Regensburg

Synagoge in engen Gassen

Der Bauplatz für das neue Gemeindezentrum mit Synagoge in den Regensburger Gassen ist sehr knapp bemessen. Foto: Thomas Muggenthaler

»Wir sind alle begeistert«, sagt Ilse Danziger, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Regensburg. Nach drei Jahren Bauzeit findet am Mittwoch endlich die Eröffnung der neuen Synagoge statt. Der Neubau fällt auf im engen Gassengeflecht der Regensburger Altstadt. Der angenehme hellbraune Farbton, ein großes Fenster im Erdgeschoss, eine imposante Kuppel. »Die Gemeinde wollte nicht auftrumpfen, aber eben schon auch zeigen, dass es kein Schulgebäude ist, sondern ein sakraler Raum«, sagt Florian Nusser, der für die »Staab‐Architekten« aus Berlin das Projekt geleitet hat, bei einem Rundgang wenige Tage vor der Eröffnung.

Weltkulturerbe Der Neubau setzt einen modernen Akzent, musste sich aber auch in die Altstadt einfügen, die Weltkulturerbe ist, betont Nusser. Weil der Platz auf dem Areal der Jüdischen Gemeinde am Brixener Hof begrenzt ist, wurden die beiden Gebäudeteile übereinander gebaut. Im Erdgeschoss befindet sich der Gemeindesaal, darüber die Synagoge, insgesamt haben sie eine Fläche von 320 Quadratmetern. Der Gemeindesaal hat zwei auffällig große Fenster, eines führt zur Gasse und soll zeigen, dass sich die Gemeinde nicht von der Außenwelt abschottet. Das andere große Fenster – ein Schiebefenster – führt in den Innenhof und kann im Sommer oder bei Festen geöffnet werden.

Durch den Zuzug aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zählt die Gemeinde derzeit rund 1000 Mitglieder und platzt aus allen Nähten. »An Pessach saßen wir wie die Sardinen im alten Gemeindesaal«, berichtet Rabbiner Joseph Bloch, der hofft, dass mit den neuen Möglichkeiten noch mehr Mitglieder den Weg in die Gemeinde finden. Der alte Mehrzwecksaal aus den 60er‐Jahren, der einfach zu klein geworden war, wurde abgerissen, auch ein Stück Grünfläche wurde für den Neubau geopfert.

Die neue Kuppel ist
eine Referenz an
die alte Synagoge.

Die Synagoge im Obergeschoss ist ein hoher Raum mit hellen Holzlamellen an den Wänden und einer Frauenempore. »Die Kuppel ist auch eine Referenz an die sehr steile Kuppel der alten Synagoge, die ja hier einige Meter weiter nördlich stand«, erklärt Florian Nusser.

Für die Stadt Regensburg hat der Bau eine große Bedeutung, betont Bürgermeisterin Gertrud Maltz‐Schwarzfischer (SPD). Hier am Brixener Hof stand eben auch die erst 1912 erbaute Synagoge, die von den Nazis in der Pogromnacht am 9. November 1938 angezündet und wenig später abgerissen wurde.

Mittelalter Der 27. Februar ist bewusst als Datum der Eröffnung gewählt. Die neue Synagoge wird somit nicht nur 80 Jahre nach der Zerstörung des alten Gebäudes durch die Nazis eingeweiht, sondern auch 500 Jahre nach der Zerstörung des mittelalterlichen jüdischen Viertels. Am 21. Februar 1519 hatte der Rat der Stadt beschlossen, dass die rund 500 Juden binnen 24 Stunden die Synagoge zu räumen und in einer Woche die Stadt zu verlassen hatten.

Die christlichen Regensburger machten daraufhin das jüdische Viertel dem Erdboden gleich. So entstand der heutige Neupfarrplatz, ein künstlicher Platz mitten in der Altstadt, auf dem heute ein Werk des israelischen Künstlers Dani Karavan zu sehen ist, das aus weißem Beton die Umrisse der abgerissenen gotischen Synagoge nachzeichnet.

1519 zerstörten Christen auch den großen jüdischen Friedhof mit mehr als 4000 Grabsteinen. Einige der Grabsteine wurden damals in Häuserfassaden als Zeichen christlichen Triumphes eingemauert und sind heute noch gut zu erkennen.

sanierung Die Gemeinde saniert derzeit auch ihren Altbau, der 1938 nicht in Brand gesteckt worden ist, weil er an andere Häuser grenzt. Die Gesamtkosten für den Neu‐ und die Sanierung des Altbaus liegen bei neun Millionen Euro. Dabei macht der Anteil für den Neubau 6,5 Millionen und der für den Altbau 2,5 Millionen Euro aus. Die ursprünglich geplanten Kosten für den Neubau in Höhe von fünf Millionen Euro teilen sich der Bund, der zwei Drittel übernimmt, und die Stadt Regensburg.

Die Mittel des Bundes kommen aus dem Programm »Nationale Projekte des Städtebaus«. Beim Altbau übernimmt der Freistaat Bayern die Hälfte der Gesamtkosten von 2,5 Millionen, sodass die Gemeinde selbst insgesamt 1,25 Millionen übernehmen muss.

Der Förderverein, der sich vor fünf Jahren gegründet hat und symbolisch Bausteine verkauft, hat inzwischen knapp eine Million Euro für den Neubau gesammelt. »Es geht aber nicht nur ums Geld, es ging auch darum, ein Klima zu schaffen, das die Gemeinde trägt«, sagt Dieter Weber, einer der Gründer des Fördervereins. Für die Stadt Regensburg ist der Zuschuss eine absolute Ausnahme. Normalerweise beteiligte sie sich nicht an der Finanzierung von sakralen Bauten, aber hier war die Stadt einfach in der Pflicht, der Gemeinde zurückzugeben, was ihr in der NS‐Zeit geraubt wurde, sagt Bürgermeisterin Gertrud Maltz‐Schwarzfischer.

Einige Grabsteine wurden
zum Zeichen des christlichen Triumphes in Häuserfassaden verbaut.

Gearbeitet wurde bis zur letzten Minute. Für die Jüdische Gemeinde bedeutet der Neubau die Zukunft. Elena Semmler, Sekretärin der Gemeinde, ist einst aus der Ukraine nach Regensburg gekommen. Sie hat in der Ukraine gewusst, dass sie Jüdin ist, aber eine Synagoge hat sie erstmals in Regensburg betreten. Jetzt hofft Elena Semmler, dass die nächste Generation, die Generation ihrer Tochter, mit dem Neubau die Möglichkeit hat, Jüdischkeit zu leben und sich frei zu entfalten.

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