Frankfurt am Main

Zu jung für den Seniorenklub

Fragen und Antworten: Bei dem neuen Frankfurter Verein können auch junge Familien ihre jüdischen Erfahrungen machen. Foto: Rafael Herlich

Aus Schlomo Raskin sprudeln nur so die Worte. Im Seniorensaal der Frankfurter Gemeinde hat sich eine Gruppe von 20 Zuhörern um den Rabbiner versammelt und lauscht seinen Ausführungen. Er hat eine These: Schönheit ist das Resultat von geistiger Entwicklung. »Woher ich das weiß?«, fragt Raskin in den Halbkreis seines Auditoriums. Es bleibt still. »Aus dem Talmud«. Es geht an diesem Abend um Aussehen, Kleidung und welche Rolle diese im Judentum spielen. Rabbi Raskin wird eine ganze Weile reden, die Kleiderordnung der Chabad-Chassidim und ihre Hintergründe erklären, dazu passende Geschichten aus der Tora erzählen, um letztlich zu der Erkenntnis zu gelangen, »dass uns die Tora andauernd von Schönheit berichtet«, Aussehen jedoch etwas »zutiefst Subjektives« und Vergängliches ist. Kurz: dass alle Schönheit dem Menschen wenig nutzt, wenn er sich nicht auch um seine Seele kümmert.

junge Leute Ab und an blickt Raskin von seinen Aufzeichnungen auf und direkt in die Gesichter seiner aufmerksamen Zuhörer, junge Gesichter. Anfang 20 sind die jüngsten von ihnen, Mitte 30 die ältesten. Darunter befinden sich auch die beiden Organisatoren dieser Veranstaltung: das Ehepaar Meir (29) und Polina Lisserman (27). 20 Teilnehmer mögen nicht gerade viele sein. Dennoch sind die Lissermans zufrieden. Einmal mehr haben sie und ihre Mitstreiter vom Verein »Jewish-Experience« – zu Deutsch: Jüdische Erfahrung – es geschafft genau die Menschen zu interessieren, auf die sie mit ihren Veranstaltungen abzielen: junge Erwachsene, Studenten, Berufseinsteiger, diejenigen, die weder noch zum Jugendzentrum noch schon zum Seniorenclub gehören. »Irgendwo zwischen diesen Stationen scheinen die Leute den Kontakt zur Gemeinde zu verlieren«, weiß Polina Lisserman.

Ein Befund, zu dem die Juristin aus eigener Anschauung gelangt ist. Erst vor wenigen Monaten hat sie ihr zweites Staatsexamen abgelegt. Ihr sei aufgefallen, dass unter ihren jüdischen Kommilitonen die Bindung an die Gemeinden nachlässt. Damit drohe auch ihre jüdische Identität abhanden zu kommen. »Bei vielen befindet sich das Wissen über die Religion noch auf dem Niveau der jüdischen Schule«, lautet Polina Lissermans Diagnose. Es war diese Erkenntnis, die sie vor fünf Jahren dazu bewog, erste Seminare zu organisieren, die speziell auf die Interessen ihrer Altersstufe abgestimmt sind. »Und dann sind immer mehr Leute dazugekommen.« Inzwischen ist aus der privaten Initiative ein echter Verein geworden. Mit einem »harten Kern« von 25 Helfern und bis zu 200 informellen Mitgliedern, die, wie die Lissermans, an einem »aktiven religiösen Leben« interessiert sind.

Begeisterung »Es ist ein Vollzeitjob, Leute für das Judentum zu begeistern«, sagt Meir Lisserman. Mit dem Verein sind auch die Aktivitäten gewachsen und damit auch die Arbeitsbelastung der freiwilligen Helfer. Inzwischen bietet Jewish Experience nicht mehr nur Seminare und Schiurim an, sondern auch Ausflüge, gemeinsame Freizeitaktivitäten und Feiertagsprogramme. Auf Dauer lässt sich so etwas nur unter dem Dach eines eingetragenen Vereins organisieren. »Wir versuchen aber, ohne hierarchische Strukturen auszukommen«, betont der 29-Jährige. »Wir wollen den direkten Draht zu unseren Mitgliedern halten.« Die vom Verein organisierten Schiurim sind ein Beispiel dafür. »Wenn wir uns treffen, kommen immer wieder Fragen auf«, erklärt Meir, aus ihnen entwickeln sich neue Veranstaltungen, zu denen sie namhafte Referenten einladen. »Wir hatten einmal 80 Zuhörer, darunter Leute, die aus anderen Städten angereist sind«, sagt Meir Lisserman nicht ohne Stolz.

Über Facebook oder Twitter bleibt man in Kontakt. Instrumente, die von den Gemeinden bislang nicht ausreichend genutzt werden, glaubt Meir Lissermann, der im Hauptberuf Informatiker ist. Ziele für die Zukunft haben die Mütter und Väter von Jewish Experience auch schon formuliert. So hofft man, vor allem junge Zuwandererfamilien aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ansprechen zu können. »Viele finden keinen Anschluss an die Gemeinden«, glaubt Polina Lisserman. »Wenn man nicht weiß, wie man das Gebetbuch hält, traut man sich natürlich auch nicht in die Synagoge.« Jewish Experience will Abhilfe schaffen. Und irgendwann soll vielleicht der Traum eines eigenen Studentenhauses in Erfüllung gehen, ein Treffpunkt für junge jüdische Akademiker. »Aber dafür müssen wir die Gemeinde erst noch begeistern.«

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