Kassel

Purim im Juli

Ganz groß: Machane in Kassel Foto: Ralf Pasch

Einen Moment lang ist in der Kasseler Synagoge Purim, auch wenn die Jahreszeit so gar nicht dazu passen mag. 24 Kinder machen mächtig Radau, als Yana Fayerovych Hamans Namen ausspricht. Während des Machane in den Sommerferien gingen die Kinder ins Museum, ins Kino oder sie besuchten einen Freizeitpark.

Doch sie sollten zugleich – ganz spielerisch – etwas über jüdische Religion erfahren, deshalb ging es an einem Tag um den Kalender und die Feiertage. Der Andrang zum Machane war dieses Jahr groß. Die Gemeinde hatte nicht nur die Kinder ihrer Mitglieder, sondern auch Mädchen und Jungen aus nichthalachischen Familien eingeladen.

Unterricht Yana fragt die Kinder, die auf Kissen und Polstern auf dem Boden des Gemeinderaumes sitzen: »Was sind die Zehn Gebote?« Ein Junge meldet sich und ruft: »Zehn kleine Regeln, wie die Menschen leben sollen!« Yana korrigiert: »Das sind keine kleinen Regeln, sondern große Gebote.« Michael Dondikov, der ihr während dieser ungewöhnlichen Unterrichtsstunde zur Seite steht, klärt die Kinder darüber auf, dass es insgesamt 613 Mizwot gibt. Viele davon, beruhigt er seine überraschten Zuhörer, beachtet man, ohne dass man es weiß. »Zum Beispiel, wenn man für arme Leute spendet oder den Großeltern hilft.«

Michael hängt sich ein großes Tuch um und faltet es kunstvoll um seine Schultern. Die Kinder erfahren, dass dies der Tallit ist, den die Männer während des Gebets tragen. Später darf sich ein Junge den Gebetsschal umlegen lassen. In drei Gruppen aufgeteilt führen die Kinder vor, welche Bräuche mit einem Feiertag verbunden sind, das Verkleiden an Purim etwa oder das Anzünden der Kerzen an Chanukka.

Challot Die Versorgung der kleinen Gäste während des Machane übernahm die koschere Küche der Gemeinde, am vorletzten Tag hat das Team gemeinsam mit den Kindern Challot gebacken. Als die Jungen und Mädchen am Freitag ein Programm aus Musik und Tanz aufführten, konnten ihre Eltern das Gebäck kaufen, der Erlös kommt der Restaurierung einer Torarolle zugute.

Die Kasseler Gemeinde mit gegenwärtig rund 1000 Mitgliedern ist für jedes Kind und jeden Jugendlichen, der sich für das Judentum interessiert, dankbar. Wie vielerorts plagen Nachwuchssorgen den Vorstand. »Uns fehlen junge Leute«, klagt Vorsitzende Ilana Katz. Die Gemeinde versucht, gegenzusteuern. Es gibt ein Kinderlehrhaus, in dem Vorstandsmitglied Esther Haß Religion vermittelt, und die Kinderband »Anawim« tritt inzwischen auch außerhalb der Gemeinde auf.

Yana Fayerovych und Alla Hodorovska, die die Kinder während des jüngsten Machane betreuten, bekamen dieses Jahr außer von dem 17‐jährigen Michael auch Unterstützung von Gabriela Katz (12) und Artem Onishko (13). Die drei hatten einst selbst an der Kinderfreizeit teilgenommen. Für Gemeindevorsitzende Ilana Katz trotz aller Sorgen um den Nachwuchs ein Zeichen dafür, »dass unsere Gemeinde doch wächst«.

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