Köln

Radrennen aus Respekt

Albert »Teddy« Richter mit einem Betreuer um 1932 Foto: Ullstein

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Radrennen aus Respekt

Weltmeister Albert »Teddy« Richter hielt bis zu seinem mysteriösen Tod 1940 zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner

von Roland Kaufhold  09.10.2017 11:54 Uhr

Albert »Teddy« Richter war bereits zu Lebzeiten als Radrennfahrer eine Legende: Der 1912 im Arbeiterviertel Köln-Ehrenfeld Geborene wurde siebenmal deutscher Meister. Seinen Erfolg verdankte er nur einem: seinem ebenfalls in Köln aufgewachsenen jüdischen Trainer Ernst Berliner.

Richter, Sohn eines Kölner Gipsmodelleurs, gilt früh als Talent. Mit 16 bestreitet er sein erstes Rennen. Drei Jahre später ist Teddy der beste rheinische Radsprinter. 1932 gewinnt er den Grand Prix de Paris. Ernst Berliner erkennt Teddys Ausnahmetalent und wird sein Trainer. Der 1881 in der Kölner Alexianerstraße geborene Berliner wächst in einem jüdischen Umfeld auf. 1912 gewinnt der Radsportbegeisterte die Kölner Stadtmeisterschaft. Danach wird Ernst Berliner Journalist und Manager von Radsportlern.

Vater-Sohn-Beziehung Zwischen Ernst Berliner und dem 31 Jahre jüngeren Teddy entsteht eine enge Vater-Sohn-Beziehung. Berliner bringt den Arbeiterjungen dazu, für einige Monate in die Radrennmetropole Paris zu gehen. Unter Berliner gelingt Teddy der Durchbruch: 1933 erringt er seinen ersten Deutschen Meistersprint, sechs weitere Titel folgen. In Frankreich gewinnt er 1934 und 1938 den Grand Prix de Paris.

Die zunehmende Bedrohung seines jüdischen Trainers nimmt Teddy wahr. Seine Loyalität bleibt unerschütterlich. Berliner fördert Teddy mit einer Mischung aus Disziplin, Strenge und familiärer Verbundenheit. Berliners Tochter Doris sagte einmal der Biografin Renate Franz: »Albert war der Sohn, den mein Vater nie hatte.«

Der international renommierte Teddy sagt öffentlich, dass die Nationalsozialisten für Juden eine Gefahr darstellen. 1934 verweigert Teddy bei der Siegerehrung in Hannover den Hitlergruß. Bei Auftritten im Ausland weigert er sich, ein Trikot mit dem Hakenkreuz zu tragen.

Berufsverbot Ab 1937 darf Ernst Berliner als Jude seinen Trainerberuf nicht mehr ausüben. Er emigriert in die Niederlande. Daraufhin prangt an Kölner Hauswänden ein Plakat: »Der Jüd ist entflohen«. Als 1940 auch in den Niederlanden die Deportationen der Juden beginnen, findet Berliner Unterschlupf bei einer Amsterdamer Familie.

Auch nach Berliners Emigration bleibt Teddy seinem jüdischen Trainer treu. 1939 wird die Situation für den 26-Jährigen jedoch ausweglos. Am 1. September 1939 schreibt er: »Ich bin ein Deutscher, aber für Deutschland kann ich nicht kämpfen, wenn es sich gegen Frankreich wendet.« Am 9. Dezember 1939 gewinnt er den Großen Preis von Berlin.

Flucht
Nun plant Teddy seine Flucht in die Schweiz. Bekannte eines jüdischen Freundes vertrauen ihm 12.700 Reichsmark an. Am 31. Dezember bricht er mit dem Zug Richtung Schweiz auf, das Geld hat er in die Reifen seines Rennrads eingenäht. An der Grenze wird er gezielt kontrolliert, man entdeckt das Geld. Teddy Richter wird verhaftet und kommt in ein Grenzgefängnis. Vier Tage später stirbt er unter »mysteriösen Umständen«. Es gilt als gesichert, dass er gefoltert und ermordet wurde.

Am 10. Januar 1940 wird Albert »Teddy« Richter auf dem Köln-Ehrenfelder Friedhof bestattet. Obwohl sein Tod nicht öffentlich bekanntgegeben werden darf, versammeln sich 200 Trauernde. Ernst Berliner erfährt in den Niederlanden vom Tod seines Freundes. Zwei Jahre später wird Berliners Mutter Eva 1942 nach Theresienstadt und von dort aus nach Minsk verschleppt, zahlreiche weitere Verwandte werden ermordet. 1947 emigriert er mit seiner Tochter in die USA. Vergangene Woche fand Richter zu Ehren in Köln ein Radrennen statt. Es startete in der Ehrenfelder Sömmeringstraße 72 – vor Teddy Richters früherem Wohnhaus.

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