Auszeichnung

»Ungewöhnlich und farbig«

Stolzer Preisträger: Benjamin Stein (l.) nach der Urkundenverleihung mit der Laudatorin Sigrid Löffler und dem Verleger Hans Dieter Beck Foto: Miryam Gümbel

Seit 1965 wird der Tukan-Preis alljährlich von der Stadt München für die beste belletristische Neuerscheinung eines Münchner Autors verliehen. Die Auszeichnung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Tukan-Kreis, einer Künstlergruppe aus Schwabing. Unter den Preisträgern sind Autoren wie Herbert Rosendorfer, Carl Amery, Janosch, Herbert Achternbusch, Maxim Biller oder Uwe Timm. Im Dezember wurde Benjamin Stein für sein Buch Die Leinwand ausgezeichnet.

Bei der Preisverleihung im Literaturhaus begrüßte für die Stadt München Bürgermeisterin Christine Strobl Autor und Gäste, für den Tukan-Kreis dessen Vorsitzender, Verleger Hans Dieter Beck. Dieses Buch ist etwas Besonderes schon auf den ersten Blick: Man kann es von vorne oder von hinten lesen. Besser gesagt: Von welcher Seite man das Buch auch aufschlägt, man ist immer am Anfang des Romans respektive der beiden Romane, einmal aus der Sicht von Amnon Zichroni und einmal aus der von Jan Wechsler. Beide Teile treffen sich genau in der Mitte. Und hier muss man dann das Buch tatsächlich auf den Kopf stellen, um die beiden jeweils letzten Seiten entsprechend lesen zu können. Mit dieser äußeren Form werden die beiden Erzähler zusammengeführt, beide verwoben in ein Geflecht von Fiktion und möglicher Realität.

Rollentausch »Wer sich auf Benjamin Stein einlässt – auf den Privatmann und auf den Romanautor –, der muss mit einer biografischen und literarischen Achterbahnfahrt rechnen. In seinem Leben wie auch in den Büchern, die er schreibt, kann Benjamin Stein mit einem verwirrenden Spiel von Ich-Fiktionen, vielfachem Rollentausch sowie mancherlei Berufs- und Identitätswechseln aufwarten wie selten jemand.« Mit dieser Charakteristik hat die Publizistin und Literaturkritikerin Sigrid Löffler ihre Laudatio im Literaturhaus eingeleitet.

Der Fall der Mauer sei für ihn gerade im richtigen Augenblick passiert. Seine Generation sei jung genug gewesen, sich neu zu orientieren, aber auch alt genug, um ihr Heranwachsen in der DDR kritisch zu reflektieren. Doch kaum einer habe, so Löffler weiter, »die ganze Fülle der Optionen und möglichen Lebensläufe, die sich ihm nach 1989 boten, so intensiv durchgemustert wie Benjamin Stein. Und kaum einer ist einen weiteren und komplizierteren Weg gegangen.«

Den Parcours durch verschiedenartige Lebensentwürfe bezeichnete sie als wichtig für das Verständnis des Buches und fährt in der Schilderung seiner Biografie fort: Als Teenager will er Hochleistungssportler werden. Mit 16 entdeckt er seine jüdische Identität und gibt sich den frommen und zugleich Künstlernamen »Benjamin Stein«. Der Talmud, so fährt die Laudatorin fort, »wird zu seinem Erweckungserlebnis«. Drei Jahre später fällt die Mauer. Benjamin Stein studiert für kurze Zeit Judaistik und Hebraistik an der Humboldt-Universität sowie der Freien Universität in Berlin und wird Gemeindemitglied in einer Kreuzberger Synagoge. Der erste Roman entsteht Das Alphabet des Juda Liva.

Korrespondent Doch von der Literatur alleine kann Stein nicht leben. Er wird IT-Journalist in München und Korrespondent diverser Computer-Zeitschriften. Im privaten Leben entschiedet er sich als 30-Jähriger, Ernst zu machen mit dem orthodoxen Judentum. An diesem Punkt ist die Laudatorin wieder bei dem Roman: »Wenn ein Autor in seinem Leben so viele Identitäten, Rollen und Ich-Optionen durchprobiert hat wie Benjamin Stein und schließlich zum strengen observanten Judentum findet, dann wird es niemanden erstaunen, dass diese Suchbewegungen sich auch in seiner Literatur widerspiegeln, dass vor allem der spirituelle Umsturz auch im Roman reflektiert wird.«

Als Leiter des Tukan-Kreises hatte Hans Dieter Beck die Kriterien des Tukan-Preises skizziert: »Es geht um ein inhaltlich und formal besonders gut gelungenes Werk, das drei Wesenszüge tragen sollte: das Ungewöhnliche, das Farbige und das Formenspren- gende.« Was nun Stein und seinen Roman Die Leinwand betreffe, »so müssen wir eigentlich schon auf den ersten Blick sagen, der Tukan-Preis im runden Jahr 2010 sollte geradezu ideal zu diesem Autor passen«. Beck bewundere Benjamin Stein aus zwei Gründen: »Zum einen für den hohen Grad seiner Selbstbestimmung.

Alle seine Entschlüsse, die seinem Leben ganz neue Wendungen gegeben haben, hat er aus sich selbst heraus gefasst: die Namensänderung, der Einstieg in die jüdische Religion, in die Computertechnik, den Schwenk zum radikalen orthodoxen Leben. Und dann doch wieder die Teilabsage an den Workaholismus der Softwarearbeit und die Planfassung zum schönen Roman, den wir heute feiern. Zum zweiten bewundere ich Benjamin Stein, wie er die drei total auseinanderstrebenden Bereiche seines Lebens, nämlich die Computerei, den orthodoxen Glauben und seine geistvolle Schriftstellerei zu einem beherrschbaren Ganzen verbindet.«

Dass Benjamin Stein auch seine Texte farbig und einprägsam vorlesen kann, bestätigte der Autor an diesem Abend. Zum Abschluss beeindruckt er die Zuhörer mit der humorvoll hintergründigen Geschichte von dem verlorenen Koffer und seiner Anlieferung gegen Quittung ausgerechnet an Schabbat.

Benjamin Stein: »Die Leinwand«, Verlag C. H. Beck München 2010, 416 S., 19,95 €

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