Stuttgart

Tanz und Politik

Die Stuttgarter Reithalle bot einen festlichen Rahmen für den Purim-Ball. Foto: Christian Ignatzi

Martin Schairer war sichtlich bewegt. Der für den Sport zuständige Bürgermeister von Stuttgart war nicht nur als Vertreter von Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf dem Purim-Ball des TSV Makkabi Stuttgart zu Gast, sondern auch als Sprecher der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Und als solcher freute er sich darüber, dass in seiner Stadt ein jüdisches Fest in diesem Ausmaß eine Selbstverständlichkeit ist. »In unserer Stadt ist die jüdische Kultur enorm etabliert«, sagte er. Tatsächlich wäre alles andere in Stuttgart undenkbar. Die Stadt ist mit Einwohnern aus 170 Nationen, die 120 Sprachen sprechen und 50 Religionen angehören, ohnehin sehr international.

Tradition Dass der Purim-Ball nun bereits zum 38. Mal stattfand, sei vor allem auch deshalb bemerkenswert, da man Bälle in Stuttgart inzwischen an einer Hand abzählen könne, so Schairer. Zudem sei der TSV Makkabi einer der kleinsten Vereine der Stadt, der eine der größten Veranstaltungen stemme. »Und insofern danke ich dem TSV Makkabi für seine engagierte Vereinsarbeit und vor allem auch dem 82-jährigen ersten Vorsitzenden Martin Widerker für alles, was er hier tut.« Widerker selbst lobte den Purim-Ball: »Dieser Abend hat Tradition und ist inzwischen so etabliert, dass er aus dem gesellschaftlichen Leben der gesamten Region nicht mehr wegzudenken ist«, sagte er.

»Im Ländle zählt er zu den wichtigsten Bällen, die Anzahl der Ehrengäste ist ein Zeichen der Wertschätzung.« Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, der Botschafter Israels in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Fritz Kuhn, und der Israelische Generalkonsul für Süddeutschland, Dan Shaham, fungierten als Schirmherren der Veranstaltung.

Losfest Widerker erklärte den nichtjüdischen Gästen des Balls die Bedeutung des Losfestes. Er erzählte die Geschichte »der bezaubernden Königin Esther« und der Errettung des jüdischen Volkes durch sie. Und auch, wenn der 14. Adar bereits eine Woche her war, sollten die Anwesenden viel essen und trinken. Schließlich sei Purim das fröhlichste Fest der Juden, so Widerker. So nutzten die Gäste das reichhaltige Büfett dann auch ebenso ausgiebig wie die zugehörige Bar.

Tradition hat auch die große Tombola, bei der es unter anderem Reisen nach Israel zu gewinnen gab. Als Geschenk für die Gäste hatte der TSV Makkabi einen Fotografen eingeladen, der Fotos schoss, die man sich anschließend auf einen Magneten drucken lassen konnte. Für musikalische Unterhaltung sorgte die eigens aus Israel eingeflogene Express Band, die den gesamten Abend hindurch die Tänzer auf das Parkett unter den Kronleuchtern in der alten Stuttgarter Reithalle lockte.

WAhlen Trotz der fröhlichen Feier blieb die Politik nicht außen vor. Schirmherr Abraham Lehrer verwies auf die kommenden »richtungsweisenden Wahlen« im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sowie im Herbst die Bundestagswahl. Noch sei die AfD nicht in den genannten Landesparlamenten vertreten. »Diesmal sieht es leider danach aus, dass diese rechtspopulistische Partei den Einzug schaffen kann«, mahnte Lehrer und bezeichnete viele Politiker der AfD als »bewusst israelfeindlich«.

Sie versuchten einerseits, auch bei Juden auf Stimmenfang zu gehen, anderseits fordern sie »in einer Potsdamer Erklärung ein Verbot der Schächtung, und Björn Höcke bezeichnet das Holocaust-Denkmal als Denkmal der Schande. Das ist inakzeptabel«, sagte Lehrer. Ebenso inakzeptabel sei Frauke Petrys Versuch, den Begriff »völkisch« wieder positiv besetzen zu wollen, »was immer sie damit sagen wollte«, so Lehrer, der von den Gästen in der Reithalle forderte, ihre Stimme zu erheben. Denn das politische Klima in Deutschland sei rauer und unberechenbarer geworden.

kontinuität Danach durften die Makkabi-Mitglieder und ihre Freunde wieder ausgelassen feiern. »Wir sind die Einzigen in Deutschland, und vielleicht auch in Europa, die die Kontinuität eines jüdischen Sportvereins so offensichtlich nach außen belegen«, hatte Martin Widerker schon in seinem Grußwort betont. »Wir sehen es als unsere gesellschaftliche Aufgabe an, die jüdischen Werte zu vermitteln. Die Stadt Stuttgart unterstützt uns dabei unter anderem mit Sporthallen, die sie uns überlässt.«

Den Dank gab der Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Fritz Kuhn, in seinen Grußworten zurück: »Ich danke dem TSV Makkabi für seine engagierte Vereinsarbeit seit mehr als 37 Jahren. Als Turn- und Sportverein wird er einerseits durch seine Sportangebote wahrgenommen, andererseits erfährt er starke Beachtung durch den alljährlichen Purim-Ball.«

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