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Schabbat ohne Schalom

Beter in der Synagoge Rykestraße Foto: Marco Limberg

Berlin-Prenzlauer Berg, Synagoge Rykestraße. Ein großgewachsener Mann rückt die Kippa auf dem Hinterkopf zurecht, streicht über seinen marineblauen Pullover und reibt sich genervt die Schläfen, als ich ihn auf die aktuelle Situation in Israel anspreche. »Wenn man sich den ganzen Tag nur mit diesem Konflikt auseinandersetzen würde, kämen wir gar nicht mehr zum Beten«, sagt er und sieht skeptisch von seinem Gebetbuch auf.

rabbiner Der Mann ist einer von etwa 30 Betern, die an diesem Freitagabend, einige Stunden vor Beginn der israelischen Bodenoffensive in Gaza, zum Schabbat-Gottesdienst in das prunkvolle Gotteshaus im Berliner Osten gekommen sind. Zwischen viele ältere Herren mischen sich hippe junge Paare aus dem »Kollwitz-Kiez«. Ein etwa 30-jähriger Mann wiegt sein kleines Kind im Arm hin und her.

Der Rabbiner heute ist Tovia Ben-Chorin, bekannt für seinen Einsatz im israelisch-palästinensischen Dialog und zurzeit engagiert im Projekt »Bet- und Lehrhaus Petriplatz« in Berlin-Mitte. Dort soll ein gemeinsames Gotteshaus für Juden, Christen und Muslime entstehen. Ben-Chorin spricht an diesem Abend über die grundsätzliche Beziehung der Diaspora zum Staat Israel. »Ob wir wollen oder nicht, unser Kompass ist in Richtung Jerusalem.« Die Gräben zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen in Israel seien so tief, dass nur ein Krieg alle Menschen dort eine. Aber: »Eine Gesellschaft, die sich nur an äußeren Bedrohungen festhält, wird zusammenfallen.« Um das zu verhindern, müssten Diasporajuden und Israelis gemeinsam an der Situation im Land arbeiten.

Das brauche vor allem eines: Zeit. »Wie sollten sie die Herausforderungen denn auch innerhalb von nur 60 Jahren lösen?«, fragt der Rabbiner rhetorisch in den Saal. »Schließlich haben wir 2000 Jahre gebraucht, um überhaupt ins Land zurückzukehren!« Konflikte habe es im Heiligen Land schon immer gegeben, auch als Abraham und Isaak dorthin kamen. »Denn das Land war nie leer!« Eines lehre die Tora: »Nur im Land Israel können wir verantwortlich sein für die Sachen, die wir erreichen, und auch für unsere Fehler!«

Die aggressiven anti-israelischen Demonstrationen zeigten allerdings, fährt der Rabbiner fort, dass diese Fehler bei Israel schwerer zu wiegen scheinen als bei anderen Staaten. »Wenn die Juden und Israelis an der Grenze zu Gaza genug von Raketenbeschuss haben, reagiert die Weltöffentlichkeit viel heftiger als bei den blutigen Kriegen im Irak, Syrien und der Ukraine.« Ben-Chorin wird laut und energisch, das Kollwitz-Kind auf Papas Schoß fängt an zu schreien. »Du hast völlig recht«, sagt Ben-Chorin und tätschelt es am Kopf. »Ich hab auch genug davon.« Das Kind beruhigt sich.

beter Daniel wäre jetzt lieber daheim in Israel. »Es tut weh, nicht dort sein zu können, um meiner Verantwortung gerecht zu werden«, sagt der 19-Jährige, der gerade Berlin besucht. Er möchte den Menschen in den Bunkern beistehen, ihnen so bald wie möglich helfen. Er selbst, erzählt er, wohnt in der Nähe der Golanhöhen – zurzeit einer der sichersten Orte in Israel, scherzt er sarkastisch. Daniel glaubt nicht, dass der Krieg lange andauern wird: »In einigen Wochen herrscht dort wieder die übliche Situation«, bis zum nächsten Krieg, von dem er – »leider« – fest ausgeht. Schließlich ist es seit der Operation »Gegossenes Blei« 2009 und den Kämpfen im November 2012 bereits der dritte Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen. »Es wird erst Frieden geben, wenn wir den Palästinensern einen eigenen Staat geben«, ist Daniel überzeugt.

In der ersten Reihe betet ein älterer Herr. Sein Name ist András Varga; er ist in Budapest geboren. Er stützt sich auf seine Gehhilfe, schreitet nach dem Gebet hinaus aus dem Saal – wie jeden Freitagabend seit inzwischen 40 Jahren. Zur Zeit der Wiedervereinigung 1989 war der heute 70-Jährige eines von nur noch rund 200 Mitgliedern der Ostberliner Gemeinde. »Weder die DDR noch die Bundesrepublik hätten den Abschuss auch nur einer einzigen Rakete von der jeweils anderen Seite geduldet«, erinnert sich Varga an den Kalten Krieg. »Dann wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen!«

Besorgt nimmt der Rentner die Anti-Israel-Demonstrationen mit ihren antisemitischen Ausschreitungen wahr. Dass der Judenhass wegen des aktuellen Konflikts zu- genommen hat, glaubt er allerdings nicht: »Der Antisemitismus bleibt gleich. Latenten Antisemitismus wird es immer geben, und damit müssen wir leben lernen.«

diskussion András Varga steht inzwischen neben Tovia Ben-Chorin, der sich mit einigen Menschen vor dem Betsaal über den Gazakonflikt unterhält. »Die meisten Menschen können das israelische Vorgehen nicht verstehen, weil sie nur die Opferzahlen sehen«, sagt der Rabbiner traurig. »Sie übersehen, dass die Hamas Raketen in Moscheen und Krankenhäusern installiert, statt Schutzräume für ihre Menschen zu bauen, wie Israel es tut.«

Eine brünette ältere Dame steht neben dem Rabbiner, lauscht, nickt zustimmend. Aber, fährt Ben-Chorin fort, man dürfe die Situation der Palästinenser in Gaza nicht vergessen. »Die Armut, das Elend, das können Sie sich gar nicht vorstellen«, sagt der Rabbiner. »Gaza ist ein Ghetto, wo die Schrauben immer enger gezogen werden, einmal von den Israelis und von der anderen Seite von den Ägyptern. Diese Leute haben nichts mehr zu verlieren.«

Für Ben-Chorin ist eines klar: »Israel und der Nahe Osten sind uns ein Beispiel dafür, was für Zustände früher in Europa geherrscht haben.« Es gebe nur zwei Möglichkeiten: »Entweder man bekämpft sich gegenseitig weiter oder man arbeitet für Frieden«, schlussfolgert der gebürtige Jerusalemer, der die Kriege von 1956, 1967 und 1973 selbst erlebt hat. »In der jüdischen Tradition heißt es ›oseh schalom‹ – der den Frieden stiftet. An Frieden muss man die ganze Zeit arbeiten.« Das bedeute in der jetzigen Situation, auch den Tag danach nicht zu vergessen: »Was machen wir nach dem Krieg mit den Leuten in Gaza?« Vertrauen sei notwendig, und »das ist auf beiden Seiten nicht da. Und da erwarte ich mehr von uns – weil wir in unserer langen Geschichte damit mehr Erfahrung haben.«

Ein Polizist kommt und bittet alle Besucher, die Synagoge zu verlassen, damit er abschließen kann. »Frieden muss kommen – allein schon, weil dauerhafter Krieg einen wirtschaftlichen Ruin für Israel bedeuten würde«, sagt András Varga im Hinausgehen. Wir laufen aus dem Backsteingebäude, durch die zwei breiten Tordurchfahrten am Eingang hinaus. »Nimm die Kippa ab in Deutschland!«, sagt Varga zum Abschied und geht.

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