Köln

WG statt Heim

Aufgehoben: In einer selbstgewählten Wohngemeinschaft fühlen sich viele Senioren wohler als im Altenheim. Foto: imago

Es riecht nach gebratenen Zwiebeln, im Fernsehen läuft ein sowjetischer Kriegsfilm. Zwei alte Frauen sitzen am langen Holztisch und unterhalten sich, ohne sich um das TV‐Geschehen zu kümmern. Ein ausgeblichener orangefarbener Plüschtiger liegt neben ihnen. Leonid Torgovitski streicht einer der beiden Frauen im Vorbeigehen über den Rücken: Es ist seine Schwiegermutter, die seit fünf Jahren in dieser Wohngemeinschaft für russischsprachige Demenzkranke lebt.

Ein Mann, schick herausgeputzt in hellblauem Hemd und dunkelblauer Hose, Hörgerät hinterm Ohr, trägt vier prall gefüllte Mülltüten aus der Küche und stellt sie neben die Tür. »Guten Tag, Prokofij, Sie haben eine Aufgabe?«, grüßt Torgovitski ihn. »Und wer bist du?«, fragt der Alte. »Ich bin Lenja.« Torgovitski, im eigentlichen Berufsleben Software‐Ingenieur, ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von »Nascha kwartira« (Unsere Wohnung), der Demenz‐WG.

Vor sechs Jahren war seine Familie mit ihren Kräften und Nerven am Ende: Mit der Alzheimerkranken Schwiegermutter ging es bergab. Sie verlor Portemonnaies und ihren Personalausweis, aß nichts oder alle Vorräte auf einmal, warf Abfall aus dem Fenster.

Auch der ambulante Pflegedienst war keine Lösung. »In der klassischen Pflege ist jede Leistung genauestens beschrieben«, erzählt Torgovitski. Und jede Sekunde zählt. Die Pfleger geraten unter Zeitdruck, die Patientin, die ihre Anweisungen nicht versteht, in Panik. »Und es tat in der Seele weh, mitzuerleben, wie die einstige Powerfrau, Leiterin eines Chemielabors, zusehends zu einem Häufchen Elend wurde.«

vorschriften Ein Altenheim kam für die Torgovitskis jedoch nicht in Frage: »Das ist voller Regularien, die uns an die Pionierlager unserer Kindheit erinnern.« Die Lager, die Eltern nur zu bestimmten Zeiten besuchen durften und in denen sie keinen Einfluss auf die Hausordnung hatten. Da hörten sie von einem ganz neuen Projekt. Das größte Kölner Immobilienunternehmen GAG, der örtliche Pflegedienst der Diakonie und die Agentur für Wohnkonzepte warben für eine russischsprachige Senioren‐WG.

»Wir hatten anfangs zwar mehr Fragen, als man uns Antworten geben konnte«, erinnert sich Torgovitski. »Aber letztendlich hat uns überzeugt, dass wir bei diesem Konzept die Oberhand behalten.« Es ist wie eine Elterninitiative im Kindergarten. Nur, dass es hier umgekehrt läuft und die Eltern betreut werden.

Die Interessengemeinschaft mietete also eine geräumige neue Wohnung von der Immobilienfirma an und beauftragte den Pflegedienst der Diakonie mit der Betreuung rund um die Uhr. Speziell für »Nascha kwartira« stellte sie russischsprachiges Personal ein. Nachmittags kommen Mitarbeiter des Kultur‐ und Integrationszentrums Phönix und veranstalten mit den Bewohnern Gesellschaftsspiele, singen mit ihnen oder lesen ihnen vor. In der Wohngemeinschaft ist Platz für acht Personen. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit Terrasse. Die Küche, Sanitäreinrichtungen, der Wohnraum und ein Garten können gemeinsam genutzt werden.

mitbestimmung Da die jüdischen Kontingentflüchtlinge die Grundsicherung und die Aussiedler meist eine kleine Rente beziehen, kommt letztendlich die Kommune für die Kosten auf. Welche Möbel in den Zimmern sind und was auf der Speisekarte steht, ob jetzt renoviert wird oder in ein paar Monaten: »Alles, was den Alltag ausmacht, bestimmen die Familienangehörigen« oder die amtlich bestellten Betreuer. Alle drei Monate werden die anstehenden Aufgaben gemeinsam besprochen.

Feste Regeln gibt es nicht. »Es pendelt sich ein«, sagt Torgovitski, »dass alle zur ungefähr gleichen Zeit essen. Aber wenn einer Langschläfer ist, dann bekommt er das Frühstück eben später. Falls jemand für seine Mutter nur den Bananenjoghurt einer bestimmten Marke will, dann kauft das Personal dieses Produkt ein.« Die Verwandten bestimmen sogar mit, welcher Arzt gerufen wird und welche Arzneien genommen werden dürfen. Schließlich wissen sie am besten, ob ein bestimmtes Mittel die Mutter depressiv macht.

Gegenwärtig leben sechs Betagte in der WG: Die Hälfte jüdischer Herkunft, die anderen sind Russen oder Aussiedler. Sie kommen aus verschiedenen Regionen der ehemaligen Sowjetunion, haben ein unterschiedliches Bildungsniveau, andere Sitten sowie je einen anderen Demenzgrad. Einige sind noch gut auf den Beinen und helfen im Haushalt mit, andere sind dazu nicht mehr in der Lage.

geduld Und trotzdem kommen diese unterschiedlichen Persönlichkeiten jeden Tag 24 Stunden miteinander aus. »Sie haben die Geduld, 30 Mal auf dieselbe Frage ausführlich einzugehen, weil sie vergessen haben, dass sie sie schon mal beantwortet haben. Und, es ist kein Witz, sie freuen sich jedes Mal von Neuem, hier interessante Leute kennenzulernen. Meine Schwiegermutter ist wirklich aufgeblüht«, erzählt Torgovitski. Die bettlägerige Dame nebenan wurde auf der Tragbahre in die Wohnung gebracht. »Ich dachte damals, sie schafft es keine zwei Wochen, aber sie lebt und lebt.« Jetzt dürfte sie weit über 90 Jahre alt sein.

Lina, die ehemalige Ärztin aus St. Petersburg, hat sich mit dem Kriegsveteranen Prokofij angefreundet: »Gucken Sie, wie viele Freundinnen Prokofij hat!«, zeigt sie auf ihren Fernseher: »Sie wollen ihn alle beschützen!« Wie alt sie ist, weiß sie nicht mehr, nur, dass sie vor langer Zeit in einer Poliklinik gearbeitet hat. »Hier ist es sehr schön, man kümmert sich um uns. Mal schauen, was sie nachmittags mit uns vorhaben.«

Reibereien Da es unter den WG‐Familien keine praktizierenden Juden gibt, spielt die Religion keine Rolle im Alltag der Senioren. »Man gratuliert vielleicht zu einem Feiertag und trinkt darauf – das war es dann aber auch«, sagt Torgovitski. Aber es taucht andererseits immer wieder ein latenter Antisemitismus bei den nichtjüdischen Bewohnern auf, wie das in der Sowjetunion halt üblich war.

»Dann gibt es Zank wie im Kindergarten.« Das Personal – ebenfalls teils jüdischer Herkunft – soll in solchen Fällen beschwichtigen und ablenken. »Wir prüfen genau, wer zu uns passt«, so Torgovitski. Über jeden Aufnahmeantrag müssen die Mitglieder abstimmen. Aufgenommen wird, wer mindestens 75 Prozent der Stimmen auf seiner Seite und eine Probewoche gut bestanden hat. Und das, obwohl es noch freie Plätze und leichte Verluste bei der Miete gibt.

Vorbild In den WGs für deutsche Senioren, die nach dem Muster von »Nascha kwartira« seitdem entstanden sind, stehen die Bewerber Schlange. Hier jedoch nicht. Warum nicht, kann Torgovitski nur vermuten. »Unser Konzept ist schwer zu vermitteln, außerdem verlangt es den Familien einiges Engagement ab. Andererseits halten es unsere Landsleute für selbstverständlich, die alten Eltern zu Hause zu pflegen, und sie fühlen sich dabei wie Helden.

Doch das ist manchmal unmöglich, weder lasse sich die Wohnung barrierefrei umgestalten, noch überall ausreichend helles Licht installieren, noch könne man für ständige Anregung und Unterhaltung des Demenzkranken sorgen. Zweifler schickt er deshalb zu einem Gespräch mit Irina Moldaver. Die Schwiegermutter der Kölnerin lebte drei Jahre in »Nascha kwartira«: »Diese Jahre«, glaubt sie, »wurden ihr durch das Leben in der Wohngemeinschaft geschenkt.«

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