Düsseldorf

Solidarischer Besuch

Gedenkstättenleiter Bastian Fleermann (l.) führt Karl-Josef Laumann (M.) und die Vertreter der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf durch die Ausstellung. Foto: Roland Kaufhold

Es war schon eine eindrucksvolle Geste, dass Nordrhein‐Westfalens Sozialminister Karl‐Josef Laumann (CDU) von sich aus das Gespräch mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf suchte. Vor allem jedoch war sein Interesse am Thema Antisemitismus spürbar, als der Landesarbeits‐, Gesundheits‐ und Sozialminister den Wunsch zu einem Solidaritätsgespräch mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf äußerte. Und so wurde der Wunsch auch gern zeitnah in Düsseldorf umgesetzt.

Der Ort des Solidaritätstreffens war gut gewählt: die zentral in der Düsseldorfer Altstadt gelegene Mahn‐ und Gedenkstätte. Deren Leiter Bastian Fleermann führte den Gast Karl‐Josef Laumann sowie Michael Szentei‐Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, und weitere Gemeindemitglieder zur Einführung durch die aktuelle Ausstellung. Gezeigt werden Häftlingsporträts von Josef Rosalia Hein: »Menschen in Auschwitz 1941–1943«. Die Bilder hinterließen bei den Betrachtern einen nachhaltigen Eindruck.

Sorgen Minister Laumann sprach dann auch nicht groß um das Thema herum, sondern fragte direkt: »Wie ist denn Ihr Gefühl hier in Düsseldorf?« Genauso unverblümt antwortete Verwaltungsdirektor Szentei‐Heise: Seit zwei Jahren sei Antisemitismus in Düsseldorf viel deutlicher zu spüren als früher. »Das macht uns sehr viel Sorge!«

Der zunehmende Antisemitismus betreffe vor allem die Kinder der Jüdischen Gemeinde. Es kämen immer wieder sehr bestürzende Rückmeldungen – was auch von weiteren Gesprächsteilnehmern ausdrücklich bestätigt wurde. Dabei befinde sich die nordrhein‐westfälische Landeshauptstadt im Vergleich zu anderen Städten noch in einer eher privilegierten Lage, fügte Szentei‐Heise hinzu. »In Düsseldorf wüsste ich kein Viertel, durch das ich nicht mit Kippa gehen könnte.« Dennoch: Der antisemitische Druck werde spürbar größer.

Jüdische Schüler würden in Düsseldorf immer wieder und in bestürzender Weise von muslimischen Schülern attackiert. Vielen der jüdischen Jugendlichen falle es schwer, über diese bedrückenden Erfahrungen überhaupt zu sprechen. Bedrohungen durch Rechtsradikale seien in Düsseldorfer Schulen derzeit jedoch nicht feststellbar.

Handreichung Im Mai 2017 habe man mit jüdischen Schülern sowie mit dem Schulverwaltungsamt ein großes Treffen organisiert, bei dem zahlreiche Schüler von ihren alltäglichen Bedrohungserfahrungen berichteten, so Szentei‐Heise weiter. Er habe jedoch den Eindruck, dass dies bei den Verantwortlichen im Schulverwaltungsamt nicht angemessen angekommen sei. »Man hat uns vor einigen Wochen, nach einem Jahr, eine Handreichung des Ministeriums übergeben!« Dies sei entschieden zu wenig, sagte der Verwaltungschef, was auch die Mitarbeiterinnen der Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus (SABRA), Riccarda Blaeser und Polina Ivanova, bestätigten.

Bereits bei der Eröffnung von SABRA im September 2017 hatte der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Oded Horowitz, die antisemitische Bedrohung insbesondere im schulischen Kontext deutlich benannt: »Unsere Kinder sehen sich immer schwerwiegenderen Fällen antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt. Das führt dazu, dass sie ihre Zukunft nicht mehr in Deutschland sehen, sondern feste Auswanderungspläne verfolgen. Sie wollen nicht hier bleiben, weil die Situation immer bedrohlicher wird.«

Staatsräson Laumann war ein aufmerksamer Zuhörer. Er betonte mehrfach: »Wir müssen klarmachen, gerade auch den neu Hinzukommenden aus muslimischen Ländern, dass Antisemitismus bei uns keinen Platz hat!« Der Schutz jüdischer Menschen gehöre für ihn zur Staatsräson. Dies müsse man immer wieder deutlich machen, im Alltag, aber auch politisch. Gedenkstättenleiter Bastian Fleermann bestätigte ebenso wie alle anderen Gesprächsteilnehmer, dass Schulen und insbesondere die Lehrer mit antisemitischen Beleidigungen und Übergriffen offenkundig eindeutig überfordert seien.

Zugleich warnte er jedoch davor, den »deutschen Antisemitismus« aus dem Blick zu verlieren. Bei Führungen durch die Mahn‐ und Gedenkstätten seien immer wieder antisemitische Äußerungen zu hören. »Mentalitäten jedoch kann man nur durch Bildungspolitik bekämpfen.« Eine Meldekette für antisemitische Bedrohungen und Beleidigungen im schulischen Kontext sei eine sinnvolle pädagogisch‐administrative Maßnahme. Antisemitische Einschüchterungen von Kindern dürften auf keinen Fall unter den Teppich gekehrt werden.

Laumann bestätigte dies und fügte hinzu: »Wir brauchen jemanden, der auch gegenüber Zuwanderern aus arabischen Ländern deutlich sagt: ›So geht es nicht!‹« Aber das gelte auch für die Ewiggestrigen an den Stammtischen. Politisch gefordert seien Menschenbilder, aber auch Zivilcourage. »Der Staat kann das nicht ersetzen.« Szentei‐Heise bestätigte: »Antisemiten werden nicht geboren, Antisemiten werden gemacht.«

Schutzraum So sei dem vor zwei Jahren gegründeten Jüdischen Gymnasium mehr oder weniger unbeabsichtigt eine ganz neue Rolle zugefallen, bekannte Verwaltungsdirektor Szentei‐Heise. Es erfülle jetzt völlig überraschend die Funktion eines Schutzraumes für jüdische Schüler. »Dieser Schutzgedanke hatte für uns bei der Gründung keine Rolle gespielt. Damit hat niemand gerechnet!«

Das Solidaritätstreffen mit dem Minister sei für ihn und für die gesamte Jüdische Gemeinde sehr wichtig, hob Verwaltungsdirektor Szentei‐Heise abschließend hervor. »Es bestärkt uns darin, dass wir von der Politik nicht alleingelassen werden und dass der Kampf gegen Antisemitismus wirklich breite Akzeptanz findet.«

sabra@jgdus.de

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