Köln

Tanzen bis der Frühzug kommt

Ob individuell im Takt ... Foto: Jörn Neumann

Aha, am 20. April ist Jom Haazmaut?!« Daniel zieht die Augenbraue hoch und hebt sein Glas Kölsch. Mit einem Na‐dann‐mal‐Prost verschwindet er in der schwoofenden Menge auf der Tanzfläche. Schwarzes Hemd, schwarze Stoffhose, tiefrote Krawatte, adrett gebunden – stilistisch nahtlos fügt sich der 20‐Jährige in das rötliche Halbdunkel des Saals der Tanzschule in Köln‐Klettenberg.

Dessen Stirn‐ und Seitenwände zieren drei israelische Flaggen, gerade erhöht eine rasante Turbo‐Folk‐Version von »Hevenu Shalom Alechem« die Schlagzahl auf der Tanzfläche. An den Stehtischen drum herum ist Russisch die Verkehrssprache. Mit Jom Haazmaut‐Mesiba ist dieser Samstagabend überschrieben. Doch nicht alle der laut Veranstalter 400 Gäste scheinen mitbekommen zu haben, dass der Abend dem bevorstehenden israelischen Unabhängigkeitstag gewidmet ist.

Alex Delomann bereitet das keine schlaflosen Nächte. Seit sieben Jahren organisiert er nun Mesibot, die Partys. Die ersten regelmäßigen Feiern gab es in Hamburg, erzählt der 34‐Jährige. Inzwischen zieht »Mesiba« als Partyreihe durch die ganze Republik: Von Aachen bis Xanten reicht die Liste der Städte, in denen Alex Delomann und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren einluden. Am 24. April ist wieder Hamburg an der Reihe. Und auch dort wird die Feier im Zeichen des Jom Haazmaut stehen. Denn die Taktung der Veranstaltungen orientiert sich an jüdischen Feier‐ und Gedenktagen. So organisiert das Team etwa Feiern zu Chanukka oder Purim. »Das sind, sagen wir, nette Gelegenheiten«, sagt Alex Delomann.

Kennenlernen Doch inhaltlich beeinflussen die Feiertage die Partys nur wenig. »Mesiba – Spaß auf Jüdisch« steht als Motto auf der Homepage, und eigentlich wollen die Party‐Macher nicht mehr – aber auch nicht weniger. Vor allem gehe es um Vernetzung, ergänzt Delomann: »Wir wollen Netzwerke schaffen, wir wollen dass junge jüdische Leute sich treffen.« Dabei habe sich ein Verfahren bewährt: Die Partys werden nicht offen plakatiert, sie tauchen auch in keinem Veranstaltungskalender von Zeitungen auf.

Stattdessen setzt man auf Mund‐zu‐Mund‐Propaganda und E‐Mail‐Verteiler. Dass der Zulauf damit überschaubar bleibt, ist erwünscht. »Wenn jemand kommt, der nicht Jude ist – sehr gern. Aber prinzipiell ist Mesiba nur für jüdische Leute gedacht«, sagt Delomann. Er allein kenne zwei Paare, die sich auf einer Mesiba kennengelernt und inzwischen gemeinsame Kinder haben.

Dass man mit den Partys keiner »Russendisko« Konkurrenz machen will, beeilt sich die Mesiba‐Webseite gleich eingangs zu erklären. Hier wird den Besuchern auch nahe gelegt, nicht eben im Jogging‐Anzug zu erscheinen, auch wenn es keine Kleiderordnung gebe. Ein Hinweis, der von den Gästen in Köln beherzigt wird. Gediegen gewandet sind die Partygäste erschienen.

Von daher droht auch keine Gefahr, die Mesiba mit den »Meschugge«-Partys in Berlin zu verwechseln. Die ausgesprochen queere Party‐Reihe, organisiert vom Tel Aviver DJ Aviv Netter, sorgte unlängst für einen regelrechten Berlin‐Hype unter jungen Israelis. Zur gleichen Zeit wie die Mesiba‐Party in Köln startet in Berlin eine neue »Meschugge«-Reihe. Der Samstagabend war Dana International gewidmet. Alex Delomann hat davon nur gehört. Aber dem Vernehmen nach, sagt er, sei das dortige Publikum »interessant, um es vorsichtig zu formulieren«. Konkurrenz sei das nicht.

Gefragt nach seinem Bezug zu Israel, antwortet Delomann wortlos. Lachend zückt er eine Visitenkarte der Jewish Agency mit seinem Namen darauf. Seit mehreren Jahren arbeitet er in Frankfurt am Main für die Organisation. Dann verabschiedet er sich, um für den Rest des Abends hinter dem DJ‐Pult zu verschwinden.

Der Mesiba‐Organisator zeichnet auch für die Musik des Abends verantwortlich. Musik, die keine Kopfschmerzen macht, verspricht Delomann und meint damit alles und wirklich alles, von der ukrainischen Neuheit bis zum chassidischen Hit – alles außer Techno. Den gebe es allenfalls mal ab vier Uhr morgens zu hören.

Angesagte Musik So lange will Maria in jedem Fall durchhalten. Der erste Zug zurück nach Trier fährt ohnehin erst am frühen Morgen. Eine Reise von der Mosel an den Rhein ist der Englisch‐ und Russischstudentin der Abend allemal wert. Zum zweiten Mal schon ist sie auf einer Mesiba, Freunde hatten ihr davon erzählt. In Trier habe sie kaum Kontakt zur Gemeinde, erzählt die 27‐Jährige. Die Party in Köln, das sei eine schöne Gelegenheit zum Kennenlernen. Und das bei einer Musikmischung, die keine Wünsche offenlasse.

Noch mehr Vielfalt auf den Plattentellern, oder genauer auf dem Notebook zu garantieren, ist Shuli Grohmanns Mission an diesem Abend. Auf Initiative der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf will sie den Gästen israelische Folklore‐Tänze nahebringen. Ein kleines Grüppchen reicht sich am früheren Abend die Hände. Bald wiegt sich der Kreis unter Grohmanns beherztem Kommando im Zwei‐Viertel‐Takt von Mayim Mayim, »Wasser, Wasser«, einem israelischen Folk‐Klassiker aus den 30er‐ Jahren. »Klappt gar nicht mal schlecht«, findet Grohmann. Dass sie bei einer Zielgruppe um die 30 auf keinerlei Vorkenntnisse hoffen darf, weiß die erfahrene Tanzlehrerin.

Tanzwillige Auffällig aber sei an diesem Abend der hohe Männeranteil auf der Tanzfläche – gute 50 Prozent. Dabei müsse man in Deutschland die Herren doch immer zum Jagen tragen, wann immer es ums Tanzen gehe. In Israel sei das anders, erzählt die in Jerusalem geborene Tanzpädagogin und Sängerin. Sie weiß schon, dass ihre Tanzschüler an diesem Abend nicht nur den israelischen Unabhängigkeitstag im Kopf haben. Die wenigsten würden daran denken, ist Grohmann überzeugt. Die meisten seien hier, um Freunde zu treffen und zu finden. »Ist doch auch okay.«

Auch Natalia ist nicht bloß gekommen, um dem nahenden Jom Haazmaut zu huldigen. Doch der müsse jedem etwas sagen, der Israel nicht nur im Herzen, sondern auch um den Hals trage, sagt die 32‐Jährige und zeigt dabei auf den kleinen Anhänger an ihrer Halskette. Eine israelische Flagge ist darin eingearbeitet. Die Sache sei eigentlich einfach, erzählt die Wahl‐Kölnerin. Sie würde ja längst in Israel leben. »Aber dort herrscht Krieg, es ist heiß und im Nahen Osten. In Deutschland herrscht kein Krieg, es ist nicht heiß und im Westen.« Also bleibe sie hier, sagt Natalia und geht in Richtung Tanzsaal, aus dem gerade die opulenten Beats karibischer Reggaemusik nach draußen wummern.

Netzkarte Auch Seymon schiebt sich vergnügt an der Bar vorbei in Richtung Tanzfläche. Frühestens um fünf Uhr morgens wird er vermutlich nicht ganz nüchtern im Zug zurück nach Münster sitzen, wo er Mathematik studiert. Dann werden seine Schwester Marina und ein gemeinsamer Freund in die Regionalbahn nach Aachen steigen. Dank NRW‐weit gültigem Studententicket muss man nicht lange überlegen, ob sich die Fahrt nach Köln lohnt.

Diese Mesiba ist nicht die erste zu der die Geschwister aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen anreisen, um zusammen zu feiern. Sein Jüdischsein lebe er kulturell, erzählt Seymon, der 1995 mit seiner Familie von Transnistrien nach Deutschland zog. Jüdische Feiertage gehörten dazu, auch der Unabhängigkeitstag. Den diesjährigen am Dienstag hat er besonders begangen und es ein bisschen krachen lassen. Denn an diesem Tag feierte er seinen 25. Geburtstag. Bis dahin waren die Nachwehen der langen Kölner Mesiba‐Nacht verklungen.

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