Frankfurt

Wir und die anderen

Die Themen jüdische Erziehung und Flüchtlingshilfe regten Fachleute und Zuhörer zu lebhaften Auseinandersetzungen an. Foto: Rafael Herlich

Wer bin ich, und was meine ich, wenn ich sage, dass ich jüdisch bin? Auf welche Werte beziehe ich mich als Jude, worin unterscheide ich mich von anderen? Darauf eine Antwort zu geben, fiel selbst den Gästen auf dem Podium schwer, auch wenn man sie durchaus als herausragende Repräsentanten der jüdischen Welt bezeichnen kann.

»Zeiten des Umbruchs. Jüdische Identitätsbildung im gesellschaftlichen und politischen Wandel« – unter diesem Titel hatte die Lichtigfeld-Schule am Montagabend zu einem Podiumsgespräch eingeladen, als Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsreihe in der Schule, mit der man künftig regelmäßig über aktuelle bildungspolitische Fragen informieren und diskutieren möchte.

Zustande gekommen ist dieses neue, spannende Format vor allem dank der Initiative der Schulleitung und des schuleigenen Fördervereins und insbesondere aufgrund des Engagements von dessen Vorsitzender Mima Speier, die zugleich auch die Vorsitzende des Schulelternbeirats ist.

Podium
An diesem Abend hatte man den Frankfurter Rabbiner Julian Chaim Soussan als Diskutanten für das Podium gewinnen können; neben ihm nahmen der Erziehungswissenschaftler Doron Kiesel (FH Erfurt) und Harry Schnabel, Mitglied im Vorstand der Frankfurter Gemeinde, Platz. Moderiert wurde die Diskussion von der Journalistin Esther Schapira, Abteilungsleiterin Politik und Gesellschaft beim hessischen Fernsehen. Ebenfalls auf dem Podium war ihr Mann Georg Hafner, Fernsehjournalist und Autor. Gemeinsam haben sie kürzlich das Buch Israel ist an allem schuld publiziert.

Dass es genauso viele Formen jüdischen Selbstverständnisses gibt wie Juden auf der Welt, mag eine Banalität sein. Zwei Dinge aber – das zeigte die Diskussion – lassen sich dennoch als übergreifende Phänomene beschreiben: Jüdische Identität bildet sich häufig ex negativo heraus, als Reaktion auf die Erfahrung des Andersseins oder gar der Ablehnung durch die umgebende Mehrheit, bis hin zum Antisemitismus.

Zum anderen beginnen die zwei Säulen, auf denen sie lange Zeit vor allem ruhte, zu bröckeln: Dadurch, dass die Zahl der Überlebenden mit den Jahren abnimmt, verliert die Schoa als Bindeglied ihre Bedeutung. Und für die heutige Generation ist die Verfolgung und Ermordung ihrer Vorfahren nicht mehr in dieser schrecklichen Dringlichkeit präsent. Gleichzeitig fällt es zunehmend schwerer, Religiosität als Lebensprinzip in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

Doch durch die aktuelle Flüchtlingskrise, warf eine Zuhörerin ein, würden die Juden in Deutschland erneut auf die Frage der eigenen Identität zurückgeworfen. Denn, so griff Esther Schapira diesen Gedanken auf, »die Erfahrung von Flucht und Migration, die Hoffnung, dass sich irgendwo ein Grenzzaun zur Sicherheit öffnet, ist eine zutiefst jüdische«. Daher befinde man sich in einem moralischen Dilemma: Das gleiche Schicksal und das Gebot der Nächstenliebe verpflichteten zur Hilfe; gleichzeitig könne man nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass eine große Gruppe unter den Flüchtlingen in einer von Antisemitismus geprägten Umwelt aufgewachsen sei.

Nachsozialisation
»Die Integration dieser Menschen kann nicht allein durch gute Absichten und hochherzige Appelle gelingen«, stellte Doron Kiesel fest. Vielmehr sei hier eine »Nachsozialisation« dringend erforderlich. »Doch dafür fehlt es in Deutschland an pädagogischem Rüstzeug und Personal.« Kiesel warnte davor, diese Probleme zu verschleppen: »Wenn zahlreiche Flüchtlinge durch ihre niederdrückenden Lebensverhältnisse hier frustriert werden, droht die Gefahr, dass wir wieder, wie so oft in der Geschichte, als Sündenböcke missbraucht werden.«

Der provokante Vorschlag von Esther Schapira, die jüdische Schule könne doch syrische Flüchtlinge aufnehmen, regte das Podium zu einer lebhaften Auseinandersetzung an: »In der Lichtigfeld-Schule wird jedes Kind jüdisch erzogen, egal, ob es religiös ist und welchem Glauben es angehört«, erläuterte Rabbiner Soussan. »Bringen wir damit Kinder, die von zu Hause aus stark muslimisch geprägt sind, nicht unnötig in Konflikte?«

Der Erziehungswissenschaftler Kiesel schlug stattdessen vor, die interkulturelle Kompetenz, die die Pädagogen der jüdischen Schule bei der Integration von Kindern unterschiedlicher Herkunft bewiesen hätten, den Kollegen an den staatlichen Schulen zu vermitteln. »Die Lichtigfeld-Schule hat es geschafft, ihre Schüler, so unterschiedlich sie als russische, deutsche, israelische Kinder geprägt waren, zu einem ›Wir‹ zu verschmelzen«, sagte Kiesel. Dieser Zusammenhalt gebe ihnen die Kraft, sich auch in der Außenwelt mit anderen auseinanderzusetzen und zu behaupten, zeigte er sich überzeugt.

Harry Schnabel erinnerte an den Besuch der Grünen-Politikerin Renate Künast vor einigen Jahren, die erstaunt gefragt hatte: »Eine Schule, an der jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund hat und die gleichzeitig zu den besten Schulen in Hessen zählt: Wie schafft ihr das?«

Ohnehin waren sich alle darin einig, welche enorme Bedeutung der Schule für die jüdische Prägung der nachwachsenden Generation zukommt. »Erstes und oberstes Ziel dieser Institution muss es sein, die Tradition zu vermitteln«, erklärte ein Zuhörer. Sonst, so ergänzte ein anderer, »drohen unsere Synagogen zu Museen zu werden«. Nach Auffassung von Doron Kiesel können sich Heranwachsende nirgendwo sonst »in derselben Dynamik mit jüdischem Denken und jüdischer Philosophie beschäftigen wie an der jüdischen Schule«.

schabbaton Soussan verwies darauf, dass er, gemeinsam unter anderem mit Chasan Yoni Rose, versuche, jungen Familien gezielte Angebote zu machen, etwa in Gestalt eines Schabbatons, um sie mit Festen, Traditionen und Mizwot vertraut zu machen. Dabei gehe es vor allem darum, zu zeigen, dass ein religiöses Fest auch ein schönes, lustiges Erlebnis für Eltern wie Kinder sein kann. »Es sind die Eltern in der Synagoge, die beschult werden müssen«, sagte der Rabbiner. »Die Kinder wissen meist besser Bescheid, dank des Religions- und Hebräischunterrichts in der Schule.«

Eindringlich warnte der Rabbiner davor, Judentum nur als Reflex auf Ablehnung und Ausgrenzung zu erleben. »Lassen wir uns nicht nur durch andere daran erinnern, dass wir Juden sind. Wir haben doch so viel zu geben, auch nach außen!« Für ihn als Rabbiner sei dabei natürlich die Religion maßgeblich: »Und die halte ich durchaus für kompatibel mit der Moderne«, betonte er. Seine Hoffnung: »Dass irgendwann die Antwort auf die Frage: Wer ist jüdisch? lauten wird: Der, dessen Enkelkinder jüdisch sind!«

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