Frankfurt

Verneigung vor dem Kritiker

Unter den Gästen: Andrew Reich-Ranicki (3.v.l.) neben Peter Feldmann und Salomon Korn Foto: Rolf Oeser

Er fehlt. Aus jedem Satz, aus jeder Anekdote und ehrenden Erinnerung war es herauszuhören. Noch immer könne sie in seinem ehemaligen Büro »kein Blatt anheben oder irgendetwas verändern«, erzählte etwa Rachel Salamander, Leiterin des Literaturforums der FAZ. Ihre Aufgabe ist es nun, die von Marcel Reich-Ranicki begründete »Frankfurter Anthologie«, jene seit 40 Jahren in der FAZ abgedruckte Folge von Gedichten samt deren Interpretation, zu betreuen. So sitze sie nun an Reich-Ranickis Schreibtisch, auf seinem schwarzen Ledersessel, in seinem Büro im Feuilleton, wo alles an ihn erinnere.

Alle, die wie Salamander am vorvergangenen Sonntag eingeladen waren, in der Frankfurter Paulskirche, eingerahmt von Musik des Hába Quartetts, an den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu erinnern und seine Lebensleistung zu würdigen, taten dies auf eine sehr persönliche, mitunter auch wohltuend humorvolle Weise. Am 18. September war Reich-Ranicki, der die letzten 40 Jahre seines Lebens in Frankfurt gewohnt hatte, im Alter von 93 Jahren gestorben.

Unersetzbar Die Stadt werde alles tun, dass »dieser große Deutsche nicht in Vergessenheit gerate«, versprach Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). »Er ist unersetzbar«, befand Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ und jahrzehntelanger Freund von Reich-Ranicki. Ruth Klüger erzählte von ihrer »gemeinsamen Sucht, ausgerechnet deutsche Bücher zu lesen: Zwei Verfolgte lesen die Sprache der Verfolger«. Außerdem sei es Reich-Ranickis Verdienst gewesen, dass »Leben und Leidenschaft in die Literaturkritik zurückgekehrt« seien. Er habe »mit Krach und Wonne die hohe Kunst der Unterscheidung« beherrscht, so die in Amerika lebende und lehrende Literaturwissenschaftlerin und Autorin.

Ulla Hahn, die der Kritiker als Lyrikerin entdeckt hatte, schilderte ihre erste Begegnung. Damals war sie noch eine Rundfunkredakteurin, die Gedichte ausschließlich für die Schublade schrieb. »Schicken Sie mir einige Ihrer Werke!«, hatte er sie damals, vielleicht nur aus Höflichkeit, gebeten. Doch sie kam, zu seinem insgeheimen Entsetzen, dieser Aufforderung prompt nach. Und dann las er diese Verse und war überrascht: Das erste Mal, dass er eine literarische Postsendung nicht in den Papierkorb warf, sondern sofort in den Druck gab.

Der Germanist Heinrich Detering beleuchtete das problematische Verhältnis zwischen seiner Fakultät und dem Journalisten Reich-Ranicki, dem es nicht vergönnt war, zu studieren. Dennoch habe er der Germanistik einen großen Dienst erwiesen, weil er viele Menschen dazu bewegen konnte, Werke der deutschen Literatur neu für sich zu entdecken. Dass ihm, dem unfreiwilligen Autodidakten, die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verwehrt blieb, bezeichnete Detering – seit 2011 selbst deren Präsident – als schmerzliches und nicht mehr gutzumachendes Versäumnis.

Versteckt FAZ-Feuilletonredakteurin Felicitas von Lovenberg ließ Reich-Ranicki selbst sprechen. Sie las jenes Kapitel aus seiner Autobiografie Mein Leben vor, in dem er schildert, wie er die Gunst des polnischen Setzers, der ihn und seine Frau Tosia 1943 bis ‹45 bei sich versteckte, am Leben erhielt. Wie Scheherazade erzählte er unentwegt Geschichten, denen der Setzer und seine Frau gebannt lauschten. Diese mutigen Leute ahnten nicht, woher er seinen Erzählstoff bezog. Die Literatur – für ihn war sie existenzielle Notwendigkeit.

Das letzte Wort an diesem Sonntag hatte der Sohn, Andrew Ranicki. Der Professor für Mathematik lehrt in Edinburgh. Er bedankte sich für diese Gedenkveranstaltung zu Ehren seines Vaters und sagte, was er vor allem an ihm bewundere: »Er hat es auf seine einzigartige Weise geschafft, den Hass und die Verachtung, mit der man ihm begegnet war, in Liebe und Hochachtung zu verwandeln.«

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