ZWST-Jugendkongress

Workshops, Wohlfahrt, Weltpolitik

ZR-Präsident Josef Schuster, ZWST-Direktor Benjamin Bloch, ZWST-Präsident Abraham Lehrer (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Ihre Stimme wird lauter und entschiedener – junge Erwachsene innerhalb der jüdischen Gemeinschaft melden sich vermehrt zu Wort und versuchen, sich stärker als bisher Gehör zu verschaffen. Das ist sicherlich einer der vielen Eindrücke, die vom diesjährigen Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) bleiben, vor allem dank des Auftritts der neu gegründeten Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), die im Rahmen des Jugendkongresses zu ihrer ersten Vollversammlung und Vorstandswahl einlud. Die JSUD will die Interessen der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren auch in den Gemeinden deutlicher ansprechen.

Diese vier Tage standen aber auch ganz im Zeichen des 100‐jährigen Bestehens der ZWST, einer der ältesten Wohltätigkeitsorganisationen in Deutschland. Rund 300 junge Juden aus dem gesamten Bundesgebiet und aus Österreich nahmen in diesem Jahr an dem Kongress teil. Zentralratspräsident Josef Schuster, der zur Eröffnung am vergangenen Donnerstagabend nach Frankfurt gekommen war, betonte, wie wichtig das Engagement der jungen Menschen in den Gemeinden sei.

engagement
»Es ist dieses ehrenamtliche Engagement, das wir so dringend in unserer Gesellschaft und in unserer jüdischen Gemeinschaft brauchen«, sagte Schuster. Dieses Engagement erzeuge Wärme; gerade da »wieder ein kälterer Wind durch Deutschland« wehe, »benötigen wir diese Wärme so sehr«, so Schuster. Zwar hätten sich die Aufgaben der ZWST in den vergangenen 100 Jahren verändert, doch im Kern gehe es damals wie heute um das Gleiche: Zedaka, Wohltätigkeit, Hilfe für Bedürftige.

»Wir schaffen damit einen engen Zusammenhalt in unserer jüdischen Gemeinschaft«, zeigte sich Schuster überzeugt. Auch Israels Botschafter Yakov Hadas‐Handelsman gratulierte der ZWST. Er würdigte die wichtige Arbeit für die Juden in Deutschland, eine Arbeit, in der sich auch die enge Verbundenheit mit dem Staat Israel widerspiegele.

ZWST‐Präsident Abraham Lehrer gab bei seiner Begrüßung einen kurzen Überblick über die Aktivitäten seines Wohlfahrtsverbandes. Als besondere Herausforderung betrachtet er es, Schüler, Studenten und junge Erwachsene in die Lage zu versetzen, sich bei antisemitischen Angriffen gegen die jüdische Gemeinschaft verbal zur Wehr setzen zu können.

programm Das Programm war – wie in jedem Jahr – eine intensive Mischung aus Party, Partnersuche und Politik. Es sei vor allem dieses »einmalige jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl«, das diese Tage präge, beschrieb eine Teilnehmerin die besondere Atmosphäre des Kongresses. Geboten wurde viel, von kenntnisreichen Einblicken ins Innere der Weltpolitik über Workshops zur Lage im Nahen Osten bis hin zu koscherem Essen und viel Musik.

Doch es gab noch mehr Angebote, zum Beispiel die einzigartige Gelegenheit, Geschichte hautnah zu erleben. Denn den Veranstaltern war es gelungen, frühe Wegbegleiter der ZWST auf dem Podium zu versammeln, darunter die Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn, deren Mann Berthold 1952 zum ersten Geschäftsführer der Organisation nach dem Zweiten Weltkrieg ernannt wurde. Simonsohn, 1921 in Olmütz geboren, hat Theresienstadt und Auschwitz überlebt und gilt als Pionierin in der Jugendarbeit.

Unter den Bedingungen des Lagers in Theresienstadt hat sie als junge Frau eine Gruppe von internierten Mädchen betreut, hat mit ihnen auf engstem Raum Tag und Nacht zusammengelebt, mit ihnen gelernt – obgleich Wissensvermittlung verboten war –, hat gebastelt, gemalt, getanzt und musiziert. »Alle haben damals ihr Bestes gegeben, jeder nach seiner Profession«, beschreibt die 95‐Jährige die Atmosphäre unter den Gefangenen in Hitlers vermeintlichem Vorzeigelager.

terror Auch das Thema des fundamentalistischen Terrors wurde auf dem Jugendkongress diskutiert. Der ehemalige israelische Verteidigungsminister Mosche Yaalon konnte seine Zuhörer nicht wirklich beruhigen. Angesprochen auf die Chancen einer Einigung im Nahen Osten sagte er: »Ich sehe keinen Frieden«, jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft. Gleichzeitig kritisierte er die Haltung eines »Solutionism«: »Wir haben Instantkaffee, Instantnahrung und hätten am liebsten auch Instantfrieden.«

Wie schwierig es ist, Israels Position im Chor der Staatengemeinschaft zu vertreten, schilderte Ron Prosor, der frühere Botschafter des Landes bei den UN, anschaulich und mit viel Humor. Wie oft wurde ihm hinter verschlossenen Türen Unterstützung durch die Vertreter anderer Nationen zugesagt, aber bei der entscheidenden Abstimmung enthielten sie sich dann doch der Stimme. Trotzdem erklärte Prosor, er sei an jedem Tag mit erhobenem Haupt durch die Korridore der UN gegangen, und appellierte zugleich an seine jungen Zuhörer, mit dazu beizutragen, »dass Israel eine stolze Nation in der Staatengemeinschaft bleibt«.

Auch deutsche Politiker wie der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Hans‐Georg Engelke, oder der CDU‐Abgeordnete im Europa‐Parlament Elmar Brok gaben eine Einschätzung zur aktuellen Sicherheitslage, dem Stand der Integration in der Bundesrepublik und zu deren Beziehung zu Israel ab. In weiteren Workshops und Seminaren ging es unter anderem um die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und die Bedrohung durch Antisemitismus und Islamismus.

bewegung
Und obwohl die Organisatoren für die Party am Samstagabend eigens die »Gilev Show Band« aus London geholt hatten, war der wahre Star auf dieser Veranstaltung eine kleine, zierliche 95‐Jährige: Tirza Hodes. Jahrzehntelang hat sie Kindern, Jugendlichen und Senioren auf Veranstaltungen der ZWST israelische Volkstänze beigebracht. Daher kannten sie viele Kongressteilnehmer.

Auch sie war als Zeitzeugin auf das Podium geladen. 1922 in Düsseldorf geboren, kam sie 1938 mit der Jugend‐Alija nach Palästina. Später übernahm sie die Leitung der Volkstanzabteilung innerhalb der Histadrut. »Ich freue mich, dass ich hierher eingeladen wurde«, bedankt sie sich bei den Organisatoren, auch wenn sie einräumte, bis heute mit einem mulmigen Gefühl nach Deutschland zu kommen.

»Disziplin und Angst«, das sei es, was sie aus ihrer Kindheit und Jugend in diesem Land mitgenommen habe. Und doch: Die ZWST, für die sie von 1979 an tätig war, sei »wie eine Familie« für sie. »Ich wollte, dass sich alle bewegen«, sagt sie in der Rückschau. Und bewegt hat sie tatsächlich alle, und das in jeder Hinsicht. Mit ihrem Temperament und Charme schaffte sie es, dass der ganze Kongress zu tanzen begann.

Weitere Informationen unter www.zwst.org

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