Frankfurt

Rami Kleinstein rockt das Westend

Begeisterte Gäste beim Abschlusskonzert der Jüdischen Kulturwochen Foto: Rafael Herlich

Irgendwann hält es auch den grauhaarigen Herrn in der feinen Anzugsjacke nicht mehr auf seinem Platz. Er springt auf, lockert die Krawatte und arbeitet sich energisch durch die Sitzreihe vor zum Gang. Im Licht der durch den Saal schwenkenden Scheinwerfer beginnt er, ausgelassen zu tanzen. Er reckt die Arme in die Höhe, schwingt sie rhythmisch zum Takt der Musik und wippt mit den Hüften so locker wie ein Teenager. Seine Konzertbegleiter, alle ebenfalls mindestens um die 70 oder älter, feixen erst, dann erheben auch sie sich und machen mit.

Da stehen drei Viertel der Besucher bereits auf den Sitzen der ordentlich aufgestellten Stuhlreihen oder daneben, in den Gängen oder vor der Bühne. Sie singen, klatschen, halten Handys in die Höhe und applaudieren dem Mann auf der Bühne, der mit Klavier und Band, mit sanften Balladen und lauten, rockigen Stücken Alte wie Junge an diesem Abend in seinen Bann gezogen hat. Rami Kleinstein, Pop‐ und Rockstar aus Israel, entfesselt fast 90 Minuten lang das Publikum in Frankfurt.

Wer das gediegene Ignatz‐Bubis‐Gemeindezentrum im noblen Westend der Bankenstadt nur im Normalbetrieb kennt, reibt sich bei diesem Abschlusskonzert der Jüdischen Kulturwochen verwundert die Augen. Eine solch ausgelassene Stimmung unter knapp 600 Besuchern ganz unterschiedlichen Alters in einem einfachen Gemeindesaal zu entfachen, das ist sicherlich hohe Entertainer‐Kunst – aber auch einem besonderen Publikum geschuldet.

Élite Rami Kleinstein ist Profi, mehrfach wurden seine Alben mit Platin ausgezeichnet. In New York geboren, in Israel aufgewachsen, zählt er zu der Musiker‐Élite des Landes. Doris Adler, die Organisatorin der Jüdischen Kulturwochen in Frankfurt, kündigt ihn an diesem Abend als einen Superstar mit Kultstatus an, vergleicht ihn mit Elton John oder Billy Joel. Kleinstein, Sohn einer 1935 in Berlin geborenen Mutter, ist polyglott, aber am Ende des Konzerts weiß auch er nicht, in welcher Sprache er sich zuerst bei einem Publikum bedanken soll, das ihn derart gefeiert hat. »Ihr seid wunderbar«, sagt er auf Deutsch, bedankt sich dann aber auf Hebräisch und Englisch.

Leonie Spiegel und Diana Walzer sind entzückt. Die beiden Frauen sind das erste Mal zu Gast bei den Jüdischen Kulturwochen und nur wegen Rami Kleinstein ins Gemeindezentrum gekommen. »Ich habe ihn einmal in Israel gesehen und finde ihn und seine Musik toll«, sagt die 41‐jährige Leonie.

Die Jüdischen Kulturwochen werden seit 1982 in Frankfurt angeboten, zunächst sporadisch und in kleinerem Umfang, seit vier Jahren jedoch alljährlich und mit aufwendigem Programm. Die Jüdische Gemeinde und das Kulturamt der Stadt Frankfurt treten als Veranstalter auf. Ziel ist, sagt Doris Adler, jüdisches Leben zu präsentieren: »Wir wollen ein lebendiges Judentum zeigen mit Musik und Kultur.«

Vielfalt Die Organisation der Veranstaltungen ist eine »One Woman Show« – Doris Adler organisiert alles, von der Getränkebar über den Ticketverkauf bis zur Künstlerauswahl. »In diesem Jahr war das Programm besonders breit gefächert«, erzählt sie. Sie hat die Schauspielerin Marianne Sägebrecht zu einer Lesung mit Texten von Hilde Domin ins Gemeindezentrum geholt, und Kantor Tsudik Greenwald in die Westend‐Synagoge. Die Autorin Eva Weaver wurde verpflichtet, erstmals ein Kochkurs für jüdische Küche initiiert, Führungen über den jüdischen Friedhof angeboten, ebenso wie die Ballett‐Uraufführung »Lomir Tanzn« der B&M Dance Company München oder der jiddische Sketch‐Abend von »Glatt Jiddisch«.

Zentralratspräsident Dieter Graumann lobte das vielfältigen Angebot. »Wir laden Sie ein, die Fülle der jüdischen Kultur und des jüdischen Lebens kennenzulernen«, erklärte er in seinem Eröffnungsbeitrag und zitierte Martin Buber, dass alles wirkliche Leben Begegnung ist.

Entsprechend ehrgeizig zeigte sich auch Doris Adler, um Spitzenkünstler nach Frankfurt zu holen. »Auch wenn wir ein knapperes Budget haben«, sagt sie. Der Etat liegt bei 30.000 Euro. Zum Vergleich: Die Berliner Kulturtage kosten fast 300.000 Euro. »Doch die Resonanz war in diesem Jahr besonders groß«, freut sie sich. Rund 6000 Besucher kamen zu den insgesamt 13 Veranstaltungen.

Programm Sehr gefragt waren neben Rami Kleinstein auch das Konzert in der Synagoge oder die Führungen über die Friedhöfe: »Da hätten wir gleich zwei oder drei Termine anbieten können«, erzählt die Gemeindemitarbeiterin, die nach ihrer Pensionierung den Kulturtagen treu geblieben ist. »Das sind Gelegenheiten für Nicht‐Gemeindemitglieder, Orte zu besuchen, »an die sie sich sonst vielleicht nicht wagen«, sagt sie.

Esther Rozenberg hat gleich vier Veranstaltungen wahrgenommen – »in einer Woche«, betont die elegante, weißhaarige Dame, die seit 41 Jahren Mitglied der Gemeinde ist und kaum eine Kulturwoche in der Vergangenheit ausgelassen hat. Mit vier Freundinnen war sie zu Gast bei Filmabenden, Lesungen und Theatervorstellungen. »Eine tolle Gelegenheit«, schwärmt die 67‐Jährige, die früher Krankenschwester in Tel Aviv war. Bei Rami Kleinstein sitzt sie ganz vorn. »Ich habe ihn noch nie live erlebt«, erzählt sie. Das will sie sich nicht entgehen lassen. Auch Esther Ellrodt‐Freiman hat Kleinstein bisher nur auf CD gehört. Sie ist mit ihrem Mann gekommen, war beim Synagogen‐Konzert und dem Tanz‐ und Theaterabend dabei. Der Jiddisch‐Abend hat ihr besonders gut gefallen. »Das war so authentisch. Fast alle Besucher sprachen Jiddisch. Das war wie ein Familientreffen«, freut sie sich.

Roland Becker ist das erste Mal bei den Kulturwochen. Er ist seiner Frau zuliebe mitgekommen, kennt weder Kleinstein, noch spricht er Hebräisch. Nach eineinhalb Stunden Konzert ist auch er begeistert von der Musik und der Stimmung – »selbst wenn ich die Liedtexte nicht verstanden habe«.

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