München

Schulterschluss gegen das Vergessen

Am Gedenkstein wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Namen der 4578 Münchner Schoa-Opfer verlesen. Foto: Marina Maisel

Das Gedenken an die Pogromnacht werde niemals Routine werden – das betonte Oberbürgermeister Christian Ude bei der Gedenkstunde in München 75 Jahre nach dem Auftakt zur Ermordung der Juden Europas im Alten Rathaussaal. Gegen das Argument, schon alles zu wissen, setzte er das Beispiel der Erforschung der Haltung der Münchner Polizei während der Nazi-Zeit, welche die Beamten jetzt selbst mit Unterstützung von Historikern untersuchten. Ude, der Journalist und Jurist ist, mahnte an, dass auch diese beiden Berufsgruppen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen sollten.

Heute, so Ude weiter, habe der 9. November eine ganz neue Dimension erreicht, und das nicht nur mit dem Mauerfall im Jahr 1989. Präsidentin Charlotte Knobloch habe dieses Datum auch für die Grundsteinlegung und die Eröffnung des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz gewählt. Christian Ude dankte ihr, »dass Sie uns die Chance gegeben haben, diesen 9. November auch in diesem Licht sehen zu dürfen«.

vertrauen »Dankbar für das Vertrauen, das uns die Münchnerinnen und Münchner jüdischen Glaubens heutzutage entgegenbringen«, äußerte sich auch Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä. Er mahnte mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft: »Es ist absolut unabdingbar, die Gefahren blinder Befehlsexekution zu erkennen. Unabdingbar vor allem, um immer aufmerksam zu bleiben gegenüber den Gefahren des Rechtsextremismus und allen anderen Formen von Extremismus.«

Vor den Ereignissen der Schoa »stehen wir als Nachgeborene ratlos«, bekannte der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, und wurde konkret: »Ratlos und beschämt auch über das Schweigen der Kirche.«

Marx erinnerte an einen der wenigen, die nicht geschwiegen haben, an den Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der öffentlich auf die erschütternden Taten in der Pogromnacht reagierte – täglich bis zu seiner Verhaftung am 23. Oktober 1941. Marx bezeichnete ihn als Vorbild auch für die Gegenwart.

bildung Wie notwendig der 9. November als Tag des Gedenkens ist, darüber sprach die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler: »Er erinnert uns daran, dass zu den Verbrechen nicht nur die Täter gehören, sondern auch die, die den Taten zuschauen«, ohne etwas dagegen zu tun. Um sich dem Unvorstellbaren nähern zu können, bedürfe es der Bildung. 21 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren wüssten nicht mal mehr, welches Verbrechen sich hinter dem Namen Auschwitz verbirgt. »Wir brauchen das Wissen über die Geschichte des Holocaust wie über jüdische Geschichte und Religion«, forderte die Bischöfin.

Dass Erinnerungsarbeit und zeithistorische Bildungsarbeit zu den Kernaufgaben von Erziehung und Bildung gehören, unterstrich der zuständige Staatsminister Ludwig Spaenle. Sie seien zugleich die wertvollsten Mittel im Kampf gegen Extremismus und Antisemitismus. Historische Lernorte und Gedenkstätten zählten zu dieser Arbeit.

Ein besonderer historischer Ort ist der Alte Rathaussaal. Von hier ging am 9. November 1938 das Signal zur Vernichtung der Juden aus. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels rief hier in seiner Hetzrede vor NSDAP-Führern zu Pogromen an den Juden auf.

Dass in diesem Saal seit einigen Jahren die Gedenkfeier stattfindet, unterstreiche die Bedeutung von Orten bei der Erinnerung, betonte der Architekturhistoriker und Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München, Winfried Nerdinger. Mit der Vernichtung der Synagogen, die in dieser Nacht brannten, mit jüdischen Häusern und Eigentum sollte auch die Erinnerung an die Menschen ausgelöscht und vernichtet werden.

»Wenn Erfahrungen oder Ereignisse mit einem Ort verbunden werden können, bleiben sie ganz besonders in unserem Gedächtnis haften«, betonte Winfried Nerdinger. »Wenn wir die Orte des Nationalsozialismus mit den Verbrechen der Täter und mit dem Leid der Opfer verknüpfen, bleibt beides in der kollektiven Erinnerung lebendig«, unterstrich er. Es werde eine zentrale Aufgabe des NS-Dokumentationszentrums sein, Informationen zu geben, »damit Steine zum Sprechen gebracht werden und damit Geschichte im Raum dauerhaft weitergegeben wird«.

jüdisches leben Dass mit der Ohel-Jakob-Synagoge und dem neuen Gemeindezentrum das jüdische Leben zurückgekehrt und im Bewusstsein der Gesellschaft fest verankert worden ist, hatten viele der Redner des Abends betont – und Präsidentin Charlotte Knobloch dafür ihre Dankbarkeit ausgesprochen. Knobloch hatte als sechsjähriges Mädchen an der Hand ihres Vaters die orthodoxe Ohel-Jakob-Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße brennen sehen.

Es war ihr ein besonderes Anliegen, »an diesem 75. Jahrestag jener schrecklichen Nacht einen Schulterschluss der gesamten Münchner Stadtgesellschaft zu bewirken«. Denn nie wieder dürfe passieren, was in dieser Nacht »kaum jemanden nachhaltig zu stören schien – und was nach dieser Nacht, bis auf wenige Ausnahmen, niemand mehr aufzuhalten versuchte«.

Noch im Alten Rathaussaal hatte die Präsidentin der Arbeitsgruppe 9. November für deren großes Engagement zur Gestaltung dieses Abends und dieser Nacht gedankt. Dann ging es zum Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße. Dort waren in den zurückliegenden Jahren immer wieder die Namen von Opfern vorgelesen worden. Diesmal waren es alle 4578 Münchner Opfer, an die erinnert wurde – die ganze Nacht hindurch, bis morgens gegen 9 Uhr. Zu den Ermordeten gehört auch die Großmutter von Charlotte Knobloch, der ihre Trauer und ihr ganz persönliches Gedenken gehörte.

unerträglich Zur Einführung rief dort Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv das Geschehen des 9. November noch einmal in Erinnerung. Dann lasen mehr als 150 Münchner aus der gesamten Stadtgesellschaft nach und nach alle Namen: Vorname, Familienname, Alter und – sofern bekannt – Todesursache. Unerträglich oft fällt in dieser Nacht das Wort »ermordet«. Unter den ersten Anwesenden der Namenslesung waren Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, die Vorsitzende der Stiftung »Weiße Rose«, Hildegard Kronawitter, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, und die Unternehmerin Regine Sixt.

Vertreter der katholischen und evangelisch-lutherischen Kirche und der orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis erwiesen den Opfern des NS-Regimes ihre Ehre ebenso wie die Leiterin der Volkshochschule München, Susanne May, der Leiter des Stadtarchivs München, Michael Stephan, Vertreter des DGB und des Bildungswerks München, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, und viele andere engagierte Bürger der Stadt. Schüler und Studenten waren dabei, Vertreter der politischen Parteien und ihrer Jugendorganisationen, die »Löwen-Fans gegen Rechts«, Vertreter von Medien und Politik, der Polizei sowie der Münchner Berufsfeuerwehr.

Einer von ihnen, Christof Keil, sagte, es sei sehr wichtig, dass auch in ihrem Berufsstand das Gedenken weitergeht. »Wir von der Feuerwehr haben damals nicht geglänzt, wir haben genauso versagt wie die ganze Gesellschaft. Und es ist wichtig, dies immer wieder zu verdeutlichen und die Menschen, die darunter gelitten haben, niemals zu vergessen.«

zeugnisse Pünktlich um 23.55 Uhr begannen die Schauspieler Claus Obalski und Roland Astor Texte vorzulesen, die Eva König von der Arbeitsgruppe 9. November zusammengestellt hatte. Genau um diese Uhrzeit vor 75 Jahren war ein jetzt vorgelesenes Fernschreiben der Gestapo geschrieben worden. Solche immer wieder eingestreuten »Echtzeitzitate« ließen die Geschehnisse spürbar werden: Einträge aus dem Brandbuch der Branddirektion und viele andere erschütternde Zeugnisse.

Einer der Anwesenden hatte Tränen in den Augen, als Ilse Macek vom Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie« an die Münchner Familie Rosenbusch-Rothschild erinnert. Es ist Danny Bassan, der Enkel der 1941 nach Kaunas deportierten Hanna und Moritz Rosenbusch. Er ist eigens zu dieser Gedenkstunde aus Israel nach München gekommen.

Gefühle Die Studentin Nashwa Pauli drückte ihre Gefühle nach der Lesung so aus: »Ich habe kurz vorher mehrmals die Namen angeschaut: Da war auch ein zwölf- jähriges Kind dabei – und ich habe selbst eine elfjährige Tochter.«

Kurz vor halb neun Uhr, als es schon wieder hell ist, liest Dorothea Wiepcke vom Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Neben ihr auf dem Podium steht ihr dreijähriger Sohn Constantin und drückt seinen grauen Kuschelelefanten fest an sich. »Ich finde es so wichtig«, sagte Dorothea Wiepcke später, »dass mein Sohn dabei ist. Ich versuche, ihm zu erklären, was damals passiert ist.«

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