Stuttgart

Rundum solidarisch

Es ist in der Geschichte der jüdischen Gemeinden in Deutschland schon etwas ganz Besonderes, dass der Sofer im Sitzungssaal des Rathauses eine neue Torarolle vollendet. Nicht in der Synagoge, sondern an einem ganz und gar weltlichen Ort schreibt er die letzten Buchstaben, vor Juden und Nichtjuden.

Und hier im Rathaus nimmt auch der Umzug der fünf Bücher Mose seinen Ausgang, um schließlich feierlich in der Synagoge zu enden. So geschehen in Stuttgart, wo die neue Torarolle für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) zu einem starken Zeichen der Verbundenheit mit der Stadtgesellschaft wird.

zeremonie »Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und froh, Bürger dieser Stadt zu sein«, betont Michael Kashi vom Vorstand der IRGW bei der Zeremonie im Rathaus. Eindrucksvoller und überzeugender als durch diesen Schauplatz kann die selbstverständliche Präsenz der jüdischen Gemeinde in Stuttgart kaum belegt werden. Denn bei ihrem Wunsch nach einer neuen Torarolle hat die Gemeinde die volle Unterstützung und rückhaltlose Solidarität im Rathaus erfahren.

Als zu Beginn des Jahres über die Anschaffung einer neuen Sefer Tora und über eine Spendenaktion zu ihrer Finanzierung nachgedacht wurde, war Bürgermeister Martin Schairer sofort bereit, die Schirmherrschaft zu übernehmen. Schairer, zuständig für das Ressort Sicherheit und Ordnung, hatte sieben Jahre lang den evangelischen Vorsitz in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) inne, ehe ihn im Frühjahr die Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer ablöste.

»Ich konnte die Frage kaum vollenden, da hat er schon ›ja‹ gesagt: Es sei ihm eine große Ehre«, schildert Kashi dem großen Publikum das Gespräch mit dem Bürgermeister. Nun sei er beglückt und überwältigt von der positiven Reaktion der Stadtgesellschaft.

rekordzeit In Rekordzeit wurden die benötigten 40.000 Euro für die Anschaffung der Torarolle gespendet. Mittlerweile sei die Summe auf 50.000 Euro angewachsen. Mit dem zusätzlich aufgebrachten Geld können auch noch die Torakrone und zwei Mäntel bezahlt werden. Gespendet haben die evangelische und katholische Kirche in Stuttgart ebenso wie die muslimische Gemeinschaft, Geld gaben die Berthold Leibinger Stiftung und Vereine, aber auch viele Bürger: »Jede einzelne Spende zählt gleich viel«, versichert Kashi.

So kommt es, dass der Sofer Rabbiner Betzalel Yakont aus Kfar Chabad nahe Tel Aviv die letzten der insgesamt 304.805 Buchstaben im großen Sitzungssaal des Rathauses schreibt – mit einem Federkiel per Hand auf Pergament, wie bereits seit Tausenden von Jahren üblich. Mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit, denn ist nur ein Buchstabe falsch oder unleserlich, ist die Torarolle nicht koscher und kann nicht verwendet werden.

»Diese heilige Handlung bringt uns der jüdischen Gemeinde näher«, konstatiert Schairer, der mit der symbolischen Geste, den Arm des Sofers zu berühren, am Schreiben der letzten Buchstaben teilhaben darf. Mit der Mitwirkung an der Vollendung der Tora werden auch Michael Kashi, IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub, der neue Rabbiner Yehuda Pushkin, Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, oder Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, in Vertretung des erkrankten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, geehrt.

pogromnacht Gespannt, mit großem Interesse und spürbarer Empathie verfolgt das Publikum diese Zeremonie. Und erfährt Essenzielles: »Die Tora mit dem Wort des Ewigen ist ein Baum des Lebens und die wichtigste Begleiterin für das Volk Israel«, erklärt Kashi. Je mehr Torarollen eine Gemeinde habe, desto angesehener sei sie. Der Verlust der Torarollen bei der Zerstörung der Synagogen in der Pogromnacht im November 1938 sei eine Katastrophe gewesen. »Möge die Vollendung dieser Torarolle ein weithin sichtbares Zeichen des Friedens und der Verbundenheit bleiben.«

»Wer Torarollen in die Synagoge bringt, will bleiben«, greift Abraham Lehrer den Gedanken auf. »Aber jetzt fällt diese Zuversicht schwer«, macht er kein Hehl aus seiner Sorge über den zunehmenden Antisemitismus und erschreckende Vorfälle in Chemnitz, Dortmund und Berlin.

»Wir brauchen mehr Zeichen wie dieses in Stuttgart«, fordert Lehrer und vergleicht die hier geübte Solidarität mit einer vorbildlichen Geste des im vergangenen Jahr verstorbenen Kardinal Joachim Meisner in Köln: Der habe die Restaurierung einer aus dem Feuer der Pogromnacht geretteten Torarolle bezahlt, die damit wieder koscher und für den Gottesdienst zu verwenden war.

Freudentag »Dies ist ein Tag der Freude«, preist Michael Kashi vom Vorstand der IRGW den 17. Tischri 5779. Genau diesen Tag, an dem der letzte Abschnitt des fünften Buches Mose, aber auch der Abschnitt über die Erschaffung der Welt aus dem ersten Buch Mose gelesen wird, hatte sich Kashi für die Einbringung der neuen Torarolle gewünscht – rechtzeitig vor Simchat Tora, dem Fest der Torafreude. Dass der Wunsch in Erfüllung gegangen ist, ermöglichte nicht nur der rechtzeitige und üppige Eingang der Spenden.

Es musste, wie Rabbiner Pushkin verrät, auch ein religiöses Problem gelöst werden, weil man noch Sukkot feiere und eigentlich nicht geschrieben werden dürfe. Es wurde gelöst und die Torarolle, die Quelle der Gebote, vollendet, ehe sie, begleitet von einer langen Prozession, unter der Chuppa in die Synagoge eingebracht wurde. Dort endete der Tag der Freude mit einem Fest unter dem Dach der Laubhütte.

Boris Schulman

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