München

Pavel war sein Name

Das Pontifikat von Pius XII. ist bis heute umstritten. In der Vorbereitung der Heiligsprechung des damaligen Papstes wird seine Haltung zu den Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft besonders diskutiert. Die Literaturhandlung, der C. H. Beck Verlag und die B’nai B’rith Hebraica-Menorah-Loge haben am vergangenen Sonntag Saul Friedländer als Experten zu diesem Thema in das Literaturhaus in München eingeladen.

pius Verleger Wolfgang Beck stellte den Professor für Geschichte an den Universitäten Tel Aviv und Los Angeles vor. In dem Münchner Verlag, der auch sein mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnetes Werk Das Dritte Reich und die Juden 1933–1945 veröffentlicht hat, ist gerade die Dokumentation Pius XII. und das Dritte Reich erschienen – Friedländers »jüngstes und zugleich ältestes Werk«, wie Beck sagte. 1964, ein Jahr nach Friedländers Promotion in Genf und ein Jahr nach Rolf Hochhuths Der Stellvertreter erschien es in französischer Sprache, 1965 in deutscher Sprache im Rowohlt Verlag. Mit einem aktuellen Nachwort versehen ist die historische Dokumentation jetzt in der »beck’schen reihe« erschienen.

Mit der Lesung einer kurzen Passage aus Pius XII. und das Dritte Reich führte Rachel Salamander von der Literaturhandlung in die Thematik ein – einem Brief vom 6. März 1943 des Berliner Bischofs Konrad von Preysing an den Papst anlässlich einer neuen Welle von Deportationen. Die Wortwahl von »Unglücklichen – Unschuldigen«, für die Preysing den Papst um Hilfe bat, sollte im folgenden Vortrag sowie im Podiumsgespräch zwischen Saul Friedländer und Rachel Salamander eine wichtige Rolle spielen. Ebenso wie das Stillschweigen des Papstes, als »nur wenige Monate später, am 16. Oktober 1943, die Juden von Rom ›direkt unter den Fenstern des Papstes‹ zusammengetrieben und nach Auschwitz deportiert wurden«.

Katholik Anders als für Hitler, der Juden unabhängig von ihrer aktuellen Glaubenszugehörigkeit definierte und ermordete, war für die katholische Kirche ein getaufter Jude ein Katholik und damit Angehöriger dieser Gemeinschaft. Saul Friedländer, selbst von dieser Einordnung betroffen, ging das Thema hochsensibel an. Er hellte die Hintergründe auf, verdeutlichte Zusammenhänge.

Er selbst kennt den Katholizismus, hatte als Kind selbst noch die damaligen Karfreitags-Fürbitten zur Bekehrung der Juden mitgebetet. Seinen in Auschwitz ermordeten Eltern war es möglich gewesen, den Sohn in einem katholischen Internat in Sicherheit zu bringen. Dort wurde Pavel als Internatsschüler getauft. Erst spät erfuhr er, dass es für seine beiden überlebenden Onkel gar nicht einfach war, dass ihr Neffe nach Kriegsende wieder in die eigene Familie zurückkommen konnte.

Erst zu Anfang dieses Jahrtausends wurde bekannt, dass es eine Vorgabe war, getaufte jüdische Kinder nur dann aus der Obhut der Kirche zu entlassen, wenn die Eltern die Schoa überlebt hatten: »Es war gegen die Anweisung der Kirche, mich rauszulassen.« Waren also im Briefwechsel Preysings mit Pius XII. mit den »Unglücklichen – Unschuldigen« nur die getauften Juden gemeint?

Eigenart Der Einsatz des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen gegen die Ermordung von angeblichen Geisteskranken 1941 hat den Papst in einem Brief an den Berliner Bischof Preysing zu der Aussage gebracht, dass die Kirche in Deutschland »auf Euer öffentliches Auftreten umso mehr angewiesen ist, als die allgemeine politische Lage in ihrer schwierigen und oft widerspruchsvollen Eigenart dem Oberhaupt der Gesamtkirche in seinen öffentlichen Kundgebungen pflichtmäßige Zurückhaltung auferlegt«.

Dabei habe der Papst aufgrund seiner Kenntnisse als langjähriger Nuntius in Deutschland davon ausgehen können, »dass die übergroße Mehrheit im Hinblick auf die Judenverfolgung nicht wie Galen handeln würde«, der, wie Friedländer in seinem Buch hinzusetzt, nie ein Wort über die Juden verlor. Im Übrigen kannte der Papst auch die antisemitische Einstellung der polnischen Bischöfe. Einen Protest seitens der Kirche gegen die Judenvernichtung habe es nur in den Niederlanden gegeben – mit dem Effekt, dass auch getaufte Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Eines betonte Friedländer immer wieder: Zwar seien inzwischen eine Vielzahl an vatikanischen Quellen über Pius XII. veröffentlicht. Doch das seien nicht alle. Deutliche Lücken seien erkennbar. Aus Sicht der Kirche sieht er eine Heiligsprechung schon deshalb als folgerichtig an, weil ein Papst in der Auseinandersetzung mit dem Prinzip des absolut Bösen grundsätzlich nur auf der Seite des Guten stehen könne.

Saul Friedländer: Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation. 231 S., Verlag C.H.Beck, München 2011, 14,95 €

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