Schabbat

Synagoge auf Zeit

Verwandelt: Der Saal im Gemeindehaus wird zur Betstube, solange die Synagoge in der Pestalozzistraße renoviert wird. Foto: Gregor Zielke

Kantor Isaac Sheffer ist voller Vorfreude. »Ich bin auf den Gottesdienst gespannt«, sagt er, schaut sich schon einmal im großen Saal im Gemeindehaus an der Fasanenstraße um – und sieht zufrieden aus. Es ist das erste Mal, dass er, während die Synagoge Pestalozzistraße umgebaut wird, im Gemeindehaus amtiert. Vergangene Woche war er in der Rykestraße im Einsatz. Am Freitag trafen sich die Beter der Synagoge Pestalozzistraße zum zweiten Mal zum Gottesdienst in der Fasanenstraße.

Eine kleine Orgel steht von der Tür aus gesehen rechts auf der Bühne, dahinter ist Platz für den achtstimmigen Chor. Der Vorhang ist bereits aufgezogen, und der Toraschrein ist erleuchtet. Bereits am Nachmittag hatte der Hausmeister alles vorbereitet. Die Sänger sind schon da, und auch der Organist, der heute die Organistin Regina Yantian vertritt, ist vor Ort.

Auf einem Stuhl werden die Gebetbücher gestapelt und die Kippot in ein weißes Plastikkörbchen gelegt – im Laufe des Gottesdienstes müssen sie immer wieder aufgefüllt werden, denn mehr als 120 Beter und Interessierte sind am Schabbat in das Ausweichquartier der Synagoge Pestalozzistraße gekommen. »Oft haben wir doppelt so viele Beter«, sagt Hans‐Joachim Will vom Synagogenvorstand.

Innenraum Das Gotteshaus in der Pestalozzistraße muss dringend restauriert werden: Das Synagogendach ist undicht, die Außenwände sind mittlerweile morsch, und Schimmel breitet sich aus. Die Kellerwände sollen im Zuge der Renovierung trockengelegt und der Innenraum in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Die Baumaßnahmen beginnen im Mai. Sie werden etwa eineinhalb Jahre in Anspruch nehmen.

Bereits vor einem Jahr sollte die Sanierung beginnen, doch dann verschob sich der Umzug, da der Vorstand um den Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe Einwände hatte. Der von Chor und Orgel geprägte Gottesdienst solle nicht im Gemeindehaus der Einheitsgemeinde stattfinden. Auch im Gemeinderestaurant, das direkt neben dem Saal liegt, könnten sich fromme Juden gestört fühlen, hieß es vor etwa einem Jahr. Doch die Unstimmigkeiten wurden beseitigt – das Restaurant steht indes immer noch leer.

Finanziert wird die Synagogensanierung, deren Kosten sich auf mehr als eine Million Euro belaufen, überwiegend von der Lottostiftung. Für die Restaurierung der Außentüren, Sanierung des Eingangsbereichs und der Glasfenster, des Parkettbodens im Synagogenraum, Einbau eines barrierefreien Behinderten‐WC, Umbau und Einrichtung der maroden Kidduschküche wird um Spenden gebeten.

Batmizwa Jael Botsch‐Fitterling und ihre Enkeltochter sind unter den ersten, die den Saal betreten. Die Enkelin möchte im Herbst Batmizwa feiern und will nun den Gottesdienst erleben. »So sah es in diesem Saal auch aus, als ich in nach Berlin gekommen bin«, erinnert sich Botsch‐Fitterling, die mehrere Jahre Mitglied der Repräsentantenversammlung war. Anfang der 60er‐Jahre hatte sie etliche Gottesdienste in der Fasanenstraße miterlebt.

»Wo sollen die Frauen sitzen?«, fragt eine Beterin. Auf dieser Seite, heißt es, und die Beterinnen nehmen auf der linken Seite Platz. Die rechte ist für die Männer reserviert. Allmählich kommen immer mehr Besucher in den Saal. Aus dem Nebenraum, in dem die Repräsentantenversammlung tagt, dringen Stimmen, denn Rabbiner Tuvia Ben‐Chorin hat Vertreter der drei monotheistischen Weltreligionen eingeladen.

Mehrmals treffen sie sich in diesen Tagen zu Gesprächen und besuchen miteinander ihre jeweiligen Gotteshäuser. Nun kommen die Mitglieder dieses Austausches in die Synagoge, um den Gottesdienst mitzuerleben. Am vergangenen Mittwoch waren sie in einer Moschee.

Schokolade Dann kommt der Rabbiner in den Saal. »Ich begrüße alle Beter in unserem temporären Gotteshaus«, sagt Ben‐Chorin. Er sei zufrieden mit dem jetzigen Standort, denn etliche Beter fänden auch den Weg in die Fasanenstraße, und die Atmosphäre sei sehr angenehm.

Der Gottesdienst beginnt. Adina Ben‐Chorin zündet die Kerzen, und der Chor singt im Wechsel mit Kantor Isaac Scheffer, die Orgel erklingt, und der Rabbiner hält seine Predigt. Gegen Ende bekommen die Kinder – wie es Brauch in der Synagoge Pestalozzistraße ist – Schokolade. Nach dem Schlussgebet dann das Kaddisch.

»Ich fühle mich wie zu Hause«, sagt Kantor Sheffer augenzwinkernd – und das mag schon etwas heißen, denn schließlich amtiert der 62‐Jährige schon seit zwölf Jahren in der Pestalozzistraße.

Spendenkonto für die Renovierung: Berliner Sparkasse, Kontonummer 600 003 1210, BLZ 100 500 500, Kontoinhaber Synagoge Pestalozzi

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