Frankfurt am Main

Torafreude im Westend

Es heißt, jeder jüdische Mann sollte in seinem Leben eine Torarolle stiften. Für Vladi Izrailit fiel die Entscheidung, genau dies zu tun, in dem Jahr, als sein Vater starb. Wie eine plötzliche Eingebung kam ihm diese Idee an Simchat Tora – wenige Monate nach dem Tod seines Vaters – und ließ ihn seitdem nicht mehr los.

Warum? Das sagte der 40-jährige Hotelier in einer kleinen Rede: »Der letzte Buchstabe der Tora ist ein Lamed, der erste ein Bet. Also Lev, so wie der Name meines Vaters seligen Angedenkens.« Doch sollte es noch viereinhalb Jahre dauern, bis seine Vision Wirklichkeit wurde.

geburtstagsgeschenk Am vergangenen Sonntag war es dann endlich so weit. Zahlreiche Gäste, fromme Männer aus mehreren Teilen Europas sowie viele Gemeindemitglieder mit ihren Kindern, hatten sich in der Frankfurter Westend-Synagoge eingefunden, um mit Izrailit den Empfang der neuen Torarolle zu feiern.

Sie wird künftig im Aron Hakodesch der Jeschiwa Gedola im ehemaligen Trausaal des Gotteshauses aufbewahrt werden – genau dort, wo junge Studenten Talmud und Tora lernen und die Gemeindemitglieder in der Auslegung der Texte unterweisen.

Dank der Jeschiwa können in der Frankfurter Hauptsynagoge täglich die Morgen- und Abendgottesdienste abgehalten werden. Das »Schtiebl«, wie die Schüler ihre Schule auch nennen, wurde vor genau 15 Jahren gegründet, daher hatte Izrailit der Jeschiwa und ihren Studenten die neue Tora als Geburtstagsgeschenk zugedacht.

federführung Vor vier Jahren hatte der professionelle Sofer in Israel mit der Arbeit an der Torarolle begonnen, so lange dauert es etwa, bis die fünf Bücher Mose Wort für Wort abgeschrieben sind. Wie üblich hatte der Schreiber sein Werk nicht ganz vollendet, sondern die letzten 60 Buchstaben freigelassen, damit auch andere an der Mizwa, den heiligen Text zu schreiben, teilhaben können. Und so war er eigens nach Frankfurt eingeflogen, um in der Synagoge die Schrift gemeinsam mit 60 ausgewählten »Helfern« zu vervollständigen.

Vor seinem Tisch mit der ausgerollten Tora bildete sich eine lange Schlange; jeder wollte unter der im Wortsinne Federführung des Schreibers einen Buchstaben auf das Papier setzen. Gleich mehrere Schriftgelehrte reihten sich mit ein, darunter Julian-Chaim Soussan, Rabbiner der Frankfurter Hauptgemeinde, Rabbiner Zalman Gurevitch von Chabad Deutschland, Begründer der Jeschiwa, und Yossi Havlin, ebenfalls Chabad, der die Schule seit vielen Jahren als geistiger Mentor begleitet.

chuppa Der vorletzte Buchstabe aber war dem ehemaligen Frankfurter Rabbiner Menachem Halevi Klein vorbehalten, der von allen Anwesenden mit herzlichem Applaus begrüßt wurde. Auch den Gabbaim der Synagoge, Fiszel Ajnwojner für die Hauptsynagoge und Tibor Altmann für die Jeschiwa, wurde die Ehre zuteil, sich in der heiligen Schrift mit einem eigenhändig gemalten Buchstaben zu verewigen.

Der allerletzte Buchstabe blieb dem Spender Vladi Izrailit und seinem Bruder Gennadi vorbehalten. Und dann war die Schriftrolle wirklich vollendet und wurde unter großem Jubel mit silberner Krone und Mantel bekleidet.

Am Rande der Empore wartete schon die Chuppa, der Hochzeitsbaldachin, um sie zu begrüßen und unter ihrem Dach aufzunehmen. Denn eine neue Tora wird empfangen wie eine Braut. Schließlich hob Rabbiner Klein die prächtig gewandete Schriftrolle auf seine Schulter, und ausgelassen tanzend formierte sich um ihn ein langer Zug schwarz gekleideter Männer, der das Gotteshaus halb umrundete, um durch den Hof in den kleineren Raum des Schtiebl einzutreten.

hakafot Dann begann das traditionelle Umrunden des Lesepults, die Hakafot: Kleine Jungen pressten Miniaturschriftrollen an ihre Brust und sprangen damit fröhlich zwischen den Erwachsenen umher; ehrwürdige Gemeindemitglieder hakten einander unter und tanzten ausgelassen Hora. Immer lebhafter erklang die Musik, immer schneller wirbelten die Männer im Kreis und wuchteten stolz die verschiedenen Torarollen aus dem Aron Hakodesch in die Höhe.

Da hielt es auch die Frauen am Rande des Saals, von wo aus sie dem Treiben zugesehen hatten, nicht länger auf ihren Stühlen. Der Funke war trotz des trennenden Gitters übergesprungen. Schnell wurde alles Mobiliar beiseite gerückt. Und schon hatten auch Mütter, Töchter, Freundinnen und junge Mädchen einander eingehakt und begannen, sich im Takt der Musik zu bewegen.

Bis neun Uhr abends, also sieben Stunden lang, wurde der Empfang der neuen Tora gefeiert – kein Wunder eigentlich, ist es doch bereits acht Jahre her, seit die letzte Schriftrolle für die Jeschiwa gespendet wurde.

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