Jeanette-Wolff-Heim

»Sie legten den Grundstein«

In Charlottenburg erinnern Beter mit Plaketten an die Generation, die die Jüdische Gemeinde nach 1945 aufbaute

von Ralf Balke  25.06.2018 19:33 Uhr

Jiskor-Plaketten im Betraum Dernburgstraße Foto: Ralf Balke

In Charlottenburg erinnern Beter mit Plaketten an die Generation, die die Jüdische Gemeinde nach 1945 aufbaute

von Ralf Balke  25.06.2018 19:33 Uhr

LeDor Vador heißt der Minjan des Jeanette‐Wolff‐Seniorenzentrums in der Dernburgstraße in Berlin‐Charlottenburg, zu Deutsch: von Generation zu Generation. Dass dieser Name wirklich Programm ist, konnte man dieser Tage sehr eindrucksvoll erleben.

Zum einen hatten Beter neue Erinnerungsplaketten mit den Namen der in den vergangenen zwölf Monaten verstorbenen Heimbewohner und Beter an einer eigens errichteten großen Holztafel im Gebetsraum angebracht. Zum anderen gedachten sie mit einer Jahrzeit des Todestages von Inge Marcus, der »Grande Dame« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Schabbat Mehr als 40 Personen kamen daher am vergangenen Samstagmorgen im Elternheim zusammen, darunter zahlreiche Freunde und Angehörige der Familie. Sohn Marcel Marcus, Rabbiner und zugleich Inhaber der Traditionsbuchhandlung Ludwig Mayer in Jerusalem, war eigens aus Israel angereist, um gemeinsam mit Vorbeter Porat Jacobson an diesem Schabbat den Gottesdienst zu leiten.

»Meine Mutter hat bis zu ihrem Tod mehr als sieben Jahre im Jeanette‐Wolff‐Seniorenzentrum gelebt«, berichtet Margue‐
rite Marcus. »Sie war nicht einfach nur eine Bewohnerin des Hauses«, sagt die Tochter, »sondern wollte den Alltag hier immer aktiv mitgestalten.«

Das gehörte ganz offensichtlich zu ihrem Naturell. 1951 in ihre alte Geburtsstadt zurückgekehrt, setzte sich Inge Marcus sofort mit aller Energie dafür ein, dem jüdischen Gemeindeleben in Berlin wieder neues Leben einzuhauchen. »Vor allem die Frauenpolitik lag ihr am Herzen«, erinnert sich die Tochter gerne. So ging die Gründung des Jüdischen Frauenvereins auf ihre Initiative zurück, sagt sie.

DDR Dessen Aktivitäten sind eng mit einem weniger bekannten und zugleich dramatischen Kapitel deutsch‐jüdischer Nachkriegsgeschichte verwoben. Denn weil es Anfang der 50er‐Jahre in der DDR zu antisemitischen Vorfällen gekommen war, flohen zahlreiche Juden aus Ost‐Berlin in den Westsektor der Stadt. »Sofort kümmerten sich die jüdischen Frauen um diese Menschen und leisteten Hilfe, wo sie nur konnten.« Viele Jahre dann sollte Inge Marcus dem Vorstand der Gemeinde angehören und hatte schon vor 1989 erste Fühler zur jüdischen Gemeinschaft im Ostteil Berlins ausgestreckt.

Und weil ihr Rat auch dann noch gefragt war, als sie sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hatte und Gemeindeälteste wurde, tagte die Repräsentantenversammlung sogar mehrfach im Jeanette‐Wolff‐Seniorenheim. »Sie galt als so etwas wie die Brücke zwischen Elternheim und Gemeinde«, betont Marguerite Marcus. »Und wie einige andere Bewohner auch ging sie wohl noch nie so häufig in eine Synagoge wie hier in der Dernburgstraße.«

Denn der Minjan LeDor Vador hat sich mittlerweile zu einer festen Größe im religiösen Leben der Hauptstadt etabliert. Aus dem einstigen Mehrzweckraum im Elternheim ist ein waschechtes »Stibl« mit Aron Hakodesch und Torarolle entstanden.

Minjan »Und der wöchentliche Kabbalat Schabbat mit eigenem Rabbiner und Vorbeter gibt hier den älteren Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, sehr viel Rückhalt«, sagt Marcus. »Inge Marcus war wirklich der gute Geist der Gemeinde«, betont Manfred Friedländer. »Deshalb haben wir jetzt auch ein Jiskor‐Schild mit ihrem Namen angebracht«, so der ehemalige Beter und Gabbai der Synagoge Pestalozzistraße, der lange für die Idee eines eigenständigen Minjans im Elternheim gekämpft hatte.

»Und es war nicht das einzige.« Unter anderem wurde der 2017 verstorbenen Helga Kaiser, der früheren Leiterin des jüdischen Kindergartens, sowie des Jazzmusikers Heinz Jakob »Coco« Schumann mit einer solchen Plakette gedacht. »Sie alle hatten den Grundstein gelegt für das, was wir heute als Jüdische Gemeinde zu Berlin kennen und schätzen. Ihnen wollen wir auf diese Weise unseren Respekt erweisen und uns gerne an sie erinnern«, sagt Manfred Friedländer. Und zwar nicht nur heute, sondern von Generation zu Generation.

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