Chemnitz

Rabbi für alle Beter

Seit einem Jahr amtiert Jakov Pertsovsky in Chemnitz, am Sonntag wurde er offiziell eingeführt. Foto: André Koch

Die Jüdische Gemeinde Chemnitz hat erstmals wieder einen eigenen Rabbiner – nach 77 Jahren. Der 28-jährige Jakov Pertsovsky arbeitet hier bereits seit einem Jahr, nun wurde er ganz offiziell in sein Amt eingeführt. Jüdische Gäste und Repräsentanten aus ganz Deutschland, Bundes- und Kommunalpolitiker sowie christliche und muslimische Repräsentanten waren am vergangenen Sonntag ins Chemnitzer Gemeindezentrum gekommen, um gemeinsam das Ereignis zu feiern.

Mit Pertsovskys Amtseinführung haben nun alle sächsischen Gemeinden ausschließlich für sie zuständige Rabbiner. Der in Kiew geborene und mit elf Jahren nach Deutschland eingewanderte junge Mann versteht sich selbst als orthodox, das Hauptstudium absolvierte er am Rabbinerseminar zu Berlin.

»Heute ist ein ganz besonderer Tag für die Chemnitzer Gemeinde, aber auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland«, betonte Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. »Denn jede neue Ordination von hier ausgebildeten Rabbinern – die es nun fast jährlich gibt – ist ein sichtbares Zeichen für das gewachsene jüdische Leben in Deutschland.«

Lehrer verwies auf Pertsovskys solide Ausbildung am Berliner Rabbinerseminar, an der Jerusalemer Talmudschule Kol Tora und an der Fachhochschule in Erfurt – beste Voraussetzungen, um die Gemeinde in unterschiedlichsten Lebenssituationen und -verfassungen zu erreichen. Dem frisch gebackenen Rabbiner und seiner Frau Rachel – seit Mai dieses Jahres glückliche Eltern eines Sohnes Ariel Schmuel – wünschte er eine erfolgreiche Arbeit in der sächsischen Großstadt.

geschichte Ruth Röcher, Vorsitzende der Chemnitzer Gemeinde, lieferte einen kurzen historischen Rückblick: Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hatte die Gemeinde ihre große Blütezeit, bevor sie dann während der Nazizeit fast vollständig ausgelöscht wurde. In der Pogromnacht 1938 brannte die große liberale Synagoge am Stephanplatz nieder, kurz darauf emigrierte der letzte noch amtierende Rabbiner Hugo Chanoch Fuchs nach Argentinien.

Fuchs war 31 Jahre lang Gemeinderabbiner in Chemnitz gewesen. Kurz nach Kriegsende 1945 gründeten einige wenige Schoa-Überlebende die Gemeinde neu, doch in der DDR führte sie ein zurückgezogenes, fast schattenhaftes Dasein. Gottesdienste mussten fast immer ohne Rabbiner und Kantor stattfinden, und die Mitgliederzahl nahm infolge Überalterung stetig ab. 1989, im Jahr des politischen Umbruchs, zählte die Gemeinde noch ganze zwölf Mitglieder.

zuwachs
Einem Wunder gleich konnte die Gemeinde durch den 1990 beginnenden Zuzug von Juden aus der früheren Sowjetunion doch noch demografisch überleben. Mehr noch: Innerhalb von nur wenigen Jahren wuchs ihre Mitgliederzahl auf über 600 an. Seit Mai 2002 gibt es in Chemnitz eine moderne Synagoge mit Gemeindezentrum, wo viele Vereine und Projekte ihr Zuhause gefunden haben, darunter das Jugendzentrum Hitkadmut (Fortschritt), die Vereinigung Bikur Cholim, der Frauenverein, Makkabi-Sportklub und diverse Künstlerzirkel.

Das Kernstück des Gemeindelebens bleibe aber die Religion, sagte Ruth Röcher, die selbst seit vielen Jahren Religionsunterricht in allen sächsischen Gemeinden erteilt. Einige ihrer früheren Schüler sind inzwischen Rabbiner geworden.

Die Chemnitzer Gemeinde nahm Jakov Pertsovsky sehr herzlich auf. Gleichwohl bedeutet sein Amtsantritt aus theologischer Perspektive Veränderungen, die nicht jedem Mitglied vor Ort behagen. Denn war die Gemeinde seit ihren frühen Jahren eher liberal ausgerichtet, hat sie nach den Worten ihrer Vorsitzenden nun »einen Wechsel in der religiösen Orientierung« vollzogen.

»Das fiel uns nicht leicht, spiegelt aber letztendlich den Wunsch der Mehrheit der Gemeindemitglieder«, konstatierte Röcher. Gleichwohl werde aber das Prinzip der Einheitsgemeinde gewahrt. »Bei uns ist Raum für alle möglichen Strömungen«, pflichtete Jakov Pertsovsky bei, »auch anders orientierte Juden sind willkommen.«

gemeinschaft Aktuelle Säkularisierungstendenzen in der Gesellschaft machen dem jungen Rabbiner offenbar wenig Angst. »Ich konzentriere mich auf das, was in überschaubaren Zeiträumen für die jüdische Gemeinschaft geleistet werden kann, und meine Kollegen tun das Gleiche«, sagte er bei der Amtseinführung. »Sehr wichtig ist es natürlich, die Jugend zu erreichen, denn das ist unsere Zukunft«, betonte er.

Von der Gemeinde wünscht sich Pertsovsky Offenheit, Lernbereitschaft und den unbedingten Willen zur Gemeinschaft. Als besonders bedeutsame Mentoren auf seinem bisherigen Weg nannte Jakov Pertsovsky Münchens Rabbiner Steven E. Langnas und Meir Roberg, den in Würzburg geborenen Holocaust-Überlebenden und heutigen »Menahel Ruchani«, geistiges Oberhaupt sämtlicher Projekte der Ronald S. Lauder Foundation in Deutschland. Beide Männer hatten sich ebenfalls auf den Weg nach Chemnitz gemacht, erteilten dem jungen Kollegen ihren Segen und verwiesen auf seine intellektuellen und sozialen Fähigkeiten.

Viel Freude stand am Sonntag auch dem Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Sachsen, Heinz-Joachim Aris, im Gesicht. »Unsere Gemeinden entwickeln sich unterschiedlich«, bekannte Aris, »auch und gerade in der religiösen Ausrichtung. Aber sie bilden doch so etwas wie eine Familie – Jakov Pertsovsky ist da ein großer Hinzugewinn, und die Leipziger, Dresdner und Chemnitzer werden nun wohl noch enger zusammenrücken.«

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