Dortmund

Tür an Tür mit Neonazis

Auf den ersten Blick wirkt Dorstfeld wie ein durchschnittlicher Ortsteil einer typischen Ruhrgebietsstadt. Neu- und Altbauten wechseln sich ab, viele Häuser sind gerade frisch renoviert. Von anderen bröckelt schmutzig-grauer Putz von den Fassaden. Mittendrin stehen Fachwerkbauten.

Bei näherem Hinsehen zerbricht die vorörtliche Gemütlichkeit. Auf frisch gestrichenen Wänden prangen politische Botschaften: »Nazi-Kiez« ist an einen flachen Backsteinbau gesprüht, eine Ecke weiter ist »Zecke verrecke« auf einen strahlend weißen Altbau gepinselt, überall kleben kleine Sticker mit der Postleitzahl 44149 und wieder »Nazi-Kiez«.

provokation Größere Aufkleber mit dicken Buchstaben markieren den Raum oder die Wand als »NS-Zone«. Darunter steht »Deutschland Multikulti – wir bleiben braun«. Je genauer man hinsieht, desto unangenehmer wird es, durch einige Straßen zu gehen. Und genau das wollen die Neonazis erreichen, die es vermehrt in den Stadtteil gezogen hat.

»Die Nazis haben sich Dorstfeld untereinander aufgeteilt«, sagt ein junger Mann, der seit 13 Jahren hier wohnt und Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund ist. »In einer Ecke wohnen viele der politisch aktiven Neonazis. Die sprühen ihre hirnlosen Sprüche an die Wände und verteilen ihre Aufkleber. Dann gibt es die Straßen, an denen die eher gewaltbereiten Nazis wohnen. Da ist das schon ein bisschen extremer«, erklärt der 22-Jährige.

»Das sind Typen mit abgeklebten Tattoos, Springerstiefeln und Glatze. Die sehen klischeehaft aus. Gut, Springerstiefel und Glatze bedeuten erst mal nichts, aber diese abgeklebten Tattoos sind immer sehr eindeutig. Man weiß, was darunter ist.« Bei vielen von ihnen, sagt der Student, könne man sicher sein, dass sie zum Beispiel Schlagstöcke bei sich führen würden.

Selbstbewusstsein Unverhohlen, ja selbstbewusst treten hier die Neonazis auf. Wenn er ihnen begegne, habe er allerdings weder Angst noch Wut, erzählt der 22-Jährige. Da komme eher Unverständnis bei ihm auf, viele von ihnen kenne er von klein auf. »Die Rechten von heute sind diejenigen, mit denen man früher zusammen gespielt hat, bei denen man vielleicht sogar zu Hause gegessen hat, mit denen man auf einer Schule war. Einige von ihnen sind Nachbarn, andere waren es mal.« Aber irgendwann einmal habe es in ihrem Leben eine komplette Wende gegeben, »und sie sind auf diese Schiene gerutscht«.

Vor ein paar Jahren, erzählt ein 59-Jähriger, der ebenfalls in Dorstfeld wohnt, sei es im Stadtteil an manchen Stellen noch schlimmer gewesen. »Damals habe ich sogar mal eine Razzia oder so etwas Ähnliches mitbekommen. Es waren ganz viele Polizisten da und haben auch einige Nazis mitgenommen. Das waren meine Nachbarn, und ja, ich habe sie auch gegrüßt. Aber ich glaube nicht, dass sie wussten, dass ich Jude bin.« Er sei allerdings noch nie im Stadtteil bedroht worden, erzählt der 59-Jährige.

»Aber wenn man die Leute sieht, dann kann man sich vorstellen, was in ihren Köpfen vorgeht. Das fühlt sich nicht gut an.« Was sie denken, sprühen sie eben auch an Wände. »An einem Supermarktparkplatz stand einmal ganz groß ›NS-Zone‹, das war am Geburtstag von Adolf Hitler«, sagt der Mann. Nach einer kurzen Pause erzählt er weiter: »Meine Familie hat im Zweiten Weltkrieg fast 20 Angehörige durch die Nazis verloren – Oma, Opa, Tante ...«, weiter kommt er nicht.

Wegziehen aus Dorstfeld möchte er aber auf keinen Fall. Der Stadtteil gefalle ihm, hier habe er alles, was er brauche, die Innenstadt sei nah. »Und es ist doch egal, wohin ich in Dortmund ziehe«, sagt das Gemeindemitglied bitter lachend. »Sie wollen doch die Adressen von allen Juden in Dortmund haben.«

Angst Im November 2014 hatte die Partei Die Rechte im Rat der Stadt eine Anfrage nach den Wohnorten der in Dortmund lebenden Juden gestartet. Sie wurde zwar von der Verwaltung nicht beantwortet. Doch die Angst war gesät. »Damals habe ich mir gedacht: Das ist jetzt nicht mehr so gut«, erzählt der Dorstfelder. »Warum haben sie es überhaupt zugelassen, dass solche Leute ins Rathaus kommen? Das sollte noch immer ein Tabu sein.«

In Dorstfeld sind allerdings schon viele Tabus gefallen. Das wird an jedem 9. November immer wieder deutlich. »Vor sechs oder sieben Jahren haben wir mit dem Bezirksbürgermeister entschieden, dass wir in Dorstfeld eine Gedenkstunde abhalten wollen, weil auch dort mal eine Synagoge stand«, erzählt der Dortmunder Gemeinderabbiner Avichai Apel. »Und gleich von der ersten Veranstaltung an gab es Auseinandersetzungen mit den Nazis.« Die Polizei habe sich immer vorbereitet, manchmal seien sogar Straßen gesperrt worden, doch immer wieder kämen Rechte nah genug an die Gedenkveranstaltung heran, um zu stören.

»Letztes Mal war es am schlimmsten. Da hat ihr Vertreter im Rat der Stadt alle gefilmt, die bei der Gedenkveranstaltung waren«, erzählt der Rabbiner. »Das hatten sie vorher schon mal aus dem Fenster eines Hauses versucht, aber diesmal waren sie ganz nah dran. Das hat die Menschen erschreckt, die an der Veranstaltung teilgenommen haben.« Nicht einmal eine Gedenkstunde könne »gut und ruhig« verlaufen. Manche Menschen würden deshalb schon nicht mehr am Gedenken teilnehmen wollen – andere allerdings gerade deshalb, um ihre Entschlossenheit zu zeigen.

Kapitulation Auch Rabbiner Apel möchte nicht vor den Rechten in Dorstfeld kapitulieren. Wenn er Gemeindemitglieder im Stadtteil besucht, trägt er seine Kippa. »Das hängt aber davon ab, wie lange ich bleibe. Einen Spaziergang würde ich hier mit Kippa wohl nicht machen. Das gilt besonders für die Straßen rund um das Mahnmal.«

Ein solches Unbehagen kenne er auch von einigen jüdischen Taxifahrern, erzählt Apel. Wenn es einen Anruf für eine bestimmte Straße gebe, würden sie dort nachts auf keinen Fall hinfahren. »Selbst tagsüber würden sie es sich zweimal überlegen«, weiß der Rabbiner.

Dorstfeld aufgeben und sich gegenüber den Nazis geschlagen geben, wolle man nicht, betont er. In der Bezirksvertretung und bei den Kirchengemeinden sieht er starke Partner. Und dann sind da noch Menschen wie der Student. »Ich werde in Dorstfeld bleiben«, betont dieser. »Ich sehe nicht ein, dass ich mich von ein paar Idioten einschränken lasse. Ich muss zwar vorsichtig sein, aber das ist kein Grund, hier wegzuziehen. Denn dann würden die Nazis doch erreichen, was sie wollen.«

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