Stuttgart

Wissenswertes Judentum

Rabbiner Berger stellte sein neuestes Buch vor – es dürfte auch Nichtjuden interessieren

von Heidi Hechtel  21.03.2019 12:06 Uhr

Wunderbarer Erzähler mit profundem Wissen: Rabbiner Joel Berger stellte sein neues Buch vor. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Rabbiner Berger stellte sein neuestes Buch vor – es dürfte auch Nichtjuden interessieren

von Heidi Hechtel  21.03.2019 12:06 Uhr

Es war kein leeres Versprechen, als Joel Berger 2002 sein Amt als Landesrabbiner von Württemberg aus Altersgründen aufgab und verkündete: »Jetzt gehe ich in Rente und fange an zu arbeiten.« Und es lag nahe, was einen Mann von seiner Bildung und Gelehrsamkeit weiter umtreiben würde: »Es gibt so viele Fragen und Probleme, die ich bedenken und vielleicht auch beantworten will.«

Diese Überlegungen sind nun fast 17 Jahre alt, und hier sind die Antworten: Mit dem Buch Gesetz – Ritus – Brauch. Einblick in jüdische Lebenswelten präsentiert der Autor ein Lesebuch zum Judentum mit einem großen Schatz an fundiertem Wissen, wunderbar erzählten Geschichten und dem pointierten Witz, mit dem er so hinreißend zu erzählen versteht. Der Band ist das Ergebnis eines Forschungsauftrags der Stiftung Baden‐Württemberg und des Hauses der Geschichte Baden‐Württemberg zum Thema »Jüdische Volkskunde im Südwesten«.

volkskunde Joel Berger, der schon am Rabbinerseminar in Budapest von seinem Professor Alexander Scheiber mit volkskundlichen und historischen Fragen vertraut gemacht wurde und am Ludwig‐Uhland‐Institut der Universität Tübingen über jüdische Volkskunde lehrte, hat mit seiner Forschungsarbeit, erst recht mit seinem Buch, sein Versprechen eingelöst.

In 38 Kapiteln schlägt Berger einen weiten Bogen von Religion und Glauben, Lehren und Lernen über Arbeit und Alltag bis hin zu Feiern und Festen. Der Schwerpunkt der Quellen umfasst die Zeit seit der Aufklärung, doch reichen die Wurzeln viel weiter in die Vergangenheit zurück – und über den Südwesten und Württemberg hinaus nach Osteuropa in den Raum der k.u.k. Monarchie, in die Welt der Schtetl und der Ghettos.

Die Geschichte mit dem
Einhorn musste Berger
selbst noch einmal nachschlagen.

Gedacht ist das Buch für alle interessierten Menschen. Auch für nichtjüdische Leser, denen sich hier die Tür zu jüdischen Lebenswelten öffnet und die Antworten auf Fragen finden, die sie immer schon beantwortet haben wollten und vielleicht nicht zu stellen wagten: Was hat es mit den Speisegesetzen auf sich? Wann ist der Wein koscher? Was bedeutet der Gebetsmantel mit den heraushängenden Schnüren? Ist der Rabbiner mit dem christlichen Pfarrer vergleichbar? Was wird an Jom Kippur gefeiert? Und: Sind alle Juden reich?

»Für nichtjüdische Leser ist dieses Buch eine Orientierung und eine Brücke zum Verständnis der jüdischen Mitbürger«, ist Direktorin Paula Lutum‐Lenger vom Haus der Geschichte überzeugt. Und für die jüdischen Leser? Ihnen braucht man nicht zu erklären, dass nicht alle Juden reich sind, auch wenn ihnen –historisch gesehen – lange Zeit durch das Verbot von Handwerk nur Handel und Geldgeschäfte geblieben waren. »Auch als Geldbeschaffer für Kaiser, Könige, Fürsten und sogar die Katholische Kirche«, betont Berger. Jüdische Leser wissen, welchen Sinn die Mesusa an ihrer Tür hat und warum Zizit am Tallit befestigt sind.

Genusslektüre Aber wie Berger als guter Erzähler alle Themen weit ausholend, dabei verständlich und oft amüsant mit zahlreichen Informationen über Historie, Tradition, symbolische Bedeutungen wie den Sündenbock oder Legenden um den Golem und Ahasver, den ewigen Juden, erklärt und vertieft, macht die Lektüre zu einem Gewinn. Kapitel für Kapitel. Und wer beispielsweise nicht mehr genau weiß, warum am Sederabend ein fünfter Becher für den Propheten Elija auf dem Tisch stehen soll, für den gilt: einfach nachschlagen!

»Erinnerung ist der erste Schritt zur historischen Reflexion«, heißt es in dem Buch.

Dass selbst ein umfassend gebildeter Rabbiner wie Berger nicht alles weiß, war der Anlass zum Kapitel »Ein Tier, das nur im Buche steht – Das Einhorn und seine Bedeutung«. Bei einer seiner regelmäßigen Führungen in der Stuttgarter Synagoge, erzählt Berger, habe ihn ein Besucher gefragt, was die Darstellung eines Einhorns an der Brüstung der Frauenempore zu bedeuten habe.

Zwölf Tiere symbolisieren dort die zwölf Söhne des Stammvaters Jakob, beispielsweise der Löwe Juda und den messianischen Gedanken. Aber das Einhorn? Gute Frage. Berger, 20 Jahre in dieser Synagoge zu Hause, musste erst einmal passen, warum für Josef, den zweitjüngsten Sohn Jakobs, das Fabeltier steht. Natürlich fand er die Antwort in der Tora und dem Midrasch, in Psalm 92, 10–1, und am Ende des fünften Buches Mose (33,17). Und so liefert er die ausführliche Antwort nach: »Das Einhorn verweist in diesen Zitaten auf die Reinheit und Tugend, die Josef zugeschrieben werden.«

Joel Berger, 1937 in Budapest geboren, hat in seiner Heimatstadt das Rabbinerseminar besucht, dazu das Studium der Geschichte und Pädagogik mit dem Lehrerdiplom für Gymnasien erworben. Als Pädagoge und Kapazität in Glaubensfragen stellt er klar, dass die Bezeichnung »jüdische Religion« eher eine christliche Interpretation ist: »Das Judentum ist eine Lebensauffassung, eine Lebensform, die sich im Erfüllen der jüdischen Gebote von anderen Religionen unterscheidet.« Hier haben alle angesprochenen Themen ihren Ursprung. Zum Beispiel, wenn Berger beim Betrachten des Bildes »Der Rabbi mit der Zitrone« von Marc Chagall einen Irrtum bemerkt. »Diese Bezeichnung ist nicht korrekt«, rügt der Rabbiner. Die (Zitrus-)Frucht heißt Etrog und gehört wie Dattelpalme, Myrten‐ und Bachweidenzweig zum Feststrauß zu Sukkot.

Die Bezeichnung
»jüdische Religion« ist eher
eine christliche Interpretation.

Es habe nichts mit der Vorstellung vom Auserwähltsein zu tun, wenn das Judentum immer großen Wert auf Unterscheidungen legt, schreibt Berger. Es sei vielmehr das Bestreben einer Minderheit, sich in einer andersartigen Umwelt zu behaupten. »Wir haben uns trotz gemeinsamer Wurzeln auseinandergelebt«, die vergangenen 2000 Jahre seien eine »Chronik von Neid, Hass und unzähligen Pogromen«, heißt es im Kapitel »Was uns eint – was uns trennt«. Was Juden und Christen dennoch über alle Zeiten hinweg verbindet, sei der ethische Monotheismus: »dass die gesellschaftliche Moral aus dem Glauben an den einzigen Gott abzuleiten ist.«

Dialog Das Gespräch zwischen Juden und Christen sei eine Errungenschaft unserer Zeit, stellt Berger fest. Er erinnert an Persönlichkeiten der Gemeinde wie Henry Ehrenberg oder Meinhard Tenné, die sich für diesen Dialog einsetzten und dazu beitrugen, dass sich heute in Stuttgart und anderen württembergischen Städten ein funktionierendes und angstfreies Gemeindeleben mit fast 3000 Mitgliedern entfalten konnte. Was 1945, nach der Schoa, für die ersten Rückkehrer unvorstellbar gewesen sei.

»Erinnerung ist der erste Schritt zur historischen Reflexion«, schreiben Heidi‐Barbara Kloos und Gunter Berg, die Bergers Texte bearbeitet und diese Arbeit als Bereicherung empfunden haben, in einem Nachwort. Er hoffe, bekräftigt Wolfgang Schnabel, bis vor Kurzem Direktor des Hauses der Geschichte, dass dieser Band dazu beitrage, »das Wissen über unsere jüdischen Nachbarn erheblich zu erweitern und sie damit wieder zu einem selbstverständlichen integralen Bestandteil unserer vielfältigen Gesellschaft in Südwestdeutschland zu machen«.

Joel Berger: »Gesetz – Ritus – Brauch. Einblicke in jüdische Lebenswelten«. Hrsg. vom Haus der Geschichte Baden‐Württemberg. Winter, Heidelberg 2019, 446 S., 19 €

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