Ordination

Viel Arbeit und große Verantwortung

Die Neuen: Nosson Kaplan, Benjamin Kochan und Jochanan Guggenheim (v.l.) Foto: Rafael Herlich

Zeichen der Zuversicht – auf diesen Begriff lässt sich am besten die Atmosphäre in der Frankfurter Westend-Synagoge am Montag dieser Woche bringen. Hunderte Gäste, darunter viele bedeutende Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft aus Deutschland, Europa und Amerika, waren gekommen, um der feierlichen Ordination dreier orthodoxer Rabbiner beizuwohnen.

Zwar war dies bereits die fünfte Veranstaltung dieser Art seit 2009, als das Rabbinerseminar zu Berlin vom Zentralrat der Juden und der Ronald S. Lauder Foundation neu eröffnet worden war, doch für Frankfurt bedeutete dieser Festakt eine Premiere.

belcanto Begleitet vom wunderbaren Belcanto des Frankfurter Kantors Yoni Rose und eingerahmt von ihren Lehrern und Kommilitonen zogen die drei Rabbiner in die Synagoge ein. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier zeigte sich beeindruckt von der Bedeutung dieses Ereignisses. »Dies ist ein Tag der Freude, ein historischer Tag mit enormer symbolischer Strahlkraft«, betonte der CDU-Politiker und erinnerte daran, dass das Judentum seit Jahrhunderten zu Deutschland gehört. Dass hier im Lande mehr als 70 Jahre nach der Schoa wieder Rabbiner ausgebildet und ordiniert würden, stimme ihn optimistisch für die Zukunft.

Salomon Korn, der als Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Gemeinde die Gäste begrüßte, erinnerte an die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als unter den in Deutschland lebenden Juden keine Zuversicht, sondern vielmehr »Skepsis und Zukunftsangst« vorherrschten. Das Verhältnis zu den deutschen Nichtjuden versuchte der damalige Frankfurter Rabbiner Wilhelm Weinberg in einem bewegenden Bild zu fassen: »Uns trennt für alle Zeit ein schwerer Vorhang, gewebt aus Blut, Tränen und tiefer Trauer.«

Doch, so hob Korn hervor, »die Ordination neuer Rabbiner für jüdische Gemeinden in Deutschland bedeutet auch, dass wir wieder vorsichtiges Vertrauen fassen und die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft auf deutschem Boden nicht weiterhin grundsätzlich infrage stellen«. Zumal die Absolventen des Rabbinerseminars diese Frage ja allein durch ihre Berufswahl bereits positiv beantwortet hätten. Nun sei es »an uns, die jungen Rabbiner in ihrer Entscheidung zu bestärken«.

respekt »Rückhalt aus der Gemeinde«, das wünschte auch Zentralratspräsident Josef Schuster den drei neuen Rabbinern, ebenso wie die tatkräftige Unterstützung durch ihre Ehefrauen: »Wir alle wissen, was eine Rebbetzin leisten muss; Hunderte kleine und große Fragen des jüdischen Alltags kommen auf sie zu.« Er selbst, so räumte Schuster ein, hätte bestimmt »weiche Knie« gehabt, wenn er »mit Ende 20 ein solch verantwortungsvolles Amt wie das eine Rabbiners« übernommen hätte: »Deshalb möchte ich betonen: Ich habe tiefen Respekt vor den jungen Männern, die diesen Weg einschlagen!«

Gleichzeitig erklärte Schuster, seines Erachtens versinnbildliche eine Smicha »wie kein anderes Ereignis die Stärke unserer Gemeinschaft«. Tikkun Olam, die Reparatur oder Heilung der Welt, zähle zu den 613 Mizwot, fuhr Schuster fort: »Und im Augenblick gibt es auf der Welt viel zu reparieren.« Ein wichtiges Werkzeug zur Erledigung dieses Reparaturauftrags stellten für ihn die hier ausgebildeten Rabbiner dar. »Es kommt viel Arbeit auf Sie zu«, wandte sich der Zentralratspräsident direkt an Jochanan Guggenheim, Nosson Kaplan und Benjamin Kochan.

messias »Wir leben Judentum. Für uns Rabbiner ist das der einzig gangbare Weg«, unternahm auch Frankfurts Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan den Versuch einer Arbeitsplatzbeschreibung. Überhaupt halte er seinen Beruf für den wichtigsten auf der Welt. »Wir helfen, die Ankunft des Messias zu beschleunigen«, erklärte Soussan mit leichtem Augenzwinkern.

Soussans Frankfurter Partner, Gemeinderabbiner Avichai Apel, zitierte hingegen den Ausspruch eines Schriftgelehrten, demzufolge man »die Arbeit lieben, aber das Rabbinat hassen« solle, um dieses harte Wort jedoch sogleich zu entschärfen: »Ein Rabbiner wird zur Autorität nicht durch sein Amt, sondern allein durch seine Arbeit.«

»Geht hinaus, betet und unterrichtet, baut auf und heilt, stärkt und unterstützt!« Diese Ermutigung gab Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner, den jungen Amtskollegen mit auf den Weg.

Urkunden Es war an Rabbiner Dayan Chanoch Ehrentreu, dem 84 Jahre alten Dekan des Rabbinerseminars zu Berlin, den drei erfolgreichen Absolventen seiner Schule die Urkunde für ihre Smicha zu überreichen. Sichtlich bewegt schilderte Rabbiner Ehrentreu, der 1932 in Frankfurt geboren wurde, wie er hier als Sechsjähriger 1938 die Pogromnacht erlebt hatte und die Verbrennung Heiliger Schriften mitansehen musste. »Das physische Buch haben sie vernichtet, aber der Geist, der in ihm enthalten ist, bleibt ewig«, so der Gelehrte.

»Ich bin glücklich da, wo ich heute angelangt bin.« Mit diesem Satz drückte Nosson Kaplan auch im Namen seiner beiden Mitstreiter aus, wie sehr er sein Rabbineramt als eine Berufung ansieht, als Ziel eines langen, intensiven Ausbildungs- und Werdegangs sowie als große Aufgabe und Verantwortung. Seit 2015 arbeitet Kaplan als Assistenzrabbiner in der Jüdischen Gemeinde Osnabrück; Jochanan Guggenheim ist in derselben Funktion in Leipzig tätig, während der Jüngste der drei, Benjamin Kochan, mit 28 Jahren bereits das Amt des Gemeinderabbiners in Erfurt und des Landesrabbiners von Thüringen bekleidet.

traditionskette Nur einer fehlte an diesem Vormittag: Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, dessen Stiftung weltweit jüdische Bildungseinrichtungen, darunter auch das Rabbinerseminar zu Berlin, unterstützt. Wegen dringender Verpflichtungen hatte Lauder seine Teilnahme an der Ordination in Frankfurt kurzfristig absagen müssen, doch beglückwünschte er in einer Grußbotschaft die drei neuen Rabbiner und erinnerte an die ungebrochene Kette jüdischer Tradition – zu der mit dieser Ordination ein weiteres Glied hinzugefügt worden ist.


Bei der Frankfurter Rabbiner-Ordination sprachen Zentralratspräsident Josef Schuster, der Gemeindevorsitzende Salomon Korn und Rabbiner Nosson Kaplan. Wir dokumentieren Auszüge aus den Reden.

JOSEF SCHUSTER:
»Es ist jetzt bereits das fünfte Mal, dass wir in Deutschland orthodoxe Rabbiner ordinieren, die auch in Deutschland ausgebildet wurden. Darauf können wir mit Fug und Recht stolz sein. (...) Es ist aber auch erst die fünfte orthodoxe Ordination. Nach der Schoa brauchte es Jahrzehnte, bis unsere jüdische Gemeinschaft so gewachsen war, dass wir wieder eigene Rabbiner ausbilden konnten und können. Die Ordination neuer Rabbiner zeigt für mich wie kaum ein anderes Ereignis die Stärke unserer Gemeinschaft. Daher werde ich – auch noch wenn wir die zehnte Ordination feiern – tiefe Freude und Dankbarkeit darüber empfinden! (...)

Unsere Rabbiner können in unserer Gemeinde, egal ob sie klein oder groß ist, viel dazu beitragen, diese Werte mit Leben zu erfüllen. Um was geht es denn beispielsweise? Wir sollen für Arme spenden, Kranke besuchen, unsere Eltern ehren, Fremde aufnehmen und Gerechtigkeit üben. Von nichts anderem sprechen heute Soziologen oder Politiker, wenn sie eine tolerante, solidarische und offene Gesellschaft fordern. Eigentlich muss ich Ihnen – und gerade den zahlreich anwesenden Rabbinern – diese Werte nun wirklich nicht mehr erläutern. Es ist mir aber wichtig, sie wieder aktiv ins Bewusstsein zu rufen. (...) Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist nicht groß. Doch jeder von uns kann seinen kleinen, ganz bescheidenen Beitrag leisten. Jeder von uns kann die Welt ein kleines Stückchen besser machen.«

SALOMON KORN:
»Lehrer, Richter, Ratgeber, Freund – die Rollen eines Rabbiners sind vielfältig, doch verschmelzen sie in ihrer Vielfalt zu einer einzigen: der eines weisen und gerechten Ratgebers der Gemeindemitglieder. In der jahrtausendealten Geschichte des Judentums gab es im deutschsprachigen Raum zu allen Zeiten Gemeinderabbiner, die durch ihr Wirken in der gesamten jüdischen Welt Gehör fanden, als Gelehrte großen Einfluss auf die Überlieferung hatten und bis heute als Autorität gelten – darunter auch einige, die in der Frankfurter Gemeinde verwurzelt waren. Gleich zwei einflussreiche Frankfurter Rabbiner waren Absolventen des renommierten Berliner Rabbinerseminars. Einer von ihnen ist der auch als Matei Levi bekannte Rabbiner Horowitz. (...)

Die heutige Feierstunde ist Ausdruck von wachsender Hoffnung und vorsichtigem Vertrauen in die Weiterentwicklung jüdischen Lebens in Deutschland. Diese Feststellung ist 71 Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager keine Selbstverständlichkeit. Aus jüdischer Sicht ist Deutschland als Ganzes ein Ort, dessen Boden immer verbunden sein wird mit Blut, Schmerz und Trauer. Eine Herausforderung, der sich auch nachgeborene, familiär vom Holocaust unbelastete Rabbiner im Rahmen ihrer Arbeit von Zeit zu Zeit stellen müssen. (...) Sie wollen in Zukunft in einer jüdischen Gemeinde in Deutschland als Rabbiner tätig sein. Es ist an uns, die jungen Rabbiner in ihrer Entscheidung zu bestärken. Das damit verbundene Bekenntnis zu Deutschland als jüdische Lebenswelt mit Aussicht auf Dauerhaftigkeit ist eine der Botschaften der heutigen Feierstunde. Eine Botschaft, die Ihnen allen, verehrte Absolventen, Kraft und Selbstbewusstsein geben möge für ihre künftige Aufgaben.«

NOSSON KAPLAN:
»Dass ich heute hier stehe, könnte man einem Zufall verdanken. Doch wir Juden glauben nicht an Zufälle. (...) Im Aufnahmegespräch für das Rabbinerseminar wurde ich gefragt, was ich für das jüdische Volk in Deutschland machen würde, wenn ich die Möglichkeit hätte. Ich sagte damals, dass ich höchstwahrscheinlich etwas für jüdische Kinder machen würde. Weil man damit Samen pflanzt, die Jahre später zu schönen Bäumen wachsen könnten. (...) Ich bin glücklich da, wo ich heute angelangt bin. Ich baue für die Zukunft, denn meine Aufgabe ist heute in der Tat das Lehren von Kindern. Daher gilt mein Dank heute allen, die mich hierher begleitet haben, die mich gefördert und an mich geglaubt haben. Die es mir ermöglicht haben, das zu tun, was ich heute tue. Und für mich persönlich hat es auch noch eine gewisse Ironie, dass ich infolge dieser schrecklichen Ereignisse in Tschernobyl vor 30 Jahren, hier an dieser Bima, in dieser Synagoge, an diesem Tag, stehen kann.«

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