Bochum

Zu Hause im Pott

Massiver Kubus und dennoch zurückhaltend: die Synagoge Bochum Foto: Alexander Stein

Ein grauer Kubus. Ausreichend massiv, um den Willen des Bleibens zu demonstrieren, bescheiden genug, um im Pott nicht anzuecken. Die Bochumer Synagoge ist ein Teil der Stadt. »Sie weckt Hoffnung auf Einsicht und Zukunft«, sagte Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz anlässlich des fünften Geburtstags des Baus am vergangenen Sonntag. Er sei nicht nur eine Gebets-, sondern auch eine Begegnungsstätte für Juden und Nichtjuden. Man sehe: »Jüdisches Leben ist wieder im Ruhrgebiet zu Hause.«

Zur Geburtstagsfeier der Synagoge am Erich-Mendel-Platz mit rund 150 Gästen erschienen auch Zentralratspräsident Dieter Graumann, Bundestagspräsident Norbert Lammert und NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke. Eine »Fünf-Jahres- Feier« zu besuchen sei eine Premiere für ihn, meinte Graumann lächelnd, aber zu gering sei das Jubiläum nicht. »Wir Juden rechnen anders.« Fünf Jahre seien an einem Ort, wo es mehr als 70 Jahre keine Synagoge gab, fünf mehr, als man nach der Schoa zu hoffen gewagt habe.

Willkommenskultur Die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen hat heute über 1000 Mitglieder, viele kommen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Zuwanderer machen inzwischen rund 90 Prozent der gesamten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland aus. »Wir Juden leben Integration vor – und das im Verhältnis 10 zu 90«, sagte der Zentralratspräsident, »das gelingt, weil wir eine Willkommenskultur entwickelt haben.«

Dass Pluralität der allgemeinen deutschen Realität entspricht, demonstriert das nordrhein-westfälische Parlament. »Im Raum der Stille« finde man die Religionen vereint, so NRW-Landtagspräsidentin Gödecke – die Menora als zentrales Symbol des Judentums, das Kreuz als Zeichen für die Christen und Gebetsteppiche als Sinnbild für den Islam.

Bundestagspräsident Norbert Lammert, der schon die Eröffnung der Synagoge miterlebt hatte, sprach Tacheles: »Wir akzeptieren keine Antisemiten, gleichgültig, ob es einheimische oder zugewanderte sind! Wir – Juden, Christen, Muslime und Atheisten – unterscheiden uns in unserem Glauben, aber uns eint, Teil dieser deutschen Gesellschaft zu sein.« Alle seien gefordert, auf der Basis des Grundgesetzes ein friedliches Zusammenleben zu schaffen.

wehrhaft In einer »munteren Demokratie« seien kontroverse Diskussionen legitim, ergänzte Graumann, sie müsse aber »wehrhaft und geschlossen« sein. Verboten werden müsse die NPD, denn sie finanziere »braunen Hass mit Steuergeldern«.

Doch im zu Ende gehenden Kalenderjahr war noch mehr als das kritikwürdig: So provozierte ein alter Mann mit einem »grässlichen Gedicht – ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat« –, und zwei »mächtige Sportverbände« ließen ebenfalls tief blicken. Damit sprach Graumann das Grass-Gedicht »Was gesagt werden muss« und das Verhalten des Deutschen Fußballbundes (DFB) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an.

Der DFB verzichtete – im Gegensatz zu manch anderem Verband – auf eine sensible Erinnerungsarbeit während der Fußball-Europameisterschaft; das IOC wiederum verweigerte bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London eine Gedenkminute für die Opfer der israelischen Mannschaft 1972 in München. »Die Kälte des IOC, die uns da entgegenschlug, werden wir noch lange in Erinnerung behalten«, sagte Graumann.

belehrungen Spuren hat auch die Beschneidungsdebatte hinterlassen. »Unvermutete Schläge sind oft besonders heftig«, resümierte der Zentralratspräsident. Kommentare im Internet hätten in ihrer Hässlichkeit seine schlimmsten Albträume weit übertroffen, aber auch in der seriösen Debatte sei einiges aus dem Ruder gelaufen: »Besessene Belehrungen und Bevormundungen« sowie »Versuche, uns Juden Lektionen in Sachen Kinderliebe zu erteilen«.

Daran hätten sich auch renommierte deutsche Tageszeitungen beteiligt. Eine habe über Wochen hinweg »Beschneidung immer wieder gleichgesetzt mit der Mädchenbeschneidung, Menschenopfern, Kindesmissbrauch und der Todesstrafe«. Die Konsequenz daraus dürfe aber nicht Resignation sein, zumal die Politik vorbildlich reagiert habe, lobte Graumann. »Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir weichen nicht der Kälte und nicht dem Hass.« Auch »No-Go-Areas« für Juden oder andere Menschen in diesem Land seien nicht akzeptabel. »Es darf keine demokratie- und freiheitsfreien Zonen geben!«

Festzustellen sei aber auch: Noch nie in der fast 1700 Jahre alten Geschichte des Judentums in Deutschland könnten Juden hier »so gut, so sicher, so frei« leben wie eben jetzt. Der Präsident des Zentralrats verzichtete bei seiner Rede auf ein Manuskript.

Katastrophen Viele neue Daten benötigte er ohnehin nicht, stattdessen positionierte er Judentum in Deutschland mit einer Vehemenz, die es verdient hätte, als eine Art »Bochumer Erklärung« in die Bücher einzugehen: »Judentum ist kein Konzentrat von Katastrophen und Kritik. Wir können Judentum auch moderner und positiv präsentieren – heiter, herzlich und hell. Judentum ist anders, als es sich in so vielen Köpfen festgesetzt hat«, es bedeute Wissen und Wärme, Sehnsucht und Glanz. »Es ist ein moralisches Fundament, von dem noch heute viele zehren – nicht zuletzt das Christentum.«

Pluralität sei die neue jüdische Realität. Wäre sie auch manchmal schwierig – mehr noch stärke sie die Juden. Wehrhaft müssten sie bleiben: »Wir suchen keine Konflikte, aber die Konflikte suchen und finden uns. Und doch wollen wir nicht nur kritisieren, sondern Impulsgeber sein.«

Grigory Rabinovich, Vorsitzender des Gemeindevorstands, zeichnet die Zukunft positiv: So wie sie sich bestimmt noch oft sähen, würden sich auch ihre Kinder begegnen. »Wenn einst der 50. Geburtstag in dieser wunderschönen Synagoge gefeiert wird«, schloss Graumann, »wird das schon ein ansehnlicheres Jubiläum sein.« Er wünsche sich, dass dann jemand sagte: »Spätestens mit dem fünften Geburtstag dieser Synagoge hat das Judentum in Deutschland wieder zu blühen begonnen. Diesmal soll es für immer sein.«

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