Porträt der Woche

Umweltschutz ist mir wichtig

Mia Segal hat Politische Ökologie studiert und arbeitet jetzt in einem Bremer Start-up

von Till Schmidt  19.12.2018 13:24 Uhr

»In Deutschland fehlt mir der selbstverständliche Umgang mit Multikulturalität, den ich aus den USA gewohnt bin«: Mia Segal (25) aus Bremen Foto: Till Schmidt

Mia Segal hat Politische Ökologie studiert und arbeitet jetzt in einem Bremer Start-up

von Till Schmidt  19.12.2018 13:24 Uhr

Um den Deutschen ihre Jobs wegzunehmen, ging ich neulich schon frühmorgens zur Arbeit. Doch keine Chance – warum nur sind die Deutschen so pünktlich?« Ich finde es lustig, dass viele Deutsche genau die Klischees erfüllen, von denen man in Comedy‐Sketchen hört. Es ist auffällig, wie leise es hier auf der Straße und selbst in Bars zugeht. Und wie konservativ sich die Deutschen anziehen, selbst am Wochenende. Als ich hier das erste Mal in den Klub ging, stach ich sofort heraus mit meinen High Heels und meinem Tanktop. Das war mir unangenehm.

Die Garderobe lässt sich leicht um ein paar neue Teile ergänzen, doch manch anderes fällt mir nach fast drei Jahren immer noch schwer, vor allem das Deutschlernen, weshalb ich im Alltag vor allem Englisch spreche. Mit meinem Partner Julian und meinem teilweise internationalen Freundeskreis bekommen wir das hin. Doch bei politischen Diskussionsveranstaltungen oder Vorträgen, die ich eigentlich sehr gerne besuche, verstehe ich leider nicht viel. Liebend gerne würde ich einen Lesekreis zu jüdischen und feministischen Themen gründen.

Beim Deutschsprechen versuche ich, meinen Akzent und die typischen »false friends« zu vermeiden. Auch wegen der Vorurteile gegen Amerikaner, die hier vielen Menschen pauschal als »kulturlos«, »dumm« oder »oberflächlich« gelten. Doch für mich ist der Small Talk eine Art, Interesse an einer Person zu zeigen.

Das Konzept des Tikkun Olam ist für mich ein wichtiger Orientierungspunkt.

Geboren wurde ich in Vermont, aufgewachsen bin ich aber vor allem in Kalifornien. Mein Vater Yonatan ist waschechter Sabre und kommt aus Ramat Gan. Meine Mutter hatte ihn während seines BWL‐Studiums in New Hampshire kennengelernt. Theresa, meine Mutter, hat einen italienisch‐katholischen Background. Aber trotzdem spielt sie für meine Identität als Jüdin eine wichtige Rolle: Vor allem sie brachte mir die jüdischen Traditionen bei und sorgte dafür, dass wir als Familie die Hohen Feiertage feiern.

CHANUKKA Der Ort dafür war nie die Synagoge. Mein Judentum ist vor allem kulturell: Wenn wir an Chanukka gemeinsam die Lichter zünden oder abends »Laila Tov« statt »Gute Nacht« sagen, spüre ich, dass ich jüdisch bin. Oder bei unserer Party an Rosch Haschana, zu der wir alle unsere jüdischen und nichtjüdischen Freunde einladen. Dann servieren wir hausgemachte Challa, Hummus und italienische Spaghettisoße – und alle Gäste wünschen einander »Schana Towa«.

In Bremen habe ich dieses Jahr zu Chanukka zum ersten Mal zu mir nach Hause eingeladen. Schon einige Tage zuvor, an Thanksgiving, haben wir eine kleine Party geschmissen. Mit Truthahn und allem, was dazugehört.

Ein selbstverständlicher Umgang mit Multikulturalität, aber vor allem mit jüdischer Kultur fehlt mir hier in Deutschland. Die Sicherheitsmaßnahmen vor den Synagogen sind notwendig, aber sie wirken beklemmend und abschreckend auf mich, da ich es aus Kalifornien anders kenne.

Ich bin es gewohnt, dass jüdische Einrichtungen Orte sind, die Offenheit und Zugänglichkeit ausstrahlen und nicht auf eine drohende Gefahr verweisen. Umso besorgniserregender ist für mich das antisemitische Attentat in Pittsburgh, infolge dessen es Sinn macht, über stärkere Sicherheitsvorkehrungen zu diskutieren.

SCHOCK In Deutschland fällt mir außerdem auf, wie wenig viele Menschen über jüdische Traditionen wissen, und seien es nur grundlegende Informationen zu den wichtigen Feiertagen. Dazu kommt ein wirklich befremdlicher Umgang vieler Deutscher mit jüdischen Menschen im Alltag. So zum Beispiel plötzliche emotionale Zurückweisung, nachdem ich beiläufig erwähnt hatte, dass ich jüdisch bin. Nicht selten werden die Leute dann sichtbar nervös und beenden unsere Konversation schleunigst. Oder sie reagieren geschockt auf schwarzen Humor.

Neulich bei einem öffentlichen Kochabend schlug die Köchin lachend vor, besonders viel Knoblauch zu verwenden, da Hitler diese Gewürzpflanze doch als »jüdisch« galt. Allein der Name »Hitler« – noch dazu aus dem Mund einer Jüdin – schien für einige zu viel und zu ungewohnt gewesen zu sein. Gleichzeitig beobachte ich, wie wenig die meisten Deutschen sich mit ihren eigenen Familiengeschichten beschäftigt haben. Das schockiert mich.

FAMILIE Marta, meine Großmutter väterlicherseits, überlebte die Schoa, da ihr kurz vor dem Überfall der Deutschen auf Polen zusammen mit ihrer Familie die Flucht nach Palästina gelang. Da mein Urgroßvater aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland verfolgen konnte, entschied er sich rechtzeitig für die Emigration. Fast alle anderen Familienmitglieder, die in Polen geblieben sind, wurden in Auschwitz ermordet.

In einem Versteck konnten Martas Cousine Risha und ihre Familie überleben. Nach der Befreiung gingen sie nach England, um als Teil eines Programms für Überlebende bei einer jüdischen Familie unterzukommen. Dort lernte Risha ihren späteren Mann Peter kennen. Mit ihm wanderte sie kurz darauf nach Israel aus. Auf ihrer Hochzeit wiederum trafen sich Marta und Peters Bruder George – mein späterer Großvater. Auch sie beide zogen wenig später nach Israel, wo alle gemeinsam in einem Haus lebten.

Eine Zeit lang ist es mir schwergefallen, in Deutschland Zug zu fahren oder jemanden auf der Straße energisch rufen zu hören.

Dieser Teil meiner Familiengeschichte hat mich immer begleitet. Eine Zeit lang ist es mir schwergefallen, in Deutschland Zug zu fahren oder jemanden auf der Straße energisch rufen zu hören – zu sehr hat mich das an die Geschichten meiner Großeltern erinnert. Inzwischen denke ich immer häufiger darüber nach, selbst die Initiative zu ergreifen und öffentlich über meine biografischen Erfahrungen und meine Familiengeschichte zu berichten.

In Deutschland habe ich gemerkt, wie es sich anfühlt, Teil einer Minderheit zu sein, die von vielen schlicht ignoriert wird. In den USA und vor allem während meines Studiums war das anders: Meine engsten Freunde waren damals jüdisch – und die, die es nicht waren, haben sich mit mir auch in jüdischen Initiativen für soziale Gerechtigkeit engagiert. Außerdem habe ich zahlreiche öffentliche Vorträge zu jüdischen und israelischen Themen mitorganisiert, wie etwa zur Wasserkrise und über den Jordanfluss.

WINDMÜHLEN Meinen Bachelor‐Abschluss habe ich 2015 an der University of California in Berkeley gemacht. Meine Wahl fiel vor allem deshalb auf den Studiengang Politische Ökologie, weil ich damals umweltpolitisch sehr aktiv war. Schon in der Highschool hatte ich einen Klub namens »Students for Sustainability« mitgegründet. Wir entwarfen damals Kompostsysteme und haben Bildungsarbeit gegen den Klimawandel gemacht. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind mir immer noch sehr wichtig, aber mit der Zeit war mir das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, einfach zu frustrierend.

Letztendlich gewinnen wir alle, wenn wir bestehende Geschlechternormen und Rollenbilder stärker infrage stellen.

Heute interessiere ich mich stärker für Feminismus. Mir geht es dabei vor allem um gleiche Möglichkeiten für alle. Interessanterweise beobachte ich, dass in Deutschland viel mehr Männer »feminin« konnotierte Eigenschaften in ihre Persönlichkeit integrieren, ohne sofort als »schwul« oder »verweiblicht« zu gelten. Letztendlich gewinnen wir doch alle, wenn wir die bestehenden Geschlechternormen und Rollenbilder stärker infrage stellen. Dass Feministinnen etwas gegen Männer haben, ist ein altes Klischee, das mich wirklich stört.

Umso bestürzender ist es für mich, dass mit der Trump‐Administration die Misogynie ein noch stärkerer Teil der politischen Kultur geworden ist. Durch die vielen Frauenhasser in Machtpositionen wird vermittelt, es sei legitim, uns zu degradieren und zu belästigen. Hoffnungsvoll stimmt mich jedoch, dass in den USA so viele Frauen nicht klein beigeben und es – so wie etwa bei den letzten Kongresswahlen – schaffen, selbst in einflussreiche politische Positionen zu gelangen.

TRAUM Im Moment arbeite ich von Bremen aus in einem amerikanischen Start‐up. Wir helfen internationalen Arbeitnehmern in Technologie‐Unternehmen dabei, ihre Englischkenntnisse zu verbessern.

Mein beruflicher Traum ist es aber, Frauen zu »empowern« und sie dabei zu unterstützen, ihren Einfluss in allen Lebensbereichen bis hin zur vollständigen Gleichberechtigung auszubauen.
Mein Einsatz für soziale Gerechtigkeit erlaubt es mir auch, mein eigenes Judentum weiter zu erkunden. Die Idee der Reparatur der Welt im Sinne des Tikkun Olam ist dabei ein wichtiger Orientierungspunkt.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

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