Dresden

Quadratisch, praktisch, voll

Die Herbstsonne hatte sich eine besondere Begrüßung für die Gäste ausgedacht, die am Sonntagnachmittag nach Dresden gekommen waren, um das zehnjährige Bestehen der Neuen Synagoge zu feiern: Sie strahlte auf den Magen David, der 1938 aus der zerstörten Semper-Synagoge gerettet worden war, sodass sich ein filigraner Schatten des Sterns auf dem goldglänzenden Vorhang im Inneren der Synagoge abzeichnete. Kein Redner hätte es schöner ausdrücken können: Der Schatten der Vergangenheit ist zwar gegenwärtig, aber das Licht überwiegt.

»Das Verlorene ist unwiederbringlich verloren. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sich das Neue entfalten kann. Dafür ist diese Synagoge ein Symbol«, sagte Matthias Rößler, Präsident des Sächsischen Landtags, vor den geladenen Gästen, darunter die Vertreter der Religionsgemeinschaften und der Fraktionen des Stadtrats, Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl und Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Graumann rief seine Glaubensgenossen dazu auf, »die Zukunft mit Herz und Leidenschaft zu gestalten«.

Pionier Vor zehn Jahren, am 9. November 2001, wurde die Neue Synagoge bewusst am Jahrestag ihrer Zerstörung 63 Jahre zuvor eröffnet. Sie war das erste jüdische Gotteshaus, das nach der Wiedervereinigung im Osten Deutschlands errichtet wurde. Und ihre markante Architektur sorgt bis heute für Diskussionsstoff.

Für diesen – auch optischen – Neuanfang an historischem Ort gab es keine Alternative, sind sich Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, und der Architekt der Synagoge, Professor Wolfgang Lorch, einig. »Eine Rekonstruktion der Semper-Synagoge wäre mehr als fragwürdig gewesen. Es durfte kein nahtloses Anknüpfen an die Vergangenheit geben«, so der Architekt.

Selbstbewusstsein Die neue Synagoge sollte kein Mahnmal werden, sondern ein »Zeichen des Neuanfangs und Selbstbewusstseins der wachsenden Gemeinde«. Zwar erinnert der Vorhang im Inneren des Gotteshauses an das Stiftszelt, doch die Neue Synagoge stellt mitnichten ein Provisorium dar. Sie ist ein Zuhause für die Jüdische Gemeinde Dresdens, die in rund 20 Jahren durch Zuwanderung von 61 auf heute mehr als 700 Mitglieder anwuchs.

Aber die Synagoge ist nicht nur für die jüdische Gemeinde da. Eine viertel Million Dresdner und Gäste besuchten das Gotteshaus im Stadtzentrum seit seiner Eröffnung. Die Türen der Synagoge stehen offen für Führungen, Konzerte und öffentliche Gottesdienste. Der Spruch über der Eingangspforte »Mein Haus sei ein Haus der Andacht allen Völkern« ist für die Dresdner Gemeinde Programm und Verpflichtung.

Öffentlichkeit »Wir haben vor zehn Jahren viel öffentliche Unterstützung erhalten, auch von privaten Spendern. Damit war klar: Die Synagoge im Herzen Dresdens muss ein Ort für die Öffentlichkeit sein«, sagte Goldenbogen. Landtagspräsident Rößler bezeichnete die jüdische Gemeinde als eine der Säulen des religiösen und kulturellen Lebens Dresdens.

Notgedrungen muss sich die Gemeinde aber auch politisch immer wieder Gehör verschaffen, darauf wies Nora Goldenbogen hin: »Angesichts des Rechtsextremismus in unserer Stadt und in Deutschland sind wir als Gemeinde aus der Geschichte heraus verpflichtet, uns einzumischen. Auch wenn das nicht immer gerne gehört wird.«

Denn in genau drei Monaten ist es wieder so weit: Immer am 13. Februar zieht der Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg Rechtsextreme aus dem In- und Ausland in die Elbestadt, ein Zustand, der nicht nur für die jüdische Gemeinde unerträglich ist.

Gegenwehr Besonders betroffen äußerten sich Gemeindevertreter und Gäste über die aktuelle Aufdeckung rechten Terrors in Deutschland: »Da läuft 13 Jahre lang ein faschistisches Killerkommando durch Deutschland. Wie ist das möglich?«, fragte Zentralratspräsident Graumann und forderte Konsequenzen: »Es ist an der Zeit, das rechtsextreme Flaggschiff in Deutschland, die NPD, juristisch und politisch zu versenken.«

Graumann erinnerte aber auch daran, dass Juden in Deutschland noch nie so frei leben konnten wie heute. »Ich hoffe, in 100 Jahren sagt jemand: Mit dem Bau dieser Synagoge hat ein neues deutsches Judentum zu blühen begonnen.«

 

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