Berlin

Schicht für Schicht

Seit Mitte 2013 wird die Synagoge in der Pestalozzistraße instand gesetzt – ein Besuch auf der Baustelle

von Christine Schmitt  03.02.2014 19:44 Uhr

Farblich abgestimmt: der Synagogeninnenraum Foto: Grafik: Susan Gülzow

Seit Mitte 2013 wird die Synagoge in der Pestalozzistraße instand gesetzt – ein Besuch auf der Baustelle

von Christine Schmitt  03.02.2014 19:44 Uhr

Konrad Dazer klemmt sich die Lupenbrille vor die Augen, fängt an, mit dem Skalpell zu kratzen und mit chirurgischer Präzision vorsichtig Putzschichten abzutragen. Ein raues Schaben ertönt im ganzen Haus. Manchmal, das weiß der Restaurator, helfen eben nur noch Lupe und Skalpell. Die ersten Rottöne und Teile eines kleinen Ornaments hat Dazer an der Wand der Frauenempore freigelegt. Nun aber macht er eine Pause, um diese Stelle genauer zu betrachten.

Dazer bearbeitet die Wand der Empore in der Synagoge Pestalozzistraße schon seit einiger Zeit. Zuerst hatte er sie mit Kompressen zwei Tage lang befeuchtet, dann mit Hilfe eines Dampfstrahlgerätes den Putz von der Wand geholt. Anschließend beizte er die Stelle ab. Doch nun ist intensive Handarbeit gefragt, denn es ist an dieser Stelle schwer, das ursprüngliche Motiv zu finden und es sichtbar zu machen. Vermutlich verläuft hinter den vielen Putzschichten eine Bordüre mit Ornamenten. Dazer begibt sich auf die Suche.

Die Bänke im Raum der Synagoge sind derzeit abmontiert und eingelagert. Stattdessen steht ein mehrere Meter hohes Baugerüst vor der Bima. Darauf arbeiten Konrad Dazer und seine Kollegin Susan Gülzow seit November daran, die Originalfarben des Gotteshaues zu ermitteln, Ornamente zu finden und freizulegen. »Der Innenraum wurde mehrmals renoviert, wobei der ursprüngliche Farbton des Öfteren übermalt worden ist«, sagt Gülzow.

Styropor 1912 wurde das Gotteshaus, das nach Entwürfen des Architekten Ernst Dorn gebaut wurde, als Privatsynagoge eingeweiht – damals dominierte im Innenraum »ein beiges Rot«, würden die Restauratoren sagen. Seitdem ist der Raum mehrmals gestrichen worden, Styroporplatten wurden an die Wände montiert. Die meisten Beter kennen das Gotteshaus nur in einem weißen bis beigen Farbton. Die letzte Farbfassung stamme aus den 80er-Jahren, vermutet Joachim Jacobs vom Synagogenvorstand. »Wir haben die einmalige Chance, dass die Synagoge in Abstimmung mit den Denkmalbehörden die Fassung von 1912 als die zu restaurierende Gestaltung bestimmt«, sagt Jacobs.

Die Renovierung der Synagoge Pestalozzistraße begann im Juni vergangenen Jahres. Das undichte Dach wurde mit Schiefer gedeckt und der Hauschwamm beseitigt. Schon im April 2013 wurden die Gottesdienste von der Pestalozzistraße in das Gemeindehaus in der Fasanenstraße verlegt, wo sie seitdem stattfinden.

Demnächst beginnt die Trockenlegung der Kelleraußenwände. Auch die sogenannte Rabitzkuppel soll noch saniert werden. Ebenso ist eine Neuverglasung des Gewölbeauges, wahrscheinlich mit Milchglas, geplant. Das Lichtkonzept sei allerdings noch nicht fertig, sagt Jacobs. Fest steht aber, dass der Leuchter, der aus den 50er-Jahren stammt, bleibt – ebenso wie voraussichtlich die gefärbten Fenster.

himmel Susan Gülzow steht ganz oben direkt am Kuppelhimmel. Sie hat so wenig Licht, dass sie den Scheinwerfer anstellt. Und plötzlich werden die Farben Blau, Gelb und Gold sichtbar. »Es gab schon immer das Gerücht, dass über der Bima ursprünglich ein blauer Sternenhimmel gewesen sein soll«, sagt Jacobs. Jetzt ist es offensichtlich. Ein bisschen erinnert dieser gemalte Himmel an die Synagoge Rykestraße.

Zuletzt war der Bereich mit hellen Styroporplatten abgehängt. »Das wird der aufwendigste Arbeitsbereich werden. Für die Rekonstruktion werde ich etwa einen Monat brauchen«, sagt Susan Gülzow. Dazu kommen noch die vergoldeten Löwen. »Wahrscheinlich waren sie beige-rot und der Hintergrund bräunlich-rot«, vermutet die Restauratorin. Über den Löwen hat sie versucht, den übergestrichenen Putz abzulösen. »Für einen Quadratmeter würde ich neun Stunden einplanen.«

An dieser Stelle sei der Aufwand unverhältnismäßig – da werde sie wahrscheinlich empfehlen, die Wand zu übermalen. Einige Meter tiefer, im Chorraum, hat Gülzow gemalte Wandbehänge freigelegt. Leider haben die Handwerker, die dort Elektroleitungen verlegt hatten, deutliche Spuren hinterlassen. »Schade, sie haben nie alte Schächte benutzt, sondern sich neue gebohrt, sodass dort nun Risse sind«, sagt die Restauratorin, steigt von dem Baugerüst herunter und steht vor einem Pfeiler, auf dem kleine Ornamente freigelegt sind. Sie überlegt, welche davon der ersten oder der zweiten Fassung zuzuordnen sind.

Art déco Auf Augenhöhe hat sie die Ornamente unter mehreren Farbschichten gefunden: »Mit der Zeit weiß man, wo man suchen muss.« Über den Farbschichten hat Gülzow den ursprünglichen Putz an die Oberfläche gebracht – eingefärbter Lehm mit etwas Glitzer. Das sei ein schöner Effekt. Wahrscheinlich stamme ein Ornament aus der Zeit des Jugendstils, das andere ist eher dem Art déco zuzurechnen. »Die erste Fassung ist extrem schlecht erhalten«, sagt die Restauratorin.

Sie vermutet, dass die Decken der Synagoge ursprünglich schlicht, die Oberwände mit eingefärbtem Rauputz versehen waren. Die Bögen seien farblich gestaltet und die Emporen marmoriert gewesen. »Zum Glück dauert die Restaurierung noch etwas«, freut sich Gülzow, denn sie sei von der Arbeit begeistert. »Die Maßnahmen, die über die Stiftung Deutsche Klassenlotterie finanziert werden, liegen völlig im Zeitplan«, betont Joachim Jacobs.

Theoretisch könne die Synagoge zu Rosch Haschana wieder eröffnet werden, nur gebe es eben auch etliche Arbeiten, für die die Lottostiftung nicht aufkomme, weshalb um Spenden gebeten werde. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf etwa 1.374.000 Euro, von denen die Stiftung etwas mehr als eine Million finanziert.

Münster

Jüdische Gemeinde wehrt sich gegen israelfeindliche Kundgebung

Gemeindechef Fehr: »Die Antizionisten wollen israelfeindliche Stereotype im öffentlichen Bewusstsein festigen«

 24.07.2020

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020

Nachruf

Zeitzeuge, Wissenschaftler, Gabbai

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader starb im Alter von 91 Jahren in Berlin

von Christine Schmitt  16.06.2020

Hannover

Tausende spenden für Familie

Im Internet wird für Witwe und Kinder von Rabbiner Wolff sel. A. gesammelt – über eine Million Euro sind schon eingegangen

von Michael Thaidigsmann  30.04.2020 Aktualisiert

Jahrestag

In kleinem Rahmen

Zum 75. Jubiläum sollte es große Feiern geben, doch wegen Corona wurde es ein stilles Gedenken

von Eugen El  23.04.2020

Fraenkelufer

Mufleta mit Schwarzwälder Kirsch

Zum Mimounafest treffen sich die Beter virtuell statt in der Synagoge – und backen zusammen

von Ralf Balke  23.04.2020

München

Alle Hände voll zu tun

Steven Guttmann tritt sein Amt als IKG-Geschäftsführer in schwieriger Zeit an. Ein Porträt

von Helmut Reister  23.04.2020