Dresden

»Und wo ist das Taufbecken?«

Interesse: Bis zu 30 Personen kommen zu den Synagogenführungen. Foto: Steffen Giersch

Es ist ein buntes Grüppchen, das an diesem Mittwoch vor dem Dresdner Gemeindezentrum auf den Beginn der öffentlichen Führung durch die Synagoge wartet: Mütter mit kleinen Kindern, jüngere und ältere Paare aus verschiedenen Ecken Deutschlands, Besucher aus den Niederlanden und Großbritannien – insgesamt fast 30 Personen. Neben Frauenkirche, Grünem Gewölbe und Zwinger ist die Synagoge für viele Touristen offenbar ein weiteres Highlight ihres Dresden‐Besuchs. Kein Wunder: Der gedrehte Würfel bildet einen markanten Kontrast zur Barockarchitektur der sächsischen Landeshauptstadt. »Die Synagoge fällt auf und sie liegt mitten in der Stadt – wir würden etwas falsch machen, wenn wir diese Vorteile nicht nutzen würden«, erklärt Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden. Über das Interesse an der Synagoge freue sie sich sehr, bekennt sie, gerade weil das Bauwerk nicht unumstritten war. Doch Besucher kommen nicht nur, um einmal einen Blick in das auffällige Gebäude zu werfen. Genauso stark ist aber bei den meisten auch die Neugier auf jüdische Gebräuche.

Seit ihrer Eröffnung vor neun Jahren organisiert die Bildungs‐ und Begegnungsstätte Hatikva Führungen durch die Synagoge. Pro Jahr kommen allein 15.000 angemeldete Besucher, die Hälfte davon Schüler. Aber auch zahlreiche Reiseveranstalter, Volkshochschulen und Kirchengemeinden buchen Besichtigungen. Dazu kommen die öffentlichen Führungen ohne Voranmeldung. Jetzt während der Sommermonate ist dieses Angebot besonders dicht. Von Montag bis Donnerstag findet täglich eine öffentliche Besichtigung statt, sonntags gibt es sogar zwei.

Pausen »Anfangs haben wir nicht so viele Termine angeboten. Aber dann standen die Leute im Hof und waren enttäuscht«, erklärt Nora Goldenbogen. Ruhepausen müssen aber sein, betont die Gemeindevorsitzende. Außerdem finden natürlich an jüdischen Feiertagen und am Schabbat keine Führungen statt. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter teilen sich die Arbeit. Der Pool besteht aus Gemeindemitgliedern, Hatikva‐Personal und Mitgliedern der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit. Das inhaltliche Fundament der Führungen ist immer gleich. »Wir haben den Anspruch, heutiges Judentum darzustellen«, betont Nora Goldenbogen. Deshalb werden nicht nur die moderne Synagoge und die von den Nationalsozialisten zerstörte Semper‐Synagoge vorgestellt. Auch die Entwicklung der jüdischen Gemeinde wird angesprochen.

Ursula Philipp‐Drescher, die mehrmals pro Woche Interessenten durch die Synagoge begleitet, legt einen Schwerpunkt auf die Religion. Wortgewandt und mit Élan nimmt sie sich ihrer Besuchergruppe an. »Reden sie mit mir, so ist es doch viel interessanter. Nur keine Scheu«, versucht sie, einen Dialog zu entfachen. Es dauert trotzdem ein wenig, bis die Besucher auftauen. Das sei normal, weiß Philipp‐Drescher. Viele Besucher hätten Berührungsängste und fürchteten, etwas Falsches zu sagen. Anschaulich erläutert das Gemeindemitglied die Bedeutung des tonnenschweren Metallvorhangs in der Synagoge, erklärt, wofür Leuchter und ewiges Licht stehen, betont, dass das Lesepult kein Altar ist und zeigt eine Fotografie der Torarollen. Sie erklärt, dass in der Dresdner Synagoge Frauen und Männer getrennt sitzen, dass es aber Orgelmusik und Chorgesang gibt: »Das ist unsere Tradition.« Die Gäste hängen gebannt an ihren Lippen, und so langsam kommen dann doch einige Fragen: Steht in allen Torarollen das Gleiche? Dürfen auch Frauen aus der Tora lesen? »Leider kann ich ihnen nicht das ganze Judentum in einer Stunde erklären«, bedauert die Dresdnerin. »Aber es war schon ein guter Versuch«, sagt ein Mann aus dem Plenum ganz ohne Ironie.

Offenheit Vier Euro kostet eine öffentliche Führung für Erwachsene. Das ist für Dresdner Verhältnisse moderat. »Wir wollen ja, dass die Leute kommen«, betont Philipp‐Drescher. Die Gemeinde ist stolz auf ihre Offenheit. »Unsere Führungen helfen, Vorurteile und Tabus abzubauen«, betont Nora Goldenbogen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen hält sie das für eine große Chance. Unerfreuliche Szenen sind selten. Manchmal lassen jugendliche Teilnehmer eine rechtsextreme Haltung erkennen. Aber alle Schülerführungen werden von Pädagogen begleitet, die mit solchen Situationen umzugehen wissen. Öffentliche Führungen verlaufen in der Regel harmonisch, auch wenn manchmal ein Besucher gedrängt werden muss, die Kippa aufzusetzen (»Ich trage nie eine Mütze«) oder die Diskussion ins Politische abzugleiten droht.

Häufig suchen Gäste anschließend noch das Gespräch. Manchmal, so Ursula Philipp‐Drescher, kommen dann zu ihrem Erstaunen immer noch Fragen wie: »Und wo ist das Taufbecken?« Einmal sei ihr ein Besucher aufgefallen, der durch kluge Fragen Schwung in die Gruppe brachte, erinnert sich Ursula Philipp‐Drescher. Am Ende der Führung fragte sie ihn, ob er Jude sei. Ja, antwortete der Mann, er sei Rabbiner. »Zum Glück hat er mir das nicht vorher gesagt. Offenbar hat ihm die Führung gefallen, sonst hätte er nicht so lange zugehört.«

www.hatikva.de/auftritt/default.htm

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