Freiburg

Quelle des Streits

Ein Mädchen stapft mit platschenden Schritten durch das Wasser, auch ihr Vater tritt extra so auf, dass das Wasser in die Höhe spritzt. Ein Mann wartet auf seinen Hund, der gerade aus dem Brunnen trinkt, und eine Frau erfrischt sich im Wasser. Viele Besucher steigen an jenem Sommertag in den Brunnen, obwohl es nur wenige Meter weit entfernt andere Abkühlungsmöglichkeiten gibt, die genau dafür gedacht sind und keinerlei historische Verknüpfungen haben.

Nur wenige Menschen lesen die Texte auf den vier Info-Tafeln, mit denen die Stadt Freiburg seit Herbst 2017 über die Zusammenhänge informiert und um respektvolles Verhalten und das Nichtbetreten des Brunnens bittet. Das stößt allerdings nicht überall auf Verständnis. Ein älterer Mann, der mit seinem kleinen Hund vorbeikommt, betritt das Wasser zwar nicht selbst, setzt aber das Tier hinein, beginnt, den Hund abzuspritzen, bis sein Fell trieft. Muss das sein? »Es ist nicht verboten, darum sehe ich nicht ein, dass es verkehrt sein soll«, sagt der Mann.

Was denkt er über die Bedeutung des Brunnens? »Es mag sein, dass die Zerstörung der Synagoge damals verkehrt war, aber auf ewige Zeiten dessen zu gedenken, das ist nicht meine Sache«, sagt er. »Und überhaupt«, fährt er dann ohne Zusammenhang fort, »was die Israelis tun, finde ich nicht richtig. Die knallen Familien ab.« Wer nicht wolle, dass im Brunnen gebadet werde, solle »Leute hinstellen, die alle Badenden erschießen«.

SITUATION Wegen solcher antisemitischen Äußerungen hat Irina Katz inzwischen aufgehört, Menschen am Brunnen auf deren Verhalten anzusprechen. Die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde beobachtet die Situation aber weiterhin genau. Nach wie vor sieht sie, wie manche mit Badetüchern und Wasserbällen ankommen, Bierflaschen zum Kühlen ins Wasser stellen oder Fahrräder reinigen.

Ab und zu feiern junge Leute grölend Junggesellenabschiede im Brunnen. Früher, als sie Menschen noch auf das unpassende Verhalten ansprach, sei Katz regelmäßig mit der israelischen Politik konfrontiert worden, erzählt sie – obwohl sie selbst in ihrem Leben nur ein einziges Mal als Touristin in Israel war.

Nicht die badenden Kinder sind das Problem, sondern die Erwachsenen und deren Ignoranz, die für die Kinder als Beispiel dient.

In der öffentlichen Diskussion, unter anderem in den Leserbriefen und Onlinekommentaren der »Badischen Zeitung«, haben sich in den vergangenen zwei Jahren viele Menschen empört, nun solle »unschuldigen Kindern« das Baden verboten werden. Dabei betonen sowohl Irina Katz als auch die Mitglieder der liberalen jüdischen Gemeinde Chawura Gescher immer wieder, dass nicht die Kinder das Problem sind, »sondern die Erwachsenen drum herum und deren Ignoranz, die für die Kinder als Beispiel dient«, sagen Cornelia Haberlandt-Krüger und Sylvia Schliebe von Chawura Gescher.

Die Synagoge, die bis zur Zerstörung 1938 an dieser Stelle stand, wurde damals mehrheitlich von den Mitgliedern der zu der Zeit größeren liberalen Gemeinde genutzt. Inzwischen gehört die Mehrheit der Freiburger Juden zur orthodox geprägten Einheitsgemeinde in der neuen Synagoge, die liberale Gemeinde hat bisher keine Räume.

STADT Bei den Überlegungen, wie der Missbrauch des Brunnens gestoppt werden kann, hat die Stadtverwaltung beide Gemeinden und einen Vertreter der jüdischen Nachfahren einbezogen. Seit 2017 fanden 17 Treffen mit Moderation statt, inzwischen wurden Kompromisse für die weiteren Pläne gefunden. Davor war vieles schiefgelaufen – als beispielsweise während der Bauarbeiten Steine der alten Synagoge auftauchten und die Gemeinden nicht das Gefühl hatten, ihre Meinung dazu sei gefragt.

Das habe sich geändert, sagt Cornelia Haberlandt-Krüger: »Wir sind in gutem Dialog und sehen die Fortschritte und das Bemühen.« Anstrengend ist es dennoch für alle Beteiligten, auch wegen unterschiedlicher Positionen der beiden jüdischen Gemeinden. Zum Beispiel hatte sich die liberale Gemeinde gewünscht, dass das nun geplante sogenannte Zonierungsband rund um den Brunnen mit dem Jesaja-Zitat »Denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden« beschriftet werden soll.

Anstrengend ist es dennoch für alle Beteiligten, auch wegen unterschiedlicher Positionen der beiden jüdischen Gemeinden.

Die Stadtverwaltung hatte das unterstützt, die Israelitische Gemeinde aber war dagegen. Nun wird das Zitat stattdessen auf dem Sockel eines Modells der früheren Synagoge, das ebenfalls zu den Neuerungen gehören soll, angebracht. Das Zonierungsband wird mit dem hebräischen Wort »Zachor« – »Erinnere dich« – in acht Sprachen beschriftet. Außerdem sind eine digitale Informationsstele und mehrere Piktogramme vorgesehen.

Unzufrieden sind beide Gemeinden, weil bisher keine Nennung der Namen aller jüdischen Deportierten und Ermordeten vorgesehen ist, abgesehen von einem der Texte, die an der digitalen Informationsstele abrufbar sein sollen. Diesen Wunsch haben die Gemeinden nach wie vor, aber im Unterschied zur Israelitischen Gemeinde, die sich Stolpersteine vorstellen kann, will die liberale Gemeinde nicht, dass die Namen irgendwo am Boden auftauchen.

Die Stadtverwaltung ist bisher gegen Namen und argumentiert, damit würde aus dem Platz ein Gedenkort. Das sei nie so geplant gewesen, und der ursprüngliche Wettbewerbsauftrag zur Platzgestaltung könne nachträglich auch nicht einfach abgeändert werden, sagt die städtische Pressesprecherin Bettina Birk.

Wenn es keine Lösung gibt, »stehen wir wie die Spielverderber da, und es gibt noch mehr Ressentiments gegen uns«, befürchtet Irina Katz.

Der Platz solle ein Erinnerungsort sein, an dem »temporäres Gedenken« möglich sei, zum Beispiel bei Erinnerungsveranstaltungen zur Pogromnacht. Unabhängig davon, ob sich für die Namen noch eine Lösung findet: Niemand weiß, ob die nun geplanten Maßnahmen spürbare Verbesserungen bringen werden.

Und wenn nicht? »Dann stehen wir wie die Spielverderber da, und es gibt noch mehr Ressentiments gegen uns«, befürchtet Irina Katz. Die seien bereits jetzt vernehmbar, unter anderem im Zusammenhang mit den Kosten, die ursprünglich bei 700.000 Euro lagen, wahrscheinlich aber geringer werden. Immer wieder gebe es Vorschläge, das Wasser solle abgelassen und der Brunnen bepflanzt werden, erzählt Irina Katz. Da­ran aber ist bisher nicht zu denken.

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