Frankfurt/Main

Spur der Stolpersteine

Gemeinsame Spurensuche: Künstler Gunter Demnig mit Gerda Rosenthal Foto: Rafael Herlich

Allein für seine Familie, für alle Verwandten, die durch die Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden, könne man 36 Stolpersteine verlegen, summiert Eric Brück. Er sagt das mit überraschendem Gleichmut, obwohl er auch erzählt, dass sein ganzes Leben davon geprägt war, als Kind und Enkel von Überlebenden geboren zu sein.

Eric Brück und sein Sohn Leo sind das erste Mal zum »Abend der Begegnung« gekommen, den die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main in jedem Jahr für die Nachfahren und Angehörigen von Menschen veranstaltet, zu deren Gedenken ein Stolperstein mit ihrem Namen und ihren Lebensdaten im Straßenpflaster vor der Tür zu ihrem letzten selbst gewählten Wohnsitz verlegt worden ist.

Die gold glänzenden Quadrate auf den Gehwegen erinnern an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Manchmal übernehmen auch Nachbarn, ehemalige Bekannte und Freunde der Verfolgten oder engagierte Bürger die Patenschaft für einen dieser Messing-Quader. Einer von ihnen ist der Verkehrsdezernent Stefan Majer (Grüne), der an diesem Abend die Gäste im Paul-und-Rosl-Arnsberg-Saal des Alten- und Pflegeheims der Budge-Stiftung im Namen der Stadt Frankfurt begrüßt. Majer erzählt, dass er »seinen« Stein häufiger mit einem Lappen poliere, damit die Schrift darauf ja lesbar bleibe.

Beachtung Eric Brück wollte eigentlich gar nicht, dass Fremde über das Schicksal seiner Großmutter Blanka Brück »stolpern«, darauf treten oder einfach darüber hinweggehen. Er hat auch erlebt, wie Passanten über Stolpersteine gespottet haben, und die Vorstellung, seine Großmutter, die er nie hat kennenlernen dürfen, diesen Anfeindungen auszusetzen, hat ihn schwer belastet. Er kann das nur aushalten, weil zurzeit auch die Geschichte seiner anderen Großmutter öffentlich dokumentiert wird, und weil er es wichtig findet, diesen Kontrast zu zeigen.

Denn Jenny Leopold hat überlebt, dank ihres christlichen Ehemannes, dem es gelungen war, sie aus dem Gefängnis, in dem sie schon vor der Deportation saß, zu befreien. Eine Aufseherin half mit und gab Jenny Leopold ein Gift, das sie so schwer erkranken ließ, dass man die Inhaftierte in ein Krankenhaus verlegen musste. Von dort befreite sie ihr Mann und versteckte sie in der Wohnung der Gefängniswärterin, bis er ein besseres Obdach für sie gefunden hatte.

Blanka Brück, die ein kleines Jalousie-Geschäft im Frankfurter Nordend betrieb, wurde hingegen keine Hilfe und Solidarität zuteil. Als man sie und ihren Sohn inhaftierte, reichte ihr nicht jüdischer Mann sofort die Scheidung ein. Mutter und Sohn kamen 1943 nach Auschwitz, Blanka Brück wurde dort ermordet, ihr Sohn, der Vater von Eric Brück, kam zunächst ins Warschauer Ghetto, dann ins Konzentrationslager Dachau und überlebte.

Schreibtischkonzept Rund 35.000 Stolpersteine an 600 verschiedenen Orten in ganz Europa sind mittlerweile verlegt worden. Und es treffen immer mehr Anfragen bei Günter Demnig ein. Der Kölner Künstler hatte 1993 die Idee zu dieser Aktion entwickelt, ursprünglich als »reines Schreibtischkonzept«, wie er erzählt.

»Du musst ganz zwangsläufig eine Verbeugung vor den Opfern machen«, beschreibt er die Idee der Steine. Soeben ist Demnig für sein Engagement in New York mit dem renommierten Dr.-Bernhard-Heller-Preis ausgezeichnet worden. Er hat aber auch schon drei Morddrohungen erhalten: »Damit kann man leben«, kommentiert Demnig die Bedrohung lapidar.

35.000 Stolpersteine, Anfang Mai wurden in Frankfurt noch 87 weitere verlegt, 700 finden sich jetzt allein in dieser Stadt, und zu jedem dieser Steine gehört eine Geschichte. Für Hartmut Schmidt, den Vorsitzenden der Frankfurter Initiative Stolpersteine, ist dies die »wichtigste Form der Auseinandersetzung mit Geschichte«. Und manchmal sind es die Angehörigen selbst, für die der Stein zum Anstoß wird, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen.

Ablehnung So wie bei Lillian Rosengarten, die 1935 als Gisela Lebrecht in Frankfurt geboren wurde und im Alter von acht Monaten mit ihrer Familie in die USA ausgewandert war. »Ich wollte immer nur Amerikanerin sein, keine Deutsche, ich wollte von der Vergangenheit nichts wissen«, bekennt sie. Erst als sie wieder nach Frankfurt kam, um an der Verlegung eines Stolpersteins für ihren Großvater teilzunehmen und an dessen Grab stand, wurde sie von Trauer und Rührung überwältigt.

Rudolf Jacob hatte sich Anfang 1936 erhängt, nachdem die neuen Machthaber ihn gezwungen hatten, sein Geschäft für Stoffe und Spitzen, das er in der Kaiserstraße im Bahnhofsviertel besaß, aufzugeben.

Lilo Günzler hat 60 Jahre lang geschwiegen, »weil ich nicht daran denken wollte«. Aber irgendwann spürte sie, dass Verdrängen nicht mehr half, und sie begann, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. »Ich habe geweint und geschrieben, geweint und geschrieben«, erzählt sie. Endlich reden heißt ihre Autobiografie, die Ende vergangenen Jahres erschienen ist.

Darin schildert sie zum Beispiel, wie ihre jüdische Mutter sie auf ihren ersten Schultag vorbereitete: »Du musst sagen, dass du Geltungsjude oder Mischling ersten Grades bist«, schärfte sie ihr ein. Noch 1945 wurden ihre Mutter und ihr Bruder nach Theresienstadt deportiert, während Lilo selbst sich während der letzten Kriegstage in einem Keller versteckt hielt.

Immer, auch nach der Befreiung, habe sie Angst gehabt, dass die Leute sie nicht mehr grüßen würden, wenn sie von ihrer Familiengeschichte wüssten. Erst heute, fast 70 Jahre später, könne sie mit Stolz durch die Stadt gehen und sagen: »Ja, ich habe eine jüdische Mutter!«

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