Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

In Nordrhein‐Westfalen haben am Donnerstagabend die Jüdischen Kulturtage begonnen: mehr als zwei Wochen Programm in 15 Städten, 220 Veranstaltungen rund um Film, Literatur, Musik, Bildende Kunst und Theater mit zahlreichen Begegnungsprojekten, unter der Schirmherrschaft des nordrhein‐westfälischen Minister­prä­siden­ten Armin Laschet.

Die Jüdischen Kulturtage 2019 nehmen das Thema ihrer direkten Vorgängerveranstaltung im Jahr 2015, die unter dem Titel »Angekommen« stand, auf und gehen gleichsam einen Schritt weiter. Mit dem gewählten Titel »zuhause – jüdisch. heute. hier.« wollen die Programmverantwortlichen eine Standortbestimmung geben.

Entwicklung »Was kommt denn nach ›Angekommen‹? Danach geht man entweder weg, oder man ist ›zu Hause‹. Und wir haben uns für ›zu Hause‹ entschieden und geben damit ein besonderes Statement ab«, erklärt Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein.

Das Motto soll vor allem
als Gefühl und
weniger als Ort verstanden werden.

Der Landesverband steht mit der Synagogen‐Gemeinde Köln sowie den beteiligten Städten hinter der Veranstaltungsreihe. Wichtig sei dabei die Schreibweise »zuhause« mit kleinem Anfangsbuchstaben: »Weil es für uns mehr ein Gefühl als einen Ort bedeutet«, ergänzt Festivalleiterin Inna Goudz, die als Referentin für Kultur und Projekte beim Landesverband maßgeblich am Konzept beteiligt war.

generationswechsel 2002 fanden die Jüdischen Kulturtage erstmals in größerer Form statt. Herbert Rubinstein und Regina Plaßwilm waren für die bislang vier Vorgängereinheiten verantwortlich und entwickelten über die Jahre ein Konzept mit jeweils einer Fülle von Veranstaltungen. Nun gab es einen Generationenwechsel.

Farbenfroh und frisch – so wirkt die neue grafische Gestaltung der Plakate und des Programmhefts. Der Veranstaltungszeitraum wurde von vier Wochen auf 17 Tage verkürzt. Damit ging eine Fokussierung auf den thematischen Bezug »zuhause« sowie auf den Bezug zum Land Nordrhein‐Westfalen einher. »Dieser NRW‐Bezug kann dabei sehr vielfältig sein. Es geht nicht nur um Künstler, die ausschließlich aus Nordrhein‐Westfalen stammen, es geht auch um Themen, die in diesem Bundesland besonders spannend sind und etwa in Berlin gar keine Rolle spielen«, erklärt Festivalleiterin Inna Goudz. Wichtig sei dabei: »Wir wollen die Kultur, den Kulturbetrieb in NRW mitgestalten.«

Das Programm ist in enger Zusammenarbeit mit den Kulturämtern der beteiligten Städte entstanden, die das Projekt auch finanziell unterstützen. Außerdem wird es unter anderem vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration sowie dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein‐Westfalen finanziert.

werbung Neu ist in diesem Jahr die großflächige Werbung an Litfaßsäulen und auf Großflächen‐Bildschirmen im Stadtbild sowie an Bushaltestellen. Auch sie läuft auf Sponsorenbasis. Auf diese Weise habe man die Möglichkeit bekommen, im größeren Stil nach außen zu gehen. »Wir sind präsent, wir sind stolz und selbstbewusst, zu sagen, wir gehen mit den Jüdischen Kulturtagen nach außen. Das ist kein Festival für uns, sondern ein Festival für nichtjüdische und jüdische Menschen«, sagt Michael Rubinstein. »Und wir wollen zeigen: Wir sind Teil dieser Gesellschaft.«

An den Kulturtagen beteiligen sich in diesem Jahr neben den acht Gemeinden des bundesweit größten Landesverbandes Nordrhein Städte wie Eitorf, Kleve, Leverkusen, Neuss und Solingen, die keine eigene jüdische Gemeinde haben. Aber es finden auch wieder etliche Veranstaltungen in Köln statt. In NRW lebt die größte jüdische Gemeinschaft bundesweit, und das soll sich auch im Programm und in der Programmgestaltung widerspiegeln. So änderte man auch den Titel in »Jüdische Kulturtage Rhein‐Ruhr«.

programm Das Programm ist vielfältig – von Hochkultur bis Popkultur, von Synagogenführung bis Party, von Lesung bis Klezmer, von Kindertheater bis zur Kunstausstellung. Integriert in das Programm ist das Paul‐Spiegel‐Filmfestival »Jüdische Welten«, das jährlich in Düsseldorf stattfindet und am 4. April beginnt.

Die menschliche Begegnung, das Miteinander ist dem Organisationsteam besonders wichtig. So befindet sich das Festivalzentrum – ein Novum in diesem Jahr – in einem Café mitten in der Düsseldorfer Altstadt, neben dem Rathaus. »Das ist ein Highlight für mich«, betont Michael Rubinstein. Denn Begegnung finde nicht nur im Theater statt, notwendig sei ein niedrigschwelliges Angebot.

Neben vielen jüdischen Gemeinden beteiligen sich auch
einige Städte an dem Programm.

»Wir werden dort 17 Tage lang präsent sein dürfen, mit 20 eigenen Veranstaltungen und einem Begegnungsort – er ist das physische Zuhause des Festivals«, betont Inna Goudz. Im Festivalzentrum wird unter anderem ein Abend für den 2006 verstorbenen Zentralratspräsidenten Paul Spiegel stattfinden, gestaltet von seinen beiden Töchtern. Hier soll auch Kabbalat Schabbat gefeiert und die Hawdala‐Zeremonie abgehalten werden, um zu zeigen: Dies findet nicht nur in Synagogen statt.

»Wir wollen neue Zielgruppen erschließen, deswegen gehen wir auch ganz stark über die Online‐Kanäle«, betont Michael Rubinstein. Er versucht, vor allem ein jüngeres Publikum zu erreichen und eine größere Zielgruppe. Ob dies gelingt, werden die Tage im April zeigen.

So sei das Programm verstärkt auf Begegnungsprojekte ausgerichtet worden, sagt Rubinstein. Das Motto des Festivals »zuhause« wird sich in den einzelnen Veranstaltungen wiederfinden. Interessierte können sich auf der Internetseite über das ausführliche Programm informieren.

Jüdische Kulturtage Rhein‐Ruhr, 28.3.–14.4.2019

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