Wuppertal

Schicksale in Wandkästchen

Die Zeit, in der Juden in Deutschland hauptsächlich im Kontext des Holocaust wahrgenommen wurden, neigt sich dem Ende entgegen. Mit der Verabschiedung der Zeitzeugen verändert sich auch die Form, in der »Gedenken« zukünftig organisiert und thematisiert werden wird. »Die Verkürzung jüdischen Lebens auf die Schoa und auf die Juden des Mittelalters in Verbindung mit jüdischem Kult- und Kunstgewerbe reicht auf die Dauer nicht aus. Wir müssen ganz neu nachdenken, was Juden in Deutschland sind und waren. Die erste Dauerausstellung in der Begegnungsstätte trägt diesem neuen Ansatz ganz bewusst Rechnung«, erklärt Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal.

kulturelle Blüte »Wir erzählen jüdische Geschichte von der Emanzipation, der Integration und der jüdischen Mitwirkung an der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte der Region im 19. Jahrhundert. Die Veränderungen, die das religiöse Leben der Juden im Laufe der Zeit erfuhren – die Einführung von Orgel und Predigt –, sind genauso Thema wie die großen Rabbiner, die das Judentum in der Region prägten. Die Zeit von 1933 bis 1945 sei – natürlich – Teil der Ausstellung, aber nicht ihr zentrales Thema.

Die neue Dauerausstellung steht unter dem Titel «Tora und Textilien»: Die Tora für das spirituelle Zentrum des Judentums und Textilien für die Traditionen des Bergischen Landes als eine Wirtschaftsregion, die im 19. Jahrhundert vorrangig von der Textilindustrie geprägt wurde. Die Ausstellung bietet den Besuchern einige Variationen interaktiver Teilhabe: Viele Objekte jüdischen Alltagslebens dürfen und sollen angefasst werden. 15 Hörstationen laden zur Vertiefung des jeweiligen Themas ein.

Bedeutende Zeitgenossen Synagogenbänke sind mit den Namen regional bedeutsamer jüdischer Bürgerinnen und Bürger versehen. Die Pulte können aufgeklappt werden. Darunter finden sich neben den Gebetbüchern der «Pulteinhaber» auch andere Alltagsgegenstände aus dem Nachlass der Personen. Eine große Wandtafel erinnert an die Zeit, als der «Code Napoleon» – das französische Gesetzbuch für das Zivilrecht – in der Bergischen Region Gültigkeit hatte. Ein aktuell noch leeres Buch mit ähnlich vielen Seiten wie das Gesetzbuch wartet darauf, dass Besucher sich – schriftlich – Gedanken darüber machen, welche Gesetze und Regeln sie im 21. Jahrhundert für wesentliche Elemente des Zusammenlebens halten.

Jüdische Unternehmer wie Gustav Coppel und Leonhard Tietz erinnern an den jüdischen Beitrag zur erfolgreichen Indus-
trialisierung der bergischen Region. Über die jüdischen Patrioten, die im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Vaterland fochten, spannt sich der Bogen über den Holocaust bis zum neu erstarkten jüdischen Leben im 21. Jahrhundert.

Lebensgeschichten Kurzbiografien in aufklappbaren Wandkästen porträtieren aktuelle jüdische Bürgerinnen und Bürger im Bergischen Land. Einige der Exponate stammen aus dem eigenen Archiv der Begegnungsstätte, andere sind Leihgaben, wieder andere wurden für die Ausstellung reproduziert. Im Mittelpunkt stehen zwei hölzerne Nachbauten der Synagogen aus Elberfeld und Schwelm. Modelle der Synagogen aus Barmen und Solingen – ebenfalls im Maßstab 1:50 – sollen noch folgen.

Zwei Jahre haben die Vorarbeiten gedauert. Im Frühjahr 2009 formulierte Ulrike Schrader das Konzept, am 10. April dieses Jahres wurde die Dauerausstellung offiziell eröffnet. Wenige Tage später hatten bereits etwa 400 Gäste die Ausstellung besucht. Schon im Vorfeld schien die Ausstellung auf großes Interesse, das auch finanziell unterstützenswert ist, gestoßen zu sein. «Ein Zeichen dafür, dass unsere Konzeption auf breite Zustimmung trifft, ist sicherlich die Tatsache, dass wir in der relativ kurzen Zeit – und mitten in der Finanzkrise – insgesamt 250.000 Euro an Sponsorengeldern einwerben konnten», erzählt Schrader.

Beteiligt haben sich unter anderen Unternehmen, Stiftungen, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadtsparkassen, bilanziert die Leiterin der Begegnungsstätte. Als Mitglied des Trägervereins der Alten Synagoge war die Jüdische Kultusgemeinde in Wuppertal sowohl in der Planungsphase als auch bei der praktischen Umsetzung des Konzeptes ein wichtiger Partner. Als freundschaftlich und vertrauensvoll beschreibt Ulrike Schrader die zweijährige Zusammenarbeit im Dienste eines neuen «musealen Ortes» für jüdische Geschichte und Kultur im Bergischen Land.

www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/wuppertal

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