Wiesbaden

Zeichen der Freundschaft

Avshalom Weinstein (M.) nimmt die Ehrung für seinen Vater im Schloss Biebrich entgegen. Foto: Michael Schick

Man muss kein Staatsmann sein, um Großes zu leisten«, begann DIG‐Präsident Hellmut Königshaus seine Laudatio auf Amnon Weinstein. Der israelische Geigenbauer erhielt beim Festakt anlässlich des 50‐jährigen Bestehens der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft die Ernst‐Cramer‐Medaille für sein Wirken zur Aussöhnung und gegen das Vergessen.

Königshaus ging damit auf die Geschichte des jüdischen Geigenbauers ein, der die Instrumente von jüdischen Opfern des Holocausts restauriert, auf denen heute junge Musiker spielen und Konzerte geben. »Jetzt erklingen sie wieder, damit wir unsere Vergangenheit nicht vergessen und Hoffnung verbreiten«, erklärte Avshalom Weinstein, der in Vertretung seines erkrankten Vaters die Ernst‐Cramer‐Medaille der DIG entgegennahm.

Amnon Weinsteins Vater Moshe, der ebenfalls Geigenbauer war, hatte die Instrumente jüdischen Musikern abgekauft, die 1936 nach Palästina ausgewandert waren, weil das Nazi‐Régime ihnen Berufsverbot erteilt hatte. Doch nach 1945 wollten sie nicht mehr darauf spielen, weil sie in Deutschland hergestellt worden waren. Moshe Weinstein kaufte die hochwertigen Geigen, obwohl er wusste, dass er sie in Israel nicht würde verkaufen können.

Asche Sohn Amnon Weinstein übernahm das Geschäft nach dem Tod des Vaters 1986. Ende der 80er‐Jahre betrat ein Mann sein Geschäft, der in Auschwitz spielen musste. Dieses Instrument, das er seitdem nie wieder angerührt hatte, wollte er in gutem Zustand seinem Enkel übergeben. Weinstein sollte es daher reparieren. Der Geigenbauer nahm die Geige auseinander, entdeckte Aschereste im Inneren und erschrak. Stammte diese Asche aus den Krematorien von Auschwitz?

Weinstein hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit der Schoa beschäftigt, obwohl alle seine Angehörigen, die nicht nach Israel ausgewandert waren, ermordet wurden. Nun sah er sich mit ihrem Schicksal konfrontiert. Als ab 1992 der Dresdner Bogenbaumeister Daniel Schmidt in Weinsteins Werkstatt in Tel Aviv arbeitete, war dieser so sehr von der Sammlung fasziniert, dass er Weinstein dazu inspirierte, nach weiteren Geigen verfolgter Juden zu suchen.

Das israelische Fernsehen berichtete über das Projekt. Heute umfasst die Sammlung etwa 50 Instrumente. »Die Reparatur dieser Geigen war etwas völlig anderes als die Reparatur anderer Geigen«, sagte Avshalom Weinstein, der die Dankesrede seines Vaters verlas. Und dieser erzählte: »Mit Ehrfurcht habe ich mich den Geigen genähert in dem Wissen, dass sich hinter jedem Instrument eine Seele verbirgt.«

Bis heute haben Musiker auf diesen »Violinen der Hoffnung« rund 30 Konzerte weltweit gegeben. Unter diesem Titel sind sie berühmt geworden.

Aufführung Zum internationalen Holocaust‐Gedenktag am 27. Januar 2015 wurden sie in Berlin von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker gespielt. »Unsere Geigen schweigen nicht mehr«, ist Amnon Weinstein heute in solchen Momenten froh. Hellmut Königshaus zeigte sich tief beeindruckt: »Die Geigen drücken alles aus: vom Jubel bis zur tiefsten Trauer.« Der Schoa werde auf feinsinnige Art gedacht. »Die Geigen haben das Erschüttern zum Erklingen gebracht.«

Zur Festveranstaltung hatte die DIG den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier als Festredner ins Schloss Biebrich eingeladen. Zwei Ziele verfolgten die Gründer, darunter das Land Hessen, der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft vor 50 Jahren: die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zu vertiefen und die internationale Verbundenheit, Toleranz und Verständigung der Völker im Nahen Osten zu fördern, erinnerte Bouffier an diese bis heute schwierige Aufgabenstellung. Ehrengäste waren unter anderem der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sowie Israels Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas‐Handelsman.

Diese Aufgabenstellung der DIG gelte bis heute, betonten Königshaus, Bouffier und Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Die Grundidee sei es gewesen, dass die Annäherung zwischen Israel und Deutschland nicht nur auf der Ebene der Staaten erfolgen soll, sondern von den Bürgern mit Leben erfüllt wird, betonte Böhmer.

»Die Bereitschaft vieler Israelis, uns die Hand zu reichen, hat mich tief beeindruckt«, berichtete sie von ihren ersten persönlichen Begegnungen mit Menschen in Israel. Sie selbst wurde vor 30 Jahren Mitglied der DIG. »Verantwortung für die Vergangenheit und Solidarität für die Zukunft«, bezeichnete Böhmer als die Pfeiler, der sich alle DIG‐Präsidenten parteiübergreifend seit der Gründung vor 50 Jahren verschrieben hätten.

Verantwortung Hadas‐Handelsman sagte einen Satz, der – wie er selbst glaubt – vor 50 Jahren so nicht denkbar gewesen wäre: »Deutschland ist Israels wichtigster Partner und Freund in Europa.« Man werde niemals einen Schlussstrich unter die Schoa ziehen können. Aber es gehe heute nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. »Wir sagen Danke an die Deutsch‐Israelische Gesellschaft, dass sie seit 50 Jahren an der Seite Israels steht.«

Hessens Ministerpräsident Bouffier dankte DIG‐Präsident Königshaus für die Anfrage an das Land Hessen, den Festakt auszurichten: »Wir sehen darin eine Auszeichnung.« Das Land Hessen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Georg‐August Zinn war Gründungsmitglied der DIG. »Aber es war immer ein parteiübergreifendes Anliegen, sich in der DIG zu engagieren«, betonte Bouffier. »Und dahinter stehen viele Menschen in den Kommunen.«

Der 30. Oktober 2016 sei ein Tag der Freude, wenn man bedenke, »an welchem Punkt wir damals angefangen haben«. Aber es sei auch ein Tag der Verpflichtung, wenn man sich an das zweite Ziel der DIG‐Gründer erinnere: die Aussöhnung der Völker des Nahen Ostens. »Die ganze Region ist aufgewühlt. Das Einzige, was wir dort nicht haben, ist Frieden.«

Existenzrecht »Die Verantwortung ergibt sich aus der deutschen Geschichte – und diese Verantwortung bleibt«, betonte Bouffier in seiner Festrede. »Das Existenzrecht Israels verbleibt und verpflichtet uns.« Der Blick in die Zukunft sei verbunden mit der Zukunft der jüdischen Gemeinden in Deutschland. »Die Mitglieder kehrten zurück in das Land der Täter und gaben uns damit Vertrauen. Der jüdische Glaube und die jüdischen Gemeinden sind seit Jahrhunderten Teil unserer Gesellschaft. Ohne sie ist unsere Gesellschaft nicht denkbar.«

Judenhass in Deutschland sei nicht hinnehmbar. Besorgt zeigte sich der Ministerpräsident über Antisemitismus, der zunehmend in den sozialen Netzwerken laut werde. »Das können wir nicht tolerieren.« Genauso deutlich müsse man mit jungen Menschen reden, die etwa aus Syrien nach Deutschland geflohen sind und deren Feindbild von Kindesbeinen an Israel ist: »Es gehört zu unseren Aufgaben, diesen Menschen zu erklären, warum das Existenzrecht Israels nicht verhandelbar ist.«

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