Düsseldorf

Versöhnen durch Erinnern

Die Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille findet traditionell im Rahmen des Neujahrsempfangs statt. Foto: Stephan Pramme

Carina Gödecke und Joachim Lüdicke heißen die Preisträger der Josef-Neuberger-Medaille 2018. Ausgezeichnet wurden sie am 11. Oktober von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. In den Reden zum Festakt beim traditionellen Jahresempfang der Gemeinde in der Düsseldorfer Synagoge klang immer wieder die Frage an: »Was tun gegen Populismus und Antisemitismus?«

Die Preisträger scheinen auf den ersten Blick recht verschieden: Da ist die in Bochum direkt in den nordrhein-westfälischen-Landtag gewählte Carina Gödecke. Fünf Jahre lang amtierte die Sozialdemokratin als Landtagspräsidentin, aktuell ist sie erneut Vizepräsidentin des Parlaments. Der zweite Geehrte ist promovierter Anwalt, Partner in einer internationalen Kanzlei, Präsident des Bundesverbandes der Steuerberater und Honorarprofessor. Was beide eint, ist das Wissen um den Wert der Bildung für die Entwicklung der Persönlichkeit.

Brückenbauerin Die Laudatio zu Carina Gödecke hielt nach einleitenden Worten von NRW-Landtagspräsident André Kuper (CDU) der Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD). Er nannte Gödecke eine Brückenbauerin in der Tradition des ersten Trägers der Neuberger-Medaille, Johannes Rau. Dessen Motto »Versöhnen statt Spalten« sei keine konfliktscheue Gefühlsduselei, sondern das Gegenmodell zum Ansatz der heutigen Populisten. Diese »modernen Rattenfänger der Twitter- und Soundbite-Kultur« schlügen nun einmal Kapital daraus, Gruppen gegeneinander auszuspielen.

»Hinter ›Versöhnen statt Spalten‹ steht dagegen eine politische Überzeugung, die gesellschaftliche Vielfalt nicht im Sinne eines Gegeneinanders, sondern eines Miteinanders versteht«, betonte Geisel und ergänzte, zu Gödecke gewandt: »Wenige verkörpern diesen Geist so wie du.« Eine solche Geisteshaltung sei »die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft wie unsere funktionieren kann«.

Auch die Erinnerungskultur sei ein besonderes Anliegen der langjährigen Abgeordneten, so Geisel. Er erinnerte daran, dass Gödecke im Zuge der Feier zum 70-jährigen Bestehen von Nordrhein-Westfalen dafür gesorgt habe, dass 70 Schulklassen Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen besuchen konnten. Die 59-Jährige habe einen Satz aus dem Talmud verinnerlicht: »Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung«. »Du bist überzeugt, dass wir uns nur dann gegen den Rückfall in eine menschenfeindliche Barbarei immunisieren können, wenn wir die Erinnerungen an die Naziverbrechen wachhalten«, sagte Geisel.

Carina Gödecke unterstrich in ihrer Dankesrede die Bedeutung, die die Begegnungen mit dem 2006 verstorbenen Zentralratspräsidenten Paul Spiegel für sie gehabt haben. »Paul Spiegel hat mich tief und nachhaltig beeindruckt. Ich habe viel von ihm gelernt.« Gerade wenn es darum geht, in höchst unterschiedlichen Situationen die jeweils richtigen Worte zu finden.

Die Politikerin nahm die Medaille dankbar als persönliche Auszeichnung an. Sie sieht darin aber auch eine »Wertschätzung der parlamentarischen Demokratie«. Ausdrücklichen Dank sagte die Bochumerin ihren Eltern, Jahrgang 1927 und 1929, »dafür, dass sie mich und meinen Bruder zu anständigen und geschichtsbewussten Deutschen erzogen haben«.

Hinsehen Die Sozialdemokratin sieht die Auszeichnung als Verpflichtung, genau hinzuhören, was gesagt wird – gerade im Parlament –, und Rassismus mit einem klaren »Nein« zu begegnen. Der Antisemitismus sei dabei, sich »so richtig in der Mitte der Gesellschaft breitzumachen«. Gödecke fragte mahnend: »Tun wir genug dagegen? Oder fangen wir an, uns schleichend daran zu gewöhnen?« Für die Politikerin ist klar: Das jüdische Volk darf nie mehr Opfer werden. »Wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass das jüdische Leben stark bleibt.« Es reiche nicht, das nur zu hoffen. Gegenüber antisemitischen Äußerungen gelte es aufzustehen und Farbe zu bekennen.

Die Würdigung von Joachim Lüdicke übernahm der katholische Geistliche Michael Dederichs. Er ist Pfarrer der Gemeinde St. Antonius im linksrheinischen Düsseldorf-Oberkassel, in der Lüdicke seit Jahren mit großem Einsatz im Kirchenvorstand wirkt. Grund für die Ehrung: Lüdicke hatte reichlich Spenden gesammelt, die in die Gründung des ersten jüdischen Gymnasiums in NRW, des Albert-Einstein-Gymnasiums in Düsseldorf, flossen.

»Seine Taten haben dazu beigetragen, dass das jüdische Gymnasium Realität wurde«, betonte Dederichs. Seine Motivation sei, helfen zu wollen, »Bildung zu fördern und Kindern und Jugendlichen ein intellektuelles Rüstzeug mitzugeben«, betonte der Pfarrer. Das Einstein-Gymnasium, in dem Juden und Nichtjuden lernen können, wurde zur Erfolgsgeschichte. Es startete nach den Sommerferien ins dritte Jahr des Bestehens mit fast 50 neuen Schülern.

Katholik Lüdicke hob in seiner Dankesrede hervor, dass es für ihn als Katholik kein Widerspruch, sondern »Auszeichnung und Ehre« ist, mit der jüdischen Gemeinde durch das Gymnasium verbunden zu sein. Ihn habe in den Vorgesprächen die Idee beeindruckt, Bildung in der Tradition eines Moses Mendelssohn zu vermitteln – »im Sinne eines kritischen Hinterfragens vermeintlicher Sicherheiten«.

Als Mittel gegen Antisemitismus und Populismus sieht der 1958 in Duisburg Geborene das kraftvolle Engagement der Demokraten: »Wir in der Mitte der Gesellschaft müssen so aktiv sein, dass es Spaß macht, dort mitzugestalten – und nicht an den Rändern.« Beide Medaillenträger erhielten für ihre Reden viel Beifall und freuten sich anschließend über einen kurzen Film, der das alltägliche Leben in der jüdischen Kita und Schule in Düsseldorf beschrieb.

Überreicht wurden die Medaillen von den Düsseldorfer Gemeinde-Vorstandsmitgliedern Ruth Rubinstein und Ran Ronen. Zuvor hatte der Vorstandsvorsitzende Oded Horowitz einleitende Worte gesprochen. Er berichtete Positives von Gymnasium, Yitzhak-Rabin-Grundschule und jüdischer Kita und klagte über den bundesweit zunehmenden Antisemitismus. Speziell jüdische Schüler an weiterführenden Schulen bekommen den stärkeren Gegenwind zu spüren.

Preisträger Seit 1991 ehrt die Düsseldorfer Gemeinde jedes Jahr nichtjüdische Persönlichkeiten, die sich um die jüdische Gemeinschaft verdient gemacht haben. Die Medaille geht auf den jüdischen Rechtsanwalt und Politiker Josef Neuberger (1902–1977) zurück, der als Justizminister in NRW amtierte. Ausgezeichnet wurden unter anderem Angela Merkel, Roman Herzog, Friede Springer oder auch »Die Toten Hosen«. Im vergangenen Jahr ging die Medaille an den örtlichen Verein »Heimatsucher« und an den Sozialrichter Jan-Robert von Renesse für seinen Einsatz für Ghetto-Überlebende. Carina Gödecke hatte bereits 2017 am Festakt teilgenommen – sie hatte die Laudatio auf Richter Renesse gehalten.

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