Würzburg

Zentrum und Museum

Großzügiger Innenhof von Shalom Europa in der Würzburger Valentin-Becker-Straße Foto: dpa

Für die Führungen im Museum Shalom Europa melden sich zumeist Schulklassen, Reisende und Gruppen aus der Region an. Manchmal kommen aber auch Verwandte von Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde zu Besuch. Sie interessieren sich für die Dauerausstellung in dem hellen Betonbau mit der großen Glasfront. Ihre Muttersprache ist in den allermeisten Fällen Russisch.

Selbst wenn sie schon lange in Deutschland sind, fällt es ihnen leichter, die Geschichte der Grabstein-Fragmente in ihrer Muttersprache zu verstehen. Denn Shalom Europa beherbergt den weltweit größten Fund an Grabsteinen aus einem mittelalterlichen jüdischen Friedhof, die »Judensteine aus der Pleich«. Mehr als 1500 Grabsteine und Grabsteinfragmente, datiert auf die Zeit von 1129 bis 1346, haben hier ihre endgültige Bleibe gefunden und erzählen von der großen Bedeutung der Würzburger Gemeinde. Im Mittelalter war sie ein wichtiges geistliches Zentrum.

Führungen So ist es gut, dass es Menschen wie Katharina Yarzhembovskaya gibt. Die 64-Jährige, die 2002 aus der Nähe von St. Petersburg nach Würzburg kam, übernimmt gern einmal eine Führung auf Russisch in dem Museum, das zum Gemeindezentrum gehört. »Das macht mir einfach Freude, die Gemeinde und das Museum sind für mich schon ein Stück Heimat geworden«, sagt Katharina Yarzhembovskaya.

Am 21. November feiert das Zentrum Shalom Europa sein zehnjähriges Bestehen. Der moderne, einladende Bau wurde von den Architekten Grellmann, Kriebel und Teichmann entworfen. Mit viel Glas und seiner Anordnung um einen Innenhof soll er Offenheit nach außen und nach innen vermitteln. Denn die Gemeinde legt Wert darauf, als Ort wahrgenommen zu werden, in dem Judentum und jüdischer Glaube aktiv gelebt werden.

Deshalb widmet sich das Museum – und das ist seine Besonderheit – nicht nur der Geschichte der jüdischen Gemeinde, sondern auch ihrem heutigen Gemeindeleben. Anhand einer Torarolle, die zugleich Jugendliche vor der Bar- oder Batmizwa zum Studium benutzen dürfen, erfahren Besucher beispielsweise von den Grundlagen jüdischen Glaubens.

Freiwillige
Katharina Yarzhembovskaya arbeitet in der Verwaltung der Gemeinde. Führungen und Aufsichten im Museum werden allerdings von insgesamt 157 Freiwilligen ausschließlich ehrenamtlich übernommen. »Es ist gut und wichtig, dass es so viele Mitarbeiter sind«, sagt Karlheinz Müller. Die Arbeit im Museum, das an fünf Tagen in der Woche geöffnet hat und rund 7000 Besucher im Jahr zählt, ist somit auf viele Schultern verteilt.

Karlheinz Müller ist Theologie-Professor im Ruhestand und hat vor zehn Jahren gemeinsam mit dem Vorstand der Gemeinde das Konzept für das Museum entwickelt. Aus finanziellen Gründen konnte die Dauerausstellung nur ohne Personalbudget Wirklichkeit werden. Bis heute bereitet Karlheinz Müller die freiwilligen Helfer auf ihren Einsatz vor. In acht Sitzungen lernen sie die Geschichte der Gemeinde kennen und erarbeiten sich ein Grundwissen in Judentumskunde. Denn nur zehn Prozent der ehrenamtlichen Helfer sind Mitglieder der Gemeinde. Der überwiegende Teil sind Nichtjuden: Berufstätige, Ruheständler und Studenten, die das Shalom Europa und die Idee dahinter unterstützen wollen.

Fortbildungskurse Unter ihnen ist auch Roland Müller. Der 68-Jährige hat soeben 20 Frauen und Männer durch das Museum und anschließend in die Synagoge geführt, deren Besuch ebenfalls zum Rundgang gehört. Um hier mitzuarbeiten, fährt er 22 Kilometer von seinem Wohnort Schwanfeld nach Würzburg. In Schwanfeld gibt es einen großen jüdischen Friedhof. »Er hat bei mir das Interesse an der Geschichte der Juden in der Region und für das Judentum geweckt, was ich jetzt ein wenig weitergebe«, sagt der Rentner. Müller bietet alle sechs Wochen eine Fortbildung zur jüdischen Religion für Fremdenführer an.

Aktuell habe die Würzburger Gemeinde, wie auch viele andere Gemeinden in Deutschland, mehr Sterbefälle als Geburten zu verzeichnen, sagt Josef Schuster, Präsident der Würzburger Gemeinde und des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Anteil der Gemeindemitglieder, der am religiösen Leben teilnehme, sei der deutlich kleinere. Von den etwa 1100 Mitgliedern kämen zehn bis 15 Prozent zu den Gottesdiensten. Gut 50 Personen besuchen die Synagoge regelmäßig. Es gelingt jedoch, über entsprechende Angebote die Kinder für das Judentum und den jüdischen Glauben zu gewinnen und über sie wiederum die Eltern zu erreichen, die keine religiöse Sozialisation erlebten. Sonntagsschule und Veranstaltungen für Familien werden gut besucht, ebenso Angebote für Jugendliche und Senioren.

Jugendgruppen Shalom Europa beherbergt ein Dokumentationszentrum für die Geschichte der Juden und des Judentums in der Region mit einer 1200 Bände umfassenden Bibliothek. Ebenfalls in dem Komplex untergebracht ist das örtliche Lauder Chorev Center als Begegnungsstätte für Jugendliche mit 90 Betten. Zweimal im Monat sind hier Gruppen zu Gast. »Das bereichert das Gemeindeleben zusätzlich«, bemerkt Josef Schuster.

Während der Woche werden die koschere Küche und ein Teil der Räume von Schülern der benachbarten David-Schuster-Realschule genutzt. Die Schule trägt den Namen von Josef Schusters Vater David, der in den 50er-Jahren die jüdische Gemeinde in Würzburg wieder neu belebte. Vater Schuster bemühte sich ab 1990 auch sehr um die Unterstützung und Integration von mehr als 2000 jüdischen Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion. Diese Aufgabe sah er als Herausforderung und zugleich als Chance für die Gemeinde, die 1989 nur noch knapp 200 Mitglieder zählte.

»Es ist schon toll, dass es unter den Kindern und Enkeln der damals neu Hinzugekommenen praktisch keine Arbeitslosigkeit gibt. Doch einige der älteren Generation benötigen immer noch Hilfe bei Behördengängen«, sagt Schuster. Manche Gemeindemitglieder, die damals msüham Deutsch lernen mussten, beginnen jetzt, Jugendlichen Russischunterricht zu erteilen – die Sprache ist zunehmend gefragt.

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