Dresden

Shitstorm nach dem Preis

Emilia wurde für Zivilcourage ausgezeichnet. Dann kam der Hass im Netz

von Wolfram Nagel  13.11.2017 19:51 Uhr

In Berlin wurde die Schülerin Emilia mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Foto: dpa

Emilia wurde für Zivilcourage ausgezeichnet. Dann kam der Hass im Netz

von Wolfram Nagel  13.11.2017 19:51 Uhr

Die Dresdner Schülerin Emilia ist mit dem Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet worden. Der Preis, gestiftet vom »Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas« in Berlin, könnte die 15‐Jährige stolz machen, doch der Medienrummel ist Emilia spürbar unangenehm.

Sie möchte, dass weder ihr vollständiger Name, noch der des Dresdner Gymnasiums, das sie besucht, genannt wird. Sie ist der festen Meinung, dass die Nazisprüche an ihrer Schule kein Einzelfall sind. Auf der anderen Seite hat sie auch das Gefühl, ihre Familie vor Anfeindungen bewahren zu müssen. Anfeindungen, die seit der Preisverleihung sehr real geworden sind. Emilia hält ihr Smartphone hoch und zeigt einen entsprechenden Chat.

Sachsen Und eigentlich hat sie als Schülerin anderes zu tun, als ständig Fragen von Journalisten zu beantworten, sagt sie. Außerdem stellten sie alle den Zusammenhang mit Sachsen her. Der Fall sei etwas Besonderes, weil sie in Dresden lebt? Es werde immer nur auf Sachsen und Dresden geschaut. Aber wenn so etwas in Niedersachsen oder Mecklenburg‐Vorpommern passiere, dann sei das keiner Rede wert. »Sachsen, das passt dann halt besser«, sagt die 15‐Jährige und berichtet von den Vorkommnissen, die sie dazu veranlasst haben, den Nazijargon ihrer Mitschüler nicht mehr hinzunehmen.

Meist seien es Jungen, die sich mit Nazisprüchen hervortun. Es sei wohl irgendwie cool, beim Niesen nicht »Gesundheit« zu sagen, sondern »Heilung«. Oder wenn der Ladezustand des Handys auf 88 Prozent steht, laut zu schreien: »88, och, guck mal, ich hab da grad 88 Prozent«. »Und da wird auch mal der Hitlergruß gezeigt.« Die Lehrer schauten oft genug weg. Manchmal verstünden sie gar nicht, was da abgeht, oder weshalb die halbe Klasse lacht. Viele Mitschüler nähmen das alles einfach hin. »Dann habe ich ‘mal gesagt: ›Könnt ihr das nicht lassen mit dem Nazigehabe?‹«, erzählt Emilia.

Sie habe schon recht lange gebraucht, sich einfach zu trauen und dagegenzuhalten, sagt Emilia. Als dann im Klassen‐Chat antisemitische Bilder kursierten, wollte sie diese »Scherze« nicht mehr tolerieren. »Das schlimmste Bild, das mir so in Erinnerung geblieben ist, war eine Rauchwolke, und darunter stand: ›Ein jüdisches Familienfoto‹. Na ja, und auf meine Forderung, damit aufzuhören, kamen Antworten, wie: ›Hast du zu viele Juden eingeatmet?‹, also: tote Juden, oder: ›Wenn dir das nicht gefällt, wandere doch nach Polen aus.‹«

Anzeige Die Reaktionen seien total absurd und schrecklich gewesen. »Und da habe ich ihn ja auch angezeigt.« Den Mitschüler, der diese Bilder gepostet hatte. Es sei eine anonyme Anzeige gewesen, sagt Emilia. Der Junge wurde von der Polizei befragt, mehr nicht. Er verließ später die Schule. Ihr eigener Name aber kursierte dann im Netz. Ein paar Mitschüler hätten sich jedoch demonstrativ hinter sie gestellt. »Die anderen hielten zu dem Jungen.«

Das alles erzählt Emilia in der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Hand in Hand sind Vater und Tochter an diesem späten Nachmittag für das Gespräch hierhergekommen. Noch nie sei sie im Gemeindehaus gewesen, sagt Emilia. Die Familie lebe ja erst seit anderthalb Jahren in der Stadt. Aber eine Synagoge habe sie schon einmal besucht, im vergangenen Schuljahr bei der Klassenfahrt nach Polen.

Eine weitere Geschichte, die das Mädchen empört: Emilia erzählt von einer Begebenheit, die sich in der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler in Krakau abspielte. »Da gab es einen Fliesenboden, der komplett aus Hakenkreuzen bestand. Ein paar Jungs haben es ›so witzig‹ gefunden und Bilder mit ihren Füßen auf dem Boden gemacht. Die haben nichts gelernt!«

Mut Gemeindevorsitzende Nora Goldenbogen hört aufmerksam zu. Sie findet es unglaublich mutig von der jungen Frau, ihren Mitschülern zu widersprechen. Schon lange verfolgt sie selbst, wie Sprache immer mehr verroht und dass Sprüche wie »Du Jude!« auf Schulhöfen offenbar normaler Umgangston geworden sind.

Auch Emilias Vater meint, er habe so manches erfahren, was er bisher für unmöglich gehalten habe. »Zum einen ist man schon einmal sehr überrascht und perplex, dass so etwas normal in der Schule gezeigt und auch gemacht wird. Diese Selbstverständlichkeit, eben nicht ›Gesundheit‹, sondern ›Heilung‹ zu sagen, kannte ich gar nicht. Ich bin froh, dass Mila offen ist,dann auch erzählt und uns teilhaben lässt und solche Sprüche nicht als normal akzeptiert.«

Rampenlicht Dafür einen Preis zu erhalten, sei ihr jedoch seltsam vorgekommen. Und zuerst habe die Familie überlegt, ob sie ihn ablehnen solle, erzählt Emilia. So im Rampenlicht zu stehen, sei nicht ihr Ding. Aber kurz nach der Preisverleihung habe sich ein Mitschüler entschuldigt. »Richtig entschuldigt«, betont Emilia und hält wieder ihr Handy hoch. »Und das war so der Moment, wo ich dachte: ›Super, ich tu’ das Richtige‹. Und wenn das wirklich so passiert, und wenn andere den Gedanken hegen, jetzt damit aufzuhören, dann ist das ein Wunsch, der auch in Erfüllung geht.«

Der Vater nickt zustimmend und ergänzt, es gehe ja nicht darum, Menschen, die etwas Falsches sagen, zu verstoßen. »Man will sie für eine offene Weltanschauung gewinnen. Und ich glaube, dass es wirklich das schönste Geschenk ist, dass sich jemand seines Unrechts bewusst wird. Dafür hat es sich schon gelohnt – für diesen einen.«

Aber es gibt noch die vielen anderen, die jetzt das Foto von Emilia bei der Preisverleihung auf einschlägigen Naziseiten verbreiten – wie ein Fahndungsfoto – und das auch noch mit Morddrohungen verbinden.

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