Lübeck

Streit um NS-Fassade

Synagoge mit NS-Fassade

Die Sanierung der maroden Lübecker Synagoge soll endlich beginnen: Ein Beirat aus Mitgliedern des Gemeindevorstands, Bauexperten und Vertretern großer Lübecker Stiftungen hatte den örtlichen Architekten Thomas Schröder‐Berkentien mit der Planung beauftragt. Der Vorsitzende des Beirats, der frühere Bausenator Volker Zahn, stellte das Konzept vergangene Woche in der Synagoge der Öffentlichkeit vor. Die Kosten sind mit rund neun Millionen Euro veranschlagt.

Vorgesehen sind ein Umbau der Innenräume, die behutsame Veränderung der in der NS‐Zeit errichteten Fassade sowie Edelstahlaufsätze auf dem Dach als Reminiszenz an die Kuppel, die 1939 zusammen mit der prächtigen maurischen Fassade abgerissen wurde. Im Innenraum wird die nur eingeschränkt nutzbare Frauenempore saniert, ein Musik‐ und Veranstaltungssaal sowie Räume für Verwaltung und Archiv werden eingerichtet.

Kritik Bei der Vorstellung wurde kritisiert, dass es keinen Architektenwettbewerb gab. Ohne einen solchen Wettbewerb sei das Verfahren intransparent, eine breite Bürgerbeteiligung ausgeschlossen. Der heftigste Widerstand entzündete sich an der Fassadenplanung und den Dachaufsätzen. Das gesamte Ensemble stehe unter Denkmalschutz, der eine Rekonstruktion der alten Fassade nicht zulasse, begründete Beiratsvorsitzender Zahn die Planung. Die jüdische Gemeinde habe lange dafür gekämpft, sich dann aber den im Beirat vorgetragenen Argumenten mit Bedauern beugen müssen, erklärte Leonid Gendelman vom Gemeindevorstand.

Cornelius Borck, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts der Universität, und Stefan Bartels, Präsident der Fachhochschule, erklärten, die alte Nazifassade zu erhalten, sei eine Demütigung der jüdischen Gemeinde. Von einer »Schande« sprach auch der Schoaüberlebende Benjamin Gruzka. Leidenschaftlich plädierte er für die Rekonstruktion der alten Fassade, wofür er großen Beifall erhielt.

Schornsteine Gemeindemitglied Rolf Verleger begrüßte dagegen die weitgehende Erhaltung der jetzigen Fassade. Mehr als 95 Prozent der Gemeindemitglieder seien Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die keinerlei Bezug zur historischen maurischen Fassade hätten. Die kaminartigen Dachaufsätze aber seien fatal, erinnerten sie doch an Schornsteine, und was das für Juden bedeute, brauche nicht erklärt zu werden.

Dass es um die Sanierung Streit geben würde, war von vornherein anzunehmen. Dass er so heftig ausfallen würde, wohl eher nicht. Weitere Veranstaltungen zu diesem Thema sind angekündigt. Dass sie dringend notwendig sind, zeigte die emotionsgeladene Diskussion an diesem Abend.

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