Integration

Sprache verbindet

Sprechen und essen hält Geist und Seele zusammen: Den älteren Zuwanderern kommt Leo Friedman (r.) gern entgegen. Foto: Rafael Herlich

Alle Welt spricht davon, wie man Zuwanderer in eine bestehende Gesellschaft integriert – und im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt werden die Bewohner einfach nach Nationalitäten zusammengefasst. So finden sich in einer der Wohngruppen ausschließlich Senioren aus der ehemaligen Sowjetunion. Ein Irrweg? Integration Fehlanzeige? Nein. Volle Absicht.

»Die klassische Integration in die deutsche Gesellschaft funktioniert in hohem Alter nicht mehr«, sagt Heimleiter Leo Friedman. Erst die nächste Generation der Migranten wird ein Teil der Gesellschaft hier in Deutschland und auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde werden.

Die meisten der Altenheimbewohner aus der ehemaligen Sowjetunion seien erst vor zwei oder drei Jahren mit ihren Kindern nach Deutschland gekommen. »Sie haben ihre eigene Kultur, Tradition, aber vor allem ihre eigene Küche.« Das Essen spiele bei alten Menschen eine zentrale Rolle, heimische Gerichte vermittelten Geborgenheit. Und: »Demente Menschen sprechen nur noch ihre Muttersprache. Wenn Russisch- und Deutschsprachige zusammenwohnen, haben sie deshalb kaum eine Möglichkeit zu kommunizieren.«

Lebensqualität Kommt jemand neu ins Altenzentrum, wird er nach seiner Nationalität und als zweites Kriterium nach der Schwere der Erkrankung einer bestimmten Wohngruppe zugeteilt. »Die alten Menschen sollen eine hohe Lebensqualität haben«, sagt Friedman. Eine Mischung der Nationalitäten funktioniere aus diesem Grund nicht. Denn der Druck auf die Alten, mit Fremdem zurechtkommen zu müssen, sei zu hoch. Das Konzept des Altenzentrums wurde denn auch als beispielhaftes »Bundesmodell« ausgezeichnet.

Weil das Wort »Altenheim« für Menschen aus den ehemaligen GU-Staaten nicht gerade positiv besetzt sei und diese einen starken Familienzusammenhalt haben, sieht Friedman die neu eingerichtete Tagespflege als »optimale Gelegenheit«, das Altenzentrum und seine Angebote kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen.

Friedman: »Die Senioren werden in der Tagespflege von morgens bis nachmittags versorgt, schlafen aber zu Hause.« So wird die Familie entlastet, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, den Angehörigen abschieben zu wollen. 13 Pflegeplätze stehen zur Verfügung, sie sind fast alle ausgebucht. Die Räume haben ebenerdig Zugang zum Garten und können rollstuhlgerecht vom Parkplatz aus erreicht werden. Dort steht ein neuer Bus bereit, der die Tagespflege-Gäste abholt und wieder nach Hause bringt.

Auf dem Tagesprogramm stehen neben den Mahlzeiten auch psychologische Betreuung oder Ergotherapie. Je nach kognitiver Verfassung können die Tagesgäste auch an den Aktivitäten des Altenzentrums teilnehmen. So können sie etwa den Snoezel-Raum benutzen.

Eine Ruhe-Oase, gestaltet von Betreuungsassistent Arndt Nuhn und ausgestattet mit Meditationsmusik, warmen Farben, bewegten Bildern und Massagesessel. »Die Sinneswahrnehmungen beruhigen und entführen aus dem Alltag«, sagt Arndt. Außerdem sollen die Erfahrungen für gemeinsamen Gesprächsstoff und damit zu Gemeinsamkeit führen, hofft Friedman. »Auch das ist Integration.«

Aufnahmeprüfung Die Mitarbeiterinnen in der Tagespflege haben längst die deutsche Staatsangehörigkeit, ihre Muttersprache aber ist Russisch. Denn Friedman nimmt an, dass sich auch hier das Verhältnis wie im Altenzentrum herstellen wird: Dort kommen 40 bis 50 Prozent der Bewohner aus den GU-Staaten.

Der Rest ist bunt gemixt: Menschen, die nach dem Krieg aus dem Osten nach Deutschland gekommen sind, bis hin zu einer Dame aus Südamerika, zwei Muslimen sowie christlichen Bewohnern. Wer nicht jüdisch ist, wird bei der Aufnahme besonders kritisch auf seine Biografie hin überprüft. »Wir wollen nicht, dass Täter und Opfer an einem Tisch sitzen«, betont der Heimleiter.

So gemischt die Nationalitäten der Heimbewohner, so unterschiedlich ist auch die Herkunft der Mitarbeiter. Friedman versucht deren Integration zu unterstützen, indem er das Gemeinschaftsgefühl der Belegschaft des Altenheims stärkt. Die Mitarbeiter werden angeregt, eigene Projekte – wie die Gestaltung der Pflegebäder – umzusetzen.

Einmal pro Woche können sie ihre Erlebnisse aus dem Pflegealltag einem Psychologen anvertrauen. Die jährliche Mitarbeiterparty ist mittlerweile legendär. »Zudem möchte ich erreichen, dass die Cafeteria des Altenzentrums künftig auch vormittags geöffnet hat«, kündigt Friedman an. So hätten Pfleger und Schwestern die Möglichkeit, sich während ihrer Pausen zu treffen. Wer sich im Team wohlfühle, verabrede sich auch mal nach der Arbeit.

Gemeinschaft Verabredungen der Senioren über die Wohngruppen hinaus sind sehr selten. Auch über die gemeinsame Religionszugehörigkeit entsteht keine »große Gemeinschaft«. Zwar wird regelmäßig ein Schiur angeboten, und zwei Studentinnen der Jüdischen Hochschule in Heidelberg unterrichten jüdische Kultur. In der Synagoge finden Gottesdienste statt und die Feiertage werden gemeinsam gefeiert.

»Aber danach«, berichtet Friedman, »geht jeder wieder seinen eigenen Weg.« Für Friedman sind diese Parallelwelten ohne Schnittmengen ein simples Faktum, über das zu lamentieren sich nicht lohne. Vielmehr geht er davon aus, dass die Integration »eine Dekade weiter gelungen sein wird«. Seine Prämisse für di e Struktur im Altenzentrum ist so schlicht wie arbeitsintensiv: »Die Alten sollen in ihren letzten Tagen glücklich sein.«

Besichtigungsmöglichkeit am nächsten Tag der Offenen Tür, Sonntag, 14. August

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