges, wurde ein Ghetto eingerichtet. »Bei den meisten jüdischen Flüchtlingen hat das Ghetto unangenehme Erinnerungen hinterlassen«, heißt es in der Ausstellung, aber auch: »Im Ghetto lebten Chinesen und Juden benachbart. Sie hatten enge Kontakte zueinander. In dem ständigen Kulturaustausch entstanden auch echte Freundschaften.« Man wohnte nebeneinander, man feierte gemeinsam, man tröstete sich gegenseitig, Ehen wurden geschlossen und 500 Shanghai‐Babys im Exil geboren.

Erinnerung Ob ihre eigenen Gemeindemitglieder Angehörige haben oder hatten, die nach Shanghai emigriert sind, weiß Ingrid Wettberg noch nicht. »Das wird sich jetzt erst herauskristallisieren«, sagt sie und erwartet, dass beim Betrachten der Exponate Erinnerungen hervorgerufen werden. In diesem Zusammenhang weist sie auf die Vitrine hin, in der eine kleine Spielzeugrikscha aus Bambus ausgestellt ist.

Sie gehört Josef Rossbach, der sie im Jahr 2010 dem Shanghai Jewish Refugee Museum spendete. Davor hatte sie ihn sein Leben lang begleitet. Seine Eltern konnten 1939 aus Hamburg nach Shanghai fliehen. 1944 wurde der kleine Josef in Hongkou geboren und lebte dort »fünf unvergessliche Jahre lang«. »Die Spielzeugrikscha, Hongkou, das gehört zu meinem Leben. Die Chinesen haben uns damals sehr geholfen. Wenn sie nicht gewesen wären, hätte man uns vergast.«

Der Hannoveraner Unternehmer Gregor Baum kennt die Jahre in Shanghai aus den Erzählungen seines Vaters. In den 30er‐Jahren war dieser mit einem Schiff aus Nizza geflohen und hatte sich in China mit allerlei Handel über Wasser gehalten. Er entwickelte aber auch eine Liebe zur ostasiatische Kunst und begann sie zu sammeln. Als er nach dem Krieg zurückkehrte, brachte er sie nach Europa und erweiterte sie. Diese Verbundenheit zu China und zu der ostasiatischen Kunst blieb seine Leidenschaft.

Begleitprogramm
Dienstag, 18. Oktober, 19 Uhr, Fuhsestr. 6: »Der chinesische Diskurs über das jüdische Exil in Shanghai«, Vortrag von Chunchun Hun

Montag, 24. Oktober, 19 Uhr, Fuhsestr. 6: »Erlkönigs Reich – Die Geschichte einer Täuschung«, Lesung von Peter Finkelgruen

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