Braunschweig

Zeitreise ins Jahr 1875

Protagonist des Schreckens: Die Projektion auf dem schwarzen Kubus zeigt Hitlers Ankunft in Bayreuth. Foto: Marek Kruszewski

Schwarz-Weiß-Bilder flackern über die Decke der Stadthalle und dunkle Stoffbahnen in der Saalmitte. Rund 500 Gäste betreten den Saal der Braunschweiger Veranstaltungsstätte, ihre Schritte werden von einem Stimmengewirr überdeckt. Die Sitzreihen sind nur schemenhaft zu erkennen. In vier Blöcken sind sie um einen schwarzen Kubus in der Raummitte angeordnet. Das Sprachgewirr verstummt. Die Projektionen zeigen nun große dunkle Limousinen, denen elegant gekleidete Herren und Damen mit großen Hüten entsteigen: Hitlers Ankunft in Bayreuth.

Der Raum in der Stadthalle ist nun gänzlich abgedunkelt. Zerstörte Hoffnung – das temporäre Memorial zum 75. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 beginnt. Die Zuschauer verharren gespannt, es ist kühl, 18 Grad. Eine Stimme – jetzt klar und deutlich zu hören – stimmt auf eine Szene ein: »Es ist der 22. September 1875, die Gemeinde trifft sich in der alten Synagoge am Kohlmarkt.«

Synagoge Der Vorhang aus schwarzen Stoffbahnen hebt sich und gibt den Blick auf einen Innenraum frei. Festlich dunkel gekleidet sitzen Männer und Frauen in der nachgebildeten Synagoge. An der Stirnseite steht links der Kantor, rechts der Rabbiner. Der Kantorenstudent am Geiger Kolleg in Potsdam, Amnon Seelig, und Niedersachsens Landesrabbiner Jonah Sievers stellen den damaligen Chasan Hirsch Goldberg und den Braunschweiger Rabbiner Levi Herzfeld dar.

Der Erzähler fasst die Geschehnisse vom 22. September 1875 zusammen. Die Neue Synagoge an der Knochenhauerstraße soll eingeweiht werden. Es werden Vorkehrungen zur Überführung der Torarollen getroffen. Was dieses Ereignis in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft Braunschweigs bedeutet, wird in der euphorischen Rede des Rabbiners deutlich.

Levi Herzfeld, dessen respektierte Stellung sich in seinem vom Landesfürsten verliehenen Professorentitel widerspiegelt, dankt der »neueren und neuesten Zeit«, der »Umwandlung zum Besseren«, welche im neuen Gotteshaus augenfällig werde. War man in der alten kleinen Synagoge »eingekeilt im Hofraum«, so bekunde sich »die fröhliche Neuzeit« in neu errichteten Synagogen.

Respekt Herzfeld fährt fort: »Sie rücken vor an die Straßen und sind nunmehr nicht bloß vor Rohheiten geschützt, sondern das Volk betrachtet sie auch schon mit Teilnahme und mit der jedem Gotteshaus schuldigen Ehrfurcht.« Schande und Schmach habe man hinter sich gelassen und könne im Bewusstsein, in der Stadt willkommen zu sein, eine neue größere Synagoge in Empfang nehmen.

Wie bitter schon 63 Jahre später diese Worte konterkariert werden, stellt Renate Wagner-Redding, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig, dar. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Friederike Harlfinger hat sie zuvor im Foyer der Stadthalle die Gäste willkommen geheißen und die Geschehnisse um den 9. November 1938 in Erinnerung gerufen.

Das 1875 so feierlich und frohgestimmt eröffnete Gotteshaus fiel in der Pogromnacht der Brandschatzung der Nazihorden zum Opfer, Menschen wurden geprügelt, entrechtet, erschlagen, deportiert, ermordet. Später bauten die Nationalsozialisten auf den Grundmauern der Synagoge einen Hochbunker, der bis heute erhalten ist, erklärt Wagner-Redding.

Schoa »Ende 1938 war eine jüdische Zukunft in Deutschland nicht mehr vorstellbar. Die Zerstörungen der Synagogen waren nicht nur ein Angriff auf Juden und das Judentum, sondern auch auf ein pluralistisches Verständnis von Gesellschaft und Kultur. Der Synagogensturm verkörperte die Verneinung des Geistes der Toleranz unter Nichtjuden, die die Juden als Deutsche betrachteten«, so die Gemeindevorsitzende.

Wie zuversichtlich klang Herzfeld 1875: »Ich heiße Sie willkommen für Ihr Erscheinen, und abermals willkommen als lebendige Bürgschaft dieser freundlicheren Zeit.« Eine halbe Stunde lang verliest der heutige Landesrabbiner Jonah Sievers die Rede seines Vorgängers. Im dunklen Raum sind nur seine Worte zu hören, die Blicke der Gäste sind auf diesen symbolischen Innenraum der Synagoge gerichtet. Das Licht trennt den Innenraum des nachempfundenen Gotteshauses vom Außenraum der Zuschauer im Jahr 2013.

Diese wissen, was nur 63 Jahre nach diesen Worten geschah. Aus Erzählungen ihrer Eltern, aus selbst Erlebtem, aus vermitteltem Wissen der Familien. Viele ältere Menschen sind in die Stadthalle gekommen, im Rollstuhl, mit Gehhilfen; und doch weint auch ein Kleinkind, das die Mutter schnell herausträgt, um die Atmosphäre nicht zu stören. Eine Stimmung, die die Freude und Zuversicht der Worte von Rabbiner Herzfeld vor 138 Jahre aufnimmt, aber auch die, die dem 75. Jahrestag des Novemberpogroms gilt.

Orgel und Chor Die Orgel spielt, der Kantor intoniert Gebete, der Chor antwortet als Gemeinde. Die Stimmung ist transferiert ins Jahr 1875, in Sprache, Melodie und Duktus. Voller vaterländischer Ehrerbietung dankt Rabbiner Herzfeld dem Landesvater: »Segne unseren Kaiser, und obwohl er schon so hohen Alters wie reich an allen Ehren ist, erhalte ihn uns lange; und wie ihm, so gewähre deine väterliche Huld dem ganzen weiten Reiche, das durch ihn zu neuem Leben erwacht ist.«

Wieder ist der Erzähler zu hören: »Es folgte nun Psalm 150, der von der Gemeinde gesungen wurde«, gibt er die Regieanweisung an den Chor. Mit dem Kaddisch der Leidtragenden endet die Feier 1875. »Mit dem Kaddisch der Leidtragenden, im Andenken an die ermordeten und verstoßenen Mitglieder dieser Gemeinde«, endet auch das temporäre Memorial. Gesprochen wird es von Landesrabbiner Sievers, und es verbindet die Freude über die Einweihung des neuen Gotteshauses mit der Trauer um seine Zerstörung. Der Vorhang senkt sich. Die Festgäste verharren still, blass dämmert ein wenig Licht im Saal, den die Gäste stumm verlassen.

Integration Vor 1933 seien Juden ein integrativer Bestandteil des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens gewesen, hat Bürgermeisterin Harlfinger zuvor betont. In Anbetracht dieser Geschichte sei es alles andere als selbstverständlich, »dass jüdisches Leben wieder elementarer Bestandteil unseres Lebens in Braunschweig und in Deutschland ist«, sagte Harlfinger. Daher sei sie dankbar, dass die Gemeinde Braunschweig so mutig gewesen sei, in dieser Stadt wieder eine Synagoge zu errichten. »Das Judentum ist Teil von Braunschweig«, betonte die Bürgermeisterin. Doch wie fragil eine solche Hochstimmung sein kann, zeigt die Euphorie vor 138 Jahren. Diese Zuversicht, die die Festredner ausstrahlten, wurde bitter enttäuscht.

Der Fund und die akribische Aufbereitung der historischen Feier sind Landesrabbiner Jonah Sievers zu verdanken. Er stöberte die Festpredigt von Levi Herzfeld auf, fand die Noten und rekonstruierte die Musikstücke. Fast zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen zur Errichtung dieses temporären Memorials, »das ohne die finanzielle Unterstützung durch die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und die künstlerische Leitung durch Martin Weller nicht verwirklicht worden wäre«, betont Sievers.

Nachfahren Ururenkelin Silvia Gray, die Ururenkelin von Rabbiner Levi Herzfeld, ist mit ihrem Mann Roger aus London nach Braunschweig gekommen, um das Gedenken an die Pogromnacht mitzuerleben. Als »würdig und sehr emotional« empfand sie die Feier – eine andere Art des Gedenkens an diesem 75. Jahrestag der Pogromnacht, an dem neben der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, die Stadt Braunschweig, die Stadthalle, der Projektchor und viele Helfer mitgewirkt hatten. Silvia und Roger Gray forschten an den Tagen in Braunschweig weiter nach Familienangehörigen und ihren Spuren.

Musikalische Zeugnisse hatte Rabbiner Sievers in einem Archiv im amerikanischen Cincinnati gefunden und aufbereitet. Am Sonntag trugen Kantorenstudent Amnon Seelig und das Jüdische Ensemble Berlin (Inbal Levertov, Sopran; Jonny Kreuter, Alt; Martin Netter, Tenor; Eyal Edelmann, Bass und Naaman Wagner, Orgel) 25 Stücke von einst in Braunschweig lebenden und mit der Stadt verbundenen Komponisten wie Gerson Rosenstein, Wilhelm Meves, Jakob Freudental, Salomon Sulzer, Hirsch Goldberg, Louis Rebbeling, Albert Goldberg und E.G. Hinke in der 2006 eröffneten neuen Synagoge in der Steinstraße vor.

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