Frankfurt

Tatort »Matratzenlager«

Teil der Skyline von Frankfurt: das neue EZB-Gebäude Foto: Rafael Herlich

Wenn der Besucher die abgestandene Muffigkeit dieses grauen, düsteren Kellerraums mit seinem abgeplatzten Putz eine Weile einatmet, glaubt er, die Angst und Verzweiflung der Menschen spüren zu können, die hier gefangen gehalten wurden. Von hier sind sie in den Tod geschickt worden – in die Ghettos Lodz und Minsk, in die Befestigungsanlage Fort IX im litauischen Kowno (Kaunas), nach Majdanek, Izbica und Sobibor.

Logistische Anbindung Zwischen 1941 und 1945 wurden mehr als 10.000 Juden aus Frankfurt in dem sogenannten Matratzenlager im Keller der Großmarkthalle zusammengetrieben und dann deportiert. Der letzte Transport verließ Frankfurt elf Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen.

Die Gestapo hatte den Raum wegen seiner »günstigen« logistischen Anbindung angemietet: Direkt vor der Halle führten Bahngleise entlang. Heute ist das »Matratzenlager« Teil einer neuen Erinnerungsstätte, mit der die Europäische Zentralbank (EZB), die auf dem Gelände der Großmarkthalle ihr neues Hauptquartier baut, der Geschichte Tribut zollen will. Der erste Bauabschnitt wurde nun eröffnet.

Vom Kellerraum gelangt der Besucher über eine schräge Ebene zu einer Glaswand. Dort sind Zitate von Zeitzeugen zu lesen, die nach dem Willen der Architekten Marcus Kaiser und Tobias Katz in ihrer eindringlichen Unmittelbarkeit die einzige Informationsquelle für den Betrachter bleiben sollen. »Es war die Hölle, die ganze Nacht Untersuchungen, Schreie und Schikanen ohne Ende«, wird dort etwa Werner Levi zitiert, der sich in seinem späteren Leben Berny Lane nannte. Rampe und Kellerraum sind vorerst nur bei Führungen und Workshops durch das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums zugänglich.

Zitate Hinter der großen Glasscheibe beginnt der öffentliche, aber noch nicht fertiggestellte Teil. Dazu zählt ein neu gepflasterter und ebenfalls mit Zitaten versehener Fußweg, der entlang des Bauzauns und des Bahndamms verläuft. Er mündet in ein kleines Gleisfeld samt Stellwerk und Fußgängersteg: Hier mussten die Angehörigen einst Abschied nehmen, Schaulustige beschimpften die Gefangenen.

Nahezu unvorstellbar: Auch während der Deportationen ging der Obst- und Gemüsehandel in der Halle unverändert weiter. Das Matratzenlager wurde vor und nach den Deportationen als Kühlraum genutzt. »Unvorstellbaren Zynismus« nannte es Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth. Deswegen sei es so wichtig, dass »die Erinnerungsstätte nicht nur versucht, dem Andenken der Opfer ein wenig Ge rechtigkeit zukommen zu lassen«, sondern auch die Täter in den Fokus zu rücken, die »die Deportationen und Ermordungen ohne Schulterzucken in ihren Alltag integriert haben«.

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